Die hier von Joab Nist getroffene Auswahl von im Berliner Stadtraum gesammelten Nachrichten, Gesuchen, Drohungen, Verwünschungen und Liebesschwüren ist ein ganz großartiges, lustiges, trauriges, poetisches und brutales Buch. Pointierter ist der Berliner Alltag der Gegenwart in einer sich immer rapider verändernden Stadt in letzter Zeit nicht auf den Punt gebracht worden.
'"Wellensittich entflogen - Farbe egal'" ist nicht weniger als eine Stadtethnografie mit den Mitteln des Flaneurs. Und was lernt der Betrachter hier über Berlin? Dass der Berliner Humor wie seit jeher noch immer ein defensiver ist, scharfzüngig, bissig, pointiert - und mit liebenswürdig nicht ruhigen Gewissens zu beschreiben. Dass die Stimmungslage in der Stadt alles andere als entspannt ist, wofür aber nicht nur die gängigen Klischees über das Wesen des Hauptstädters verantwortlich gemacht werden können. Vielmehr setzt nachdem man sich die Lachtränen aus dem Augwinkel gewischt hat, beim Lesen und Entdecken immer wieder Nachdenklichkeit ein. Denn zwischen den Zeilen der hier versammelten Botschaften schimmert häufig die Angst durch: vor dem Exkrement von Mensch und Tier, vor Einbruch und Diebstahl, vor Mietern, Nachbarn und Vermietern, vor Hipstern, Schwaben, Durchgeknallten und Stadtneurotikern. Man ist zwischen all den blank liegenden Nerven froh über die rührenderen Geschichten von Kindern, die Sherlock Holmes spielen möchten und einsamen Seelen auf der Suche nach der Zufallsbekanntschaft vom Abend zuvor. Der Ton wird rauer. Die Gentrifizierung einer Mieterstadt - auch davon erzählt dieses kleine, schöne und wichtige Buch, das für mich DAS Berlin-Buch des Moments ist.
Zu einigen der Botschaften gibt es als Dreingabe noch gut recherchierte, kurze Hintergrundberichte. Ansonsten bleibt man mit einem sehr stark lachenden und einem leise weinenden Auge ganz für sich mit der Poesie des Alltags in einer komplizierten, nicht in sich ruhenden, von harten Kontrasten geprägten Stadt.