Ein bisschen Geschichte: Da hauen Gernotshagen mit "Wintermythen" ein astreines Mini-Debütalbum auf den Untergrund-Markt und versetzen kurze Zeit später mit "Märe aus Wälderen Hallen" den Pagan-Metal-Underground in Verzückung. Sphärische Musik, tiefe Growls, keifender Gesang und fantastischer Cleangesang wechseln sich ab und nehmen den Hörer auf eine Reise zu längst vergangen Tagen mit. Und genau da setzen Gernotshagen ziemlich genau 4 Jahre später wieder an: Weltenbrand - Die Banner Hoch der Nacht Entgegen!
Das Album beginnt ruhig und leitet mit "Offenbarung" stimmig auf die bevorstehende Reise ein, geht dann nahtlos in "Weltenbrand" über und offenbart bereits die Trademarks, die sich Gernotshagen beibehalten haben. Ich muss aber ehrlich sagen, dass mich diese Kombination nicht so umgehauen hat wie seinerzeit "Märe aus Wälderen Hallen & Der Alte Wald". Man schraubt die Naturmystik am Anfang etwas zurück, was ich erst mal schade finde, aber im Laufe des Albums dann doch restlos zufrieden sein werde. Weiter geht es mit dem Midtempo-Song "Einsam", welcher absolut großartig daher kommt und auch das Tempo vorgibt in dem sich Gernotshagen auf "Weltenbrand" offensichtlich am Wohlsten fühlen. Schwarze Raserei findet man recht selten, eher versucht man sich im Mid-Tempo-Bereich und lockert diesen mit ruhigeren und dann wieder schnelleren Einlagen auf. Ähnlich war dies ja schon auf dem Vorgängeralbum zu beobachten. Mit "Blinder Wut" packt man eine leichte Schippe drauf und geht einen Tacken schneller nach vorn. Und da zeigt sich einmal mehr, was ich so großartig an dieser Band finde: Da kreischt sich Askan herrlich durch den Song und urplötzlich werden Textzeilen in perfektem, epischen Klargesang dargeboten. Das erfreut den Gehörgang und ist angenehm abwechselnd - vor allem wenn dann noch 2-3 Growls dazu kommen. Großes Kino! "Thursenhain" dürfte denjenigen schon bekannt sein, die Gernotshagen in den letzten 3 Jahren mal live gesehen haben, wurde der Song ja schon da gespielt und ist eine absolute Offenbarung in meinen Augen - für mich eines der Highlights des Albums! Episch, mystisch, fantastisch und einfach mitreißend. Da sieht man das Alter des Songs: Es geht deutlich mehr Richtung "Märe..." als die restlichen Songs, zumindest empfinde ich das so. Als Schmankerl bietet der Song dieses Mal kindlich-weibliche Unterstützung bei einigen Textpassagen die dem ganzen eine tieftraurige Romantik verpassen und sich sehr gut einfügt. Zum Schluss hin packt man dann nochmal die Speedkeule aus und schwingt sie in einigen Blastbeats bevor es wieder in romantischen Chören etwas ruhiger wird und zum Träumen einlädt. So muss das klingen! Daran folgt auch gleich der längste Song des Albums: "Freyas Schoß" (8:23). Auch dieser Song reiht sich nahtlos ein, geht etwas fixer zu Werke als noch die ersten 3 Lieder und nimmt einen mit seinen verträumten Melodien ziemlich schnell gefangen und lässt einen dann auch bis zum Schluss nicht mehr los. Und grade wenn man die Augen geschlossen hat, erklingt Askans klare Stimme und lässt einen von den unendlichen Weiten des Thüringer Wälder träumen. Das sind die Momente, weswegen man diese Art von Musik hört und in denen Gernotshagen (ähnlich wie Finsterforst) absolut auftrumpfen können. Partymetal geht anders und zum Glück hebt sich die Band damit von den Plastik-Pagan-Metallern ab und besinnt sich auf die Ursprünge sowie das eigentliche Thema des Paganmetals - welches eben NICHT nur Met ist. "Sturmbringer" kommt Drum-gewaltig daher und wummert die ganze Zeit ordentlich durch, fällt aber ganz leicht ab im Gegensatz zum direkten Songvorgänger. Nichts desto weniger ein starkes Stück und mit 7:56 auch fast genauso lang. Weniger mystisch aber dafür etwas "straighter". Guter Kontrast der aber dennoch mit wunderbaren Gitarrensoli aufwarten kann. Als vorletzten Song wird uns "Schlachtenbruder" dargeboten, der Keyboard-geschwängert beginnt und dann eine leichte E-Gitarre einfließen lässt. Zumindest Sekundenweise denkt man unweigerlich an Pink Floyd - bis dann Askans Stimme leise wispernd ertönt und den Song dann mit voller Wucht nach vorn treibt. Weniger verspielt aber dafür deutlich schneller und härter, einen Anflug von "schwarzer Raserei" kann man da erkennen und zeigt dass die Band auch das hohe Tempo zu beherrschen vermag, es gibt ordentliches Geknüppel bevor kurze Midtempo-Sequenzen eingeschoben werden und ein epischer (Keyboard-) Chor das Geschehen unterlegt - kaum vorbei wird das Gaspedal wieder durchgetreten und offenbart mit kreischenden Vocals ein unglaublich packende Seite der Band. Den Abschluss dieser Reise bietet das etwa 6minütige "Die Banner hoch der Nacht entgegen" - welches allein schon vom Titel her unglaublich schön ist. Der Song selbst beginnt mit dem Rauschen des Windes und einem kleinen Piano-Opening, Askans Stimme ertönt in einsamer Traurigkeit und man spürt quasi den Schmerz und dann die Erhabenheit die sich in ihm ausbreitet. Das Lied selbst ist im Prinzip ein gewaltiges, episches und absolut überragendes Outro, welches komplett ohne Geholze auskommt. Leichte Drums und ein epischer Chorus, massenhaft Keyboards und pure Filmdramatik sind die Schlüssel zu diesem Song, bevor das Knistern eines Feuers da abschließt wo das Album am Ende von "Weltenbrand" erst richtig begonnen hat.
Wer es noch nicht mitbekommen hat: Ich bin vollends von dem Album begeistert, wenngleich mir ein Song wie "Widars Klagesturm" oder "Der Alte Wald" fehlt - stattdessen bekommt an aber komplett frische Songs die zwar thematisch und spielerisch in die Ecke gehen wo man vier Jahre zuvor aufgehört hat - aber dennoch genug Eigenständigkeit, Frische und Schönheit beherbergen, dass dieses Album nicht einen einfach Rip-Off darstellt sondern sehr gut für sich alleine stehen kann. Die Band ist sichtlich gereift und das spürt man auch an der guten (wenngleich noch lange nicht perfekten) Produktion, die deutlich druckvoller daherkommt ohne aber einen gewissen rauen Charme vermissen zu lassen. An 2-3 Stellen sind die Keyboards doch arg im Vordergrund, aber zum Glück sind das Ausnahmeerscheinungen. Generell werden allen Instrumentalisten genug Platz eingeräumt um von sich zu überzeugen, wobei natürlich die Gitarren immer wieder mit wunderbaren Melodien daherkommen. Die Keyboards sind weiterhin Keyboards und versuchen auch nicht etwas wie ein Orchester darzustellen. Die Band weiß was sie kann und das bringt sie gut rüber. Askans Stimme ist mit Sicherheit nicht perfekt aber passt perfekt zur Band, den Liedern und der Thematik. Ich höre ihn sehr gern, wenn er keift klingt es gemein, growlt er klingt es finster und erhaben wenn er klar singt. Was will man denn mehr? Die Rythmusfraktion um die Drums hingegen haben an Druck dazu gewonnen und klingen nun deutlich weniger "dünn" als noch vor vier Jahren, wenngleich ich mir da nochmals mehr Druck wünschen würde.
An dieser Stelle sei also als Fazit gezogen: Wer auf epischen Paganmetal steht, auf Sauflieder verzichten kann und sich von der Mystik der Natur verzaubern lassen möchte, ist hier genau richtig. Manch einer mag die ein oder andere Stelle kitschig finden (wie auch mein Review, schätze ich), aber letztlich weiß man was man kauft, wenn man zu Gernotshagen greift: Ein bisschen Moonsorrow oder Finsterforst, die früheren Equilibrium dazu gemischt, ein bisschen Obscurity, noch ein bisschen Bathory und fertig ist der Thuringa-Soundtrack. Mit Sicherheit nicht jedermanns Sache. Aber Fans des Genres sollten in jedem Fall ein Ohr riskieren. Und Fans der Truppe sind sowieso begeistert, denke ich. Gernoshagen, 2011 - sichtlich reifer aber immer noch einfach fantastisch. Kinder die zu Humpaaklängen abfeiern wollen, sind hier mit Sicherheit ebenso falsch wie jene die nur Black Metal wollen. Aber reinhorchen hat noch keinem geschadet. In diesem Sinne haben sich Gernotshagen die 5 Sterne locker verdient. Ich hoffe dennoch, dass man nicht bis 2015 warten muss, bis es eine neue Scheiblette zu hören gibt!