Wer reist, kommt oft mit einem ganzen Sortiment von Kuriositäten zurück. Jedes dieser Erinnerungsstücke erzählt eine Geschichte, und von so manchem mag man sich nur ungern trennen. Aber meistens verschwindet dann doch alles in einer Schublade.
Oliver Lutz Radtke hatte den Mut, seine Kuriositätensammlung nicht in der Schublade liegen zu lassen. "Welcome to Presence" ist eine Schatzkiste voller Erfahrungen und Beobachtungen, die der Autor während seiner Studien- und Arbeitsaufenthalte in der Volksrepublik China gesammelt hat. Der Untertitel "Abenteuer Alltag in China" trifft dabei ins Schwarze: denn jedes der kurzen Kapitel lässt den Leser die Faszination spüren, mit der Oliver Radtke in die chinesische Welt eintaucht. In lockerem journalistischem Schreibstil schildert er Anekdoten aus dem chinesischen Alltag, die an die Veröffentlichungen des ehemaligen China-Korrespondenten Kai Strittmatter erinnern. Das Buch ist keine Anleitung für China, bietet aber viele nützliche Informationen zum Überleben in der Volksrepublik. Mit den zehn wichtigsten Redewendungen für Ausländer in China sowie einer illustrierten Einführung in die Besonderheiten des chinesischen Gestikulierens ist der Leser bestens auf das verbale und nonverbale Kommunizieren mit Einheimischen vorbereitet. Oliver Radtke geht der Frage nach, ob Chinesen gelb sind, erklärt, wie in China Schach gespielt wird und erstellt ein Horoskop für alle zwölf Tierkreiszeichen von der Ratte bis zum Schwein – mit einer Vorwarnung, es bitte nicht allzu wörtlich zu nehmen.
Die wichtigste Zutat in Oliver Radtkes China-Mix, den ich auf der Speisekarte eines deutschen Chinarestaurants am ehesten unter "süßsauer" einordnen würde, ist eine gehörige Portion Humor und Selbstironie. Er ist sich seiner Langnasen-Perspektive sehr wohl bewusst und macht dem Leser immer wieder deutlich, dass er hier sein eigenes China beschreibt. Dieser Eindruck entsteht nicht zuletzt dadurch, dass der Autor auf dem Umschlag sowie auf einer der farbigen Abbildungen im Buch selbst im Bild auftaucht.
Die kurzen Kapitel, die nur lose aufeinander aufbauen, laden mich als chinaerfahrene Leserin ein, mir hier und da ein Häppchen herauszupicken – und dabei oft mit einem Schmunzeln an meine eigenen Erlebnisse zu denken. Aber auch Chinakenner werden in "Welcome to Presence" Neues entdecken, denn schließlich erlebt jeder dieses Land auf seine Weise – und bei weitem nicht jeder mit derselben Intensität und Bereitschaft zur Kommunikation quer über alle kulturellen, sozialen, Alters- und sonstigen Grenzen. Und am Ende stelle ich fest, dass ich doch das ganze Buch gelesen und meine Straßenbahnhaltestelle schon lange verpasst habe.