Sollte irgendwann mal der deutsche Film (oder das deutsche Kino) die Qualität zum Beispiel britischer period dramas erreichen wollen, dann müsste das Ergebnis in etwa eine Weiterführung einer solchen Vorlage wie der "Wellen" sein. Das meine ich durchaus ernst. Man kann die Hohlheit der Bilder, die strömende Langeweile oder die erstarrten Klischees beklagen, wenn über diesen Film gesprochen wird. Aber.
Erstes ABER: Die grandiose Besetzung, deren in der Dichte hohe Qualität man selten im Fernsehfilm findet. Marie Bäumer als aus der Zeit gefallene Gräfin. Sebastian Blomberg (mit winzigen Abstrichen) als betrogener Liebhaber. Matthias Habich als geistiger Vetter des "Untertanen" Diederich Heßling. Sunnyi Melles als neurotisch-hysterische Bella von Buttlär. Kati Eyssen als liebende und leidende Lolo. Florian Stetter, Monica Bleibtreu, Christian Grashof, Peter Fitz... Jede Darbietung ist für sich schon sehenswert. Wie die Charaktere changieren und irrlichtern im Geflecht von Dünkel, Not, Einsamkeit und Konvention, wie sie im manierierten Reden doch und gerade das Bild einer ganzen Epoche ahnbar werden lassen.
Zweites ABER: Die Bilder. Ja, sie sind ausgestellt. Aber sie sind gleichzeitig von traumhafter, ja traumwandlerischer Schönheit, von elegischer Dekadenz und blasiertem Gleichmut, dass sie gerade den Kontrapunkt, die Folie und den Verstärker anbieten für die Dramen, die in sie gemalt und geschrieben sind. Der Mensch steht in der Natur und hat sich im selben Augenblick grausam weit entfernt von allem Natürlichen, Ungekünstelten, Freien.
Drittes ABER: Vielleicht treffen wir auf Klischeegestalten. Vielleicht ist alles ein bisschen viel: Die adlige Emanze, die blasierte Hysterikern, der kriecherisch-despotische Baron, der junge Adlige, in dem sich stürmische Schwärmerei und technokratische Brutalität so unfassbar und doch so fürchterlich logisch miteinander verquicken, der romantische Maler, die unschuldige junge Frau, die sich in die Gräfin verliebt... Aber diese - fast - Archetypen: Man versteht sie so unglaublich gut oder glaubt es zumindest. Man kann sich vorstellen, wie das war oder - in der Filmzeit - ist, wie kleine und große Katastrophen wachsen können auf dem Boden dieser oft so unheilvollen gesellschaftlichen und persönlichen Dispositionen.
Macht all dies einen brillanten Film? Nein. Aber es macht einen guten. Noch kurz angefügt sei Christian Grashofs geradezu bezaubernder Auftritt. Wellen. Eine ist bei mir angekommen.