Ohne allzu sehr in Eitelkeit verfallen zu wollen, kann ich doch behaupten, dass Literatur im Allgemeinen und deutsche Literatur im Besonderen zu den besseren Teilen meiner Allgemeinbildung gehört. Und dennoch war mir der Name Eduard von Keyserling als Autor kein Begriff. Ich kann demnach der Anmerkung von Jens Malte Fischer auf der Umschlagrückseite von „Wellen" nur zustimmen: „Keyserling ist der wahrscheinlich unbekannteste große deutsche Erzähler des Jahrhunderts."
Und nach der Lektüre von Keyserlings Roman „Wellen", Band 30 aus der Reihe der Süddeutschen Zeitung kann ich sagen, dass ich noch selten ein Werk eines mir unbekannten Autors gelesen habe, das mich sprachlich so begeistert hat. Keyserling beschreibt im Wesentlichen einige Tage im Leben verschiedener Personengruppen an der Kurischen Nehrung (ein Küstenlandstrich, der teilweise im heutigen Litauen, teilweise in Russland liegt). Das Aufeinandertreffen der Familien von Palikow / von Buttlär mit dem Maler Hans Grill und vor allem mit dessen Ehefrau, der hübschen Gräfin Doralice, die unlängst ihren Gatten, den Grafen Köhne eben wegen des jungen Malers verlassen und damit gegen alle Standesregeln verstoßen hatte, verursacht nicht erst mit der aufkeimenden Liebe des Verlobten eines Familienmitgliedes jede Menge Wirrungen und Irrungen.
Es ist weniger die Geschichte an sich, die fasziniert, es ist die Sprache Keyserlings und es die Weisheit, die aus der Geschichte spricht. Weisheit wird offensichtlich nicht alt, und der Roman Keyserlings aus dem Jahre 1911 ist schließlich beinahe vor einem Jahrhundert geschrieben.
Ein kurzer Dialog zwischen dem Maler Hans Grill und seiner Frau: >> Du Hans, bist du eigentlich böse?<< >>Nein, warum?<< erwiderte er. ... >> Nein, ich bin nicht böse. Warum sollte ich böse sein? Vielleicht, weil die da sich möglicherweise in dich verlieben? Das ist ihr Recht. Das ist erklärlich. Aber das kann doch an uns nicht heran. ... Nein, das wirst du nicht erleben, dass ich knurrend um dich herumgehe. Mir würde vor mir selber ekeln. Wenn du mein bist, weil ich jedem, der mir nahe kommt, die Zähne zeige oder weil ein anderer mir nicht beizeiten die Zähne gezeigt hat, dann bist du überhaupt nicht mein und ich will eine Frau, die mich liebt, und nicht eine Beute - und - ich denke, wir gehorchen reineren Gesetzen - und es ist auch gar nichts geschehen, warum sollte ich böse sein"<< Das ist vollkommen nachvollziehbar und dennoch zeigt Keyserling, dass Hansens Rechnung nicht aufgeht.
Nach einigen ein klein wenig enttäuschenden Romanen aus der SZ-Reihe ist „Wellen" ein von mir uneingeschränkt empfehlenswertes Werk, dem ich gerne 5 Sterne gebe.