Sein "Weltende" war ein Paukenschlag -- es gab das Intro zu Kurt Pinthus' Sammlung "Menschheitsdämmerung", und sein Echo klingt bis heute nach. (Wer's nicht kennt: Einfach die erste Zeile, "Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut", googeln...) Alles fällt und stürzt hier: der Hut vom spitzen Kopf des Bürgers, die Eisenbahnen von den Brücken, und die Dachdecker "gehn entzwei" -- nur die wilden Meere hupfen. Den Grund für diese geballte, ungerührt verkündete Katastrophenmeldung nennt van Hoddis im ersten Vers der zweiten Strophe: "Der Sturm ist da", heißt es lakonisch.
Aber was hat Jakob van Hoddis sonst noch geschrieben? Bekannter als sein Werk ist nämlich sein Schicksal -- van Hoddis konnte seinen Ruhm als einer der führenden expressionistischen Dichter nur kurz genießen: Schon mit 25 Jahren wird er erstmals in eine Nervenheilanstalt eingewiesen, und wann genau er von den Nazis in Sobibor ermordet wurde, weiß man nicht.
Der Arche-Verlag hat van Hoddis mit diesem nur quantitativ schmalem Band ein wunderbares Denkmal gesetzt, an dem man nun wenigstens in Gedanken seinen Blumenstrauß niederlegen kann: Diese Ausgabe enthält alle Gedichte van Hoddis', die zu den Hochzeiten des Expressionismus, zwischen 1911 und 1918, erschienen sind. Gewürdigt werden auch die Verdienste seiner beiden wichtigsten damaligen Herausgeber, Franz Pfemfert und Herwarth Walden, ohne deren Engagement van Hoddis vermutlich nie bekannt geworden wäre. Dennoch: Dieser Band gehört, wohl ganz im Sinne seiner damaligen Herausgeber, Jakob van Hoddis.
Zurück zur Ausgangsfrage: Was hat van Hoddis sonst noch geschrieben? -- Im vorliegenden Band wird die Frage beantwortet, und van Hoddis' Bedeutung wird klar: Auch wenn sein Nachlass nicht in Festmetern auszudrücken ist -- was van Hoddis hinterlassen hat, gehört zur ersten Garnitur der deutschen Lyrik nicht nur des Expressionismus: Alpträume in präziser, lakonischer Sprache, schwarzer Humor und sanfte Töne; Ohrfeigen für den guten Geschmack werden ausgeteilt, und doch werden van Hoddis' Gedichte nie plakativ. Stets findet man eine zweite Ebene, womöglich sogar noch mehr Schichten. Dabei legte sich van Hoddis nicht auf eine bestimmte Gedichtform fest. Sicher, viele seiner Gedichte sind in einem ähnlich atemlos dahinpreschenden Duktus gehalten wie sein "Weltende", aber er verfügt über noch viel mehr Register. Immer wieder blitzen ironische Zwischentöne durch: "In Indien -- sagt man -- weint der Mond Kristalle" ("Legende"), doch ist die Ironie kein Selbstzweck, sondern wird schwindelfrei konterkariert durch unglaublich starke, unmittelbare Bilder.
Mit am eindrücklichsten beweist van Hoddis seine Klasse mit "Indianisch Lied", das er der Puppenmacherin Lotte Pritzel gewidmet hat -- in dieser Ballade entwickelt er nicht nur eine Sprach- und Formenbeherrschung und eine Imaginationsfähigkeit sonder gleichen, sondern erinnert passagenweise gar an Villons verwegene Himmelstürmereien. Ein Meisterwerk, aber nicht das einzige -- van Hoddis beherrscht viele Tonlagen, erinnert mal an Lasker-Schüler, mal an Villon; manchmal an Mascha Kaléko (etwa im Gedichtzyklus "Varieté"), manchmal an Morgenstern (z.B. in "Andante") und immer klingt es unverkennbar nach -- van Hoddis.
Es ist ganz einfach ein Genuss, sich ein Gedicht nach dem andern auf der Zunge zergehen zu lassen.
Die Gedichte haben es also in sich -- aber auch sonst ist dieser Band nicht nur eine Wohltat für des Bibliophilen Auge, sondern auch ganz einfach vorbildlich ediert: Der Anhang bietet neben Erläuterungen und bibliographischen Angaben zu jedem Gedicht auch noch eine Zeittafel, einen chronologischen Abriss der Erstveröffentlichungen und eine editorische Notiz, sondern auch noch einen klugen Beitrag von Paul Raabe über Jakob van Hoddis und seine Verleger.
Wenn einem nicht van Hoddis' Gedichte längst den Hut vom spitzen Kopf gefegt hätten, würde man ihn jetzt ziehen...