Es fällt mir schwer, für dieses Buch die Bewertung "in Sternen" zur vergeben - jede Bewertung von 1 bis 5 wäre begründbar... provozierend ausgedrückt: 5 Sterne für die Idee, 0 Sterne für den Müll der dabei herausgekommen ist. Letzteres ist natürlich übertrieben und muss differenziert werden.
Das Buch dokumentiert das Ergebnis eines jährlichen Projektes des (englischsprachigen) Online-Magazins "Edge ' the third culture", bei dem eine Frage gestellt wird, zu der Wissenschaftler ihre Meinung abgeben. Laut Vorwort lautete die Frage für das Jahr 2009: "Was wird alles verändern. Mit welchen umwälzenden wissenschaftlichen Ideen und Entwicklungen rechnen Sie noch zu Ihren Lebzeiten?". Die Antworten sind relativ kurz und relativ viele - die kürzeste ein Satz, die meisten zwischen zwei und 5 Buchseiten, insgesamt schätzungsweise etwa 140 Antworten.
Die überraschendste Erfahrung bei der Lektüre war für mich, dass sich viele Wissenschaftler extrem weit aus dem Fenster lehnen! Während einige sehr sachlich aktuelle Entwicklungen und deren realistische Fortführung betrachten, extrapolieren andere aktuelle (Teil-)Erfolge hemmungslos ins Unendliche - ohne Rücksicht auf die Formulierung "zu Ihren Lebzeiten" und ohne die Möglichkeit von Rückschlägen und Wendepunkten in der Entwicklung auch nur in Erwägung zu ziehen. Dazwischen gibt es einige, die zwar Zweifel, an dem was sie da ausführen, für berechtigt erklären, dann ihrer Fantasie ebenso freien Lauf lassen.
Die Stichworte auf denen die meisten Fantasien beruhen sind: Gehirnforschung, Künstliche Intelligenz, Quantencomputer, Molekularbiologie, Genforschung, Nanotechnik... Da kommen dann Voraussagen heraus, dass wir die Sprache des Gehirns entschlüsseln werden, dass wir das Gehirn gefrierkonservieren werden, dass wir u.a. für das Gehirn "Ersatzteile" bauen werden, dass wir unser Gehirn gar nicht mehr verwenden werden, weil die Ersatzteile viel leistungsfähiger werden, dass wir unser komplettes Gehirn auf einen Computer downloaden werden, dass wir unseren "Geist" auf Roboter übertragen werden, dass wir unsere Gehirne mit Sendern/Empfängern zum direkten gegenseitigen Lesen ausstatten werden, dass wir "den Embryo ausrechnen" und dann umprogrammieren werden, dass wir nach der vollständigen Erforschung der DNA eine "neue Software des Lebendigen schreiben", "Jahrmilliarden [Evolution] auf Jahrzehnte verkürzen" werden, etc.
Auffallend ist, dass jene Wissenschaftler, die in solchen Fantasien schwelgen, relativ wenig Zeilen dafür verwenden, zu begründen, warum sie die Aussagen auf Basis ihrer jeweiligen wissenschaftlichen Kompetenz für zutreffend halten. Viel lieber malen sie die Folgen dieser wissenschaftlich-technischen Durchbrüche aus - dies aber in der Regel auch sehr einseitig positiv. Jeder Sience Fiction-Autor würde solche Entwicklungen wahrscheinlich differenzierter darstellen. Ich will mich mal ähnlich weit aus dem Fenster lehnen wie die Wissenschaftler: Ich behaupte, mit Wissenschaft hat all dies herzlich wenig zu tun!
Aus zwei Gründen ist das Buch trotzdem lesenswert. Erstens wurde selten die Welt der Wissenschaft so komprimiert und deutlich entzaubert. Wissenschaftler sind auch nur Menschen, und auch unter ihnen gibt es viele Spinner und Träumer. Zweitens enthält das Buch auch viele ernstzunehmende Gedanken. Dafür Beispiele anzuführen wäre sehr viel schwieriger - ernsthafte Gedanken kann man nicht mit ein paar Worten charakterisieren und das Themenspektrum ist sehr viel differenzierter => selber lesen! :-)
Übrigens kann man die Artikel auch auf der Webseite von Edge im englischsprachigen Original nachlesen.