In einer Begegnung (so der Untertitel) wird der Leser in „Die Welt des Tibetischen Buddhismus" geführt. Nach einem ersten Eindruck vom geschichtlichen Hintergrund der Verbreitung des Buddhismus in Tibet wird dessen Geisteswelt diskutiert. Die Vertrautheit der Autoren mit dieser Geisteswelt drückt sich u.a. darin aus, daß sie eigene Worte finden, um diese zu behandeln. Scheinbar so leicht verständliche Inhalte wie der 'edle achtfache Pfad' gewinnen durch von Brücks eigene Deutungen erheblich mehr Klarheit als dies in gängigen Darstellungen der Fall ist. Da im tibetischen Buddhismus die meditative Praxis eine zentrale Rolle spielt, räumen die Autoren ihr einen entsprechenden Platz ein. Einen großen Teil nehmen in ihrem Buch daher die Beschreibung der bzw. die Hinführung zur spirituellen Praxis, den damit zusammenhängenden geistigen Prozessen sowie deren Erläuterung ein. Nicht nur weltanschauliche Grundlagen, sondern auch wichtige Definitionen der wirksamen Bewußtseinskräfte und -ebenen, die zugrunde liegenden mentalen Faktoren und in Frage kommende Meditationsmethoden werden knapp, aber klar beschrieben. Lobenswert ist, daß die Autoren kritische Anmerkungen nicht vergessen: „Westlichen Meditationsbegeisterten ist oft nicht klar, daß hier eine Aufgabe angesprochen ist, die man nicht im Vorübergehen lösen kann. Wer den buddhistischen Weg des Geistestrainings gehen will, braucht Hingabe, Geduld und Beistand in einem Maße, wie wir es uns kaum vorstellen können." Um den Einblick in den tibetischen Buddhismus abzurunden, werden am Ende die für das System des Lamaismus typischen Medienerscheinungen (Schamanen, Trance, Orakel) angesprochen. Eigentlich unmöglich erscheint das Unterfangen, Nichteingeweihte in einem solchen vergleichsweise dünnen Band nicht nur an die Oberfläche, sondern wirklich näher an die Inhalte des tibetischen Buddhismus heranführen zu wollen - und doch gelingt es in einem erstaunlichen Ausmaß. Mit Blick auf den gelungenen Entwurf der religiösen Inhalte sind die generalisierenden Skizzen zur Geschichte Tibets - die immer noch ausgewogener als manch umfangreichere Abhandlung sind - verzeihlich.
Andreas Gruschke