GEKÜRZT UND MIT EINEM HAUCH VON ZENSUR
Jetzt sitze ich hier als guter Mensch und Anhänger der Ökobewegung, der kein Fleisch ißt, Produkte meidet, die an Tieren getestet werden, und sein Bestes tut, damit die Welt wieder ein Gleichgewicht findet. Und dann kommt Michael Crichton daher und sagt mir, daß die Welt noch nie im Gleichgewicht war und der große Fehler der Menschen darin besteht, daß sie denken, sie hätten die Aufgabe ein Gleichgewicht zu erzeugen. Er sagt mir auch, daß Mitgefühl eine gute Sache ist, daß meine Aktionen sich sicher lohnen, daß ich aber einen fatalen Fehler mache, wenn ich nichts von den Fakten weiß.
Ich weiß wirklich wenig von den Fakten, ich spiele gerne einen auf Ignorant, weil es einfach zu viele Fakten und Blickwinkel gibt. Dann habe ich mich auf Crichtons neuen Roman eingelassen und muß sagen, daß mich die Fakten darin mehr als erschüttert haben. Und weil es mich wurmt, ahnungslos dazustehen, war es an der Zeit in Aktion zu treten. Ich machte mich daran, die Fakton von Crichton zu untersuchen. Es wurde eine mühevolle Reise, Crichton bot die Fußnoten, Querverweise und literarischen Quellen, das Internet tat den Rest.
Der Mann hat Recht. Ich wiederhole es noch einmal, weil es eine recht deprimierende und gleichzeitig auch euphorisierende Feststellung ist - der Mann hat Recht. Er hat einen Blickwinkel auf unsere Zeit, der mich einiges gelehrt hat. Sicher kann man sagen, daß die heutigen Katastrophen solch ein Buch widerlegen, aber das ist schon ein wenig albern, denn darum geht es nicht in Crichtons Roman. Es geht um uns und die Medien, die uns pausenlos on the edge halten; es geht um diesen Planeten, unsere Ahnungslosigkeit und Arroganz und die Schwarzmaler, die sich unser Unwissen zunutze machen. Es geht um das kurze Wort Angst mit dem sich jeder von uns lenken läßt.
Ich will hier nicht, die Gründe, Hintergründe und Erklärungen wiedergeben, dafür hat Crichton einfach ein viel zu cleveres Buch geschrieben, das eine große Menge von Leuten ausgesprochen hassen werden. Aber so war Crichton von Anfang an, bevor er sich in die etwas seichteren Themen begab und Kinder durch den Jurassic Park jagen ließ oder mit Rittern spielte. Sein neues Buch erinnert in seiner Direktheit an die ersten Romane, die durchweg Perlen waren und einen Schriftsteller zeigten, der nicht tief in der Gefühlskiste der Menschen kramt und vierzig Seiten braucht, um einen Charakter zu beschreiben. Er zeichnet die Personen einfach, sie sind entweder stark oder schwach, fies oder nett, es gibt kein dazwischen, denn Crichton geht es um Fakten, und er verpackt sie in Spannung - eine gute Kombination für alle, die keine Lust auf den trockenen Stil von Sachbüchern haben.
Da ich das Buch im Original gelesen haben, war ich gespannt auf die Übersetzung. Und da setzt es einiges. Die Zensur muß in Form des Lektorats zugeschlagen haben. Einige Fakten müssen dem deutschen Blessing Verlag doch zu brenzlig gewesen sein, daß er sie einfach rausschnitt. Ein Beispiel.
Auf Seite 450 ganz unten und übergehend zu Seite 451 gibt es eine Passage, in der Hoffmann sagt:
"Wir haben noch gar nicht über die Involution gesprochen."
Die Antwort von Evans ist ein dämliches:
"Darüber reden wir ein andermal."
Im amerikanischen Original auf Seite 459-460 klingt das ganz anders. Evans sagt: "Professor---" und darauf spricht der Professor weiter und sagt:
"Es ist der nächste Schritt in der Entwicklung der Nationalstaaten. Tatsächlich passiert es schon. Sie müssen die Ironie dahinter sehen. 25 Milliarden Dollar und zehn Jahre später kauft die reiche Elite, die furchtbare Angst vor Magnetfeldern und Krebs durch Stromleitungen hatte, Magneten ein und wickelt sie sich um die Fußknöchel oder schiebt sie unter ihre Matratzen, um die gesunden Effekte von magnetischen Felden zu nutzen. Es sind dieselben magnetischen Felder wie zuvor, nur jetzt können sie nicht genug davon bekommen."
Ich weiß nicht, wie man das sonst noch nennen kann, für mich ist das eindeutig eine Zensur. Vielleicht ist der Verlag ein Fan magnetischer Felder, vielleicht wollten sie keinen Ärger mit den Importeuren von Fußbändern haben oder dachten sich einfach, das merkt so und so keiner. Es ist definitiv nicht die einzige Zensur, dem Rest der geschnittenen Szenen kann sich jeder selbst widmen. Ich rate zum Original, es sagt einfach mehr und niemand filtert die Worte.Und auf das Haupt des Lektors und das des Verlages möge Asche fallen. Es ist schon sehr peinlich, wenn im Jahre 2005 solche Zensur stattfindet.