Endlich wieder ein richtiger Krimi, dachte ich nach Lektüre des Klappentextes von "Wellenbrecher". Im Gegensatz zu den letzten beiden Romanen, "Dunkle Kammern" und "Das Echo", in denen die eigentlichen Verbrechen doch mehr als Dekoration der sonstigen Handlung und vor allem der Beziehungen der Personen untereinander dienten, stehen hier das Verbrechen, Vergewaltigung und Mord, und die Ermittlungsmethoden der Polizei im Vordergrund. Die abgedruckten Verhöre, Obduktionsergebnisse und Zeugenaussagen geben dem ganzen einen Hauch von Authentizität und nebenbei erfährt man mehr über Boote und Strömungen an der englischen Küste, als man vermutlich je wissen wollte.
"Wellenbrecher" ist ein spannender Roman in bewährter Minette-Walters-Art. Die Charaktere sind gut herausgearbeitet, niemand ist vollkommen, alle ein bißchen zwielichtig, und besonders Dorfpolizist Nick Ingram ist so gut gelungen, daß man sich wünschen würde, mehr von ihm zu hören. Da jeder Roman von Minette Walters aber bisher in anderer Umgebung mit anderer Besetzung spielt, ist das wohl eher unwahrscheinlich.
Man folgt also den Ermittlungsmethoden der Polizei, und so wie diese ihr Hauptaugenmerk auf den einen oder anderen Verdächtigen lenkt, meint man selbst auch den Täter zu erkennen. Gegen Ende war es dann aber doch überraschend, daß der Täter plötzlich ein Geständnis ablegte, und erst nach einigem Nachdenken wurden mir die Beweggründe dafür klar. Aber auch das ist ja ein Qualitätsmerkmal von Minette Walters, daß einem nicht alles vorgekaut wird, sondern auch nach Zuklappen des Buches noch genug Stoff zum Nachdenken bleibt.
Die erste Hälfte des Buches, in der die einzelnen Personen entwickelt werden, habe ich innerhalb eines Tages verschlungen, die Spannung ließ dann aber in der zweiten Hälfte nach. Zwar kamen weiterhin mehr oder weniger schockierende Details zum Vorschein, die Verdächtigen verstrickten sich immer mehr in Widersprüche, die Paukenschläge, die man aus den anderen Büchern gewohnt war, blieben aber aus. Gegen Ende war die Beziehung zwischen Polizist Ingram und Zeugin Maggie Jenner interessanter als der eigentliche Mordfall.
Wenn die bisherigen Bücher von Minette Walters nicht besonders hohe Erwartungen geweckt hätten, wäre meine Kritik dieses Buches sicherlich positiver ausgefallen. So würde ich aber empfehlen, auf die (preisgünstigere) Taschenbuchausgabe zu warten und bis dahin die anderen Romane der Autorin zu lesen, die doch noch eine Klasse besser sind. Meine persönlichen Favoriten : "Die Schandmaske" und "Das Eishaus".