Wer von sich behauptet, er könne in drei Strichen die Welt erklären, ist entweder Komiker, Klugscheißer oder Klappentexter. Und obwohl mir als Vielleser schon etliche unsinnige Buchtitel begegnet sind, störe ich mich noch immer an solch maßlosen Übertreibungen. Dabei hätten es die beiden Autoren nicht einmal nötig gehabt, ihr Nachfolgeprodukt so anzupreisen, können sie doch noch immer vom Ruf ihres Bestseller "50 Erfolgsmodelle - Kleines Handbuch für strategische Entscheidungen" zehren.
Nun wollen Mikael Krogerius und Roman Tschäppeler also mit diesem kleinen Buch der großen Veränderungen an ihren Überraschungserfolg anknüpfen. Ob ihnen das gelingt, wird sich zeigen. Zweifel habe ich, weil sie ein Konzept duplizieren, das für diesen Inhalt nur beschränkt taugt. Denn nicht überall, wo Modell drauf steht, ist auch ein Modell drin. Und viele der zitierten Gewährsleute würden ihre Thesen auch nie Modell nennen.
Um Krogerius-Tschäppeler-Neulingen das Konzept dieses Buches kurz zu erklären, zitierte ich aus der Gebrauchsanweisung und stelle ein Beispiel vor. "Bei der Suche nach Modellen, die unsere Welt in Veränderungen erklären, wurde schnell klar, dass wir auch unsere Vorstellung von Veränderung verändern müssen. Die Idee des Seins muss ersetzt werden durch die Idee des Werdens." Klingt gescheit, ist aber so wenig praxistauglich wie viele der vorgestellten Erklärungsmodelle. Beispiel: Das Multitasking Modell. Werden zuerst einige unangenehme Zahlen aufgeführt, um danach vier Empfehlungen abzugeben, wie wir der großen Ablenkung aus dem Weg gehen können. E-Mails eine Stunde lang am Anfang und am Schluss des Arbeitstages beantworten, einen E-Mail-freien Tag pro Monat bestimmen, am Samstag keine E-Mails checken und dreimal pro Jahr das Internet drei Tage ausschalten. Die Grafik auf der folgenden Doppelseite soll es dem Leser schließlich erleichtern, seinen Offline-Austausch mit anderen richtig einzuschätzen. Und das war's dann auch schon. Von dem, was die Neurologen zum Mythos Multitasking sagen, kein Wort.
Dass die beiden Welterklärer an der Herstellung dieses Buches Spaß hatten, glaube ich ihnen sofort. Aber erfüllt sich auch ihre Hoffnung, dass die Leser mindestens ebenso viel Spaß haben? Ja, wenn sie lustige Versuche sehen möchten, schwer Verständliches grafisch darzustellen. Nein, wenn sie auf umständlich Formuliertes stoßen oder sich unnötig mit Fremdwörtern herumschlagen müssen.
Wer alles auf drei Striche reduziert, produziert leider auch viel Unsinn. Und so kommt es, dass die Leser im Glauben gelassen werden, der Intuition dürfe man nicht vertrauen, Kinder würden nicht von den Eltern geprägt oder mit einem garantierten Grundeinkommen gäbe es keine Arbeitslosigkeit mehr. Nichts gegen Vereinfachungen, aber Einzelthesen zur Wahrheit zu erheben, hat mit Reduktion von Komplexität oft wenig zu tun. Das wissen offenbar auch die beiden Autoren Mikael Krogerius und Roman Tschäppeler, erklären sie auf Seite 102 immerhin, warum es keine Wahrheit gibt.
Mein Fazit: Schon beim ersten Buch der beiden Autoren ist die Versuchung groß, sich von der tollen Verpackung blenden zu lassen. Aber immerhin ging es darin noch um Inhalte, die mit Modellen etwas zu tun haben und sich daher auch grafisch besser darstellen lassen als natur- oder populärwissenschaftliche Welterklärungen. Und vielleicht stimmt die Behauptung auch gar nicht, dass nur derjenige verändern kann, der zuerst versteht. Immerhin wird unser Verhalten nach wie vor und zum größten Teil vom Unbewussten gesteuert.