Sieben Jahre sind nun schon seit dem letzten regulären Karat-Album "Licht und Schatten" vergangen; und nun liegt sie endlich vor, die neue Scheibe von Karat mit dem Titel "Weitergeh'n". Es ist natürlich nicht so leicht, diese Platte so einfach zu rezensieren, wenn man die musikalische Vergangenheit von Karat im Hinterkopf hat, wenn man Herbert Dreilichs Stimme im Hinterkopf hat. Eins sollte klar sein: nämlich dass Karat heute anders klingt als vor 30 Jahren. Wenn man sich damit arrangieren kann, ist diese Platte eine lohnenswerte Anschaffung. Einige Schwächen hat sie, sodass ich eigentlich 4,5 Sterne geben würde, aber das geht ja nicht.
==Musik==
Stilistisch ist das Album sehr abwechslungsreich geworden; da haben wir Rock im Opener "Steh wieder auf", da haben wir was Swingendes mit "So wie du", da haben wir Rhythm'n Blues in "Willkommen im Club" und natürlich Balladen wie "Verloren" oder "Für mich". Für meinen persönlichen Geschmack ist die rein rockige Komponente ein wenig zu kurz gekommen. Gerade am Ende der CD ist ein Übergewicht von ruhigen und sich ähnelnden Songs zu bemerken, hier hätte mehr Abwechslung gut getan (ich meine konkret "Für mich", "Berlin", "Kleine Nachtmusik" - möglicherweise ist diese Verteilung aber auch als dramaturgische Funktion angelegt). Persönlich favorisiere ich die Titel "Vorbei", "Willkommen im Club", sowie das psychedelische "Die Reise"; den Titelsong "Weitergeh'n", eine funkige Popnummer, sowie "Nie zu weit" und "Sommerzeit" halte ich für die schwächeren Songs des Albums. Gesagt sei aber, dass ich keinen Song als ganz und gar "misslungen" oder "unhörbar" bezeichnen würde.
Im Ganzen sind die Songs dieses Albums sehr eingängig und bleiben schnell hängen. Das ist zwar auf der einen Seite schön, denn das regt zum Mitsummen an, birgt aber auch die Gefahr, dass man sich nach mehrmaligen Hören eventuell langweilt.
Als Bonustracks sind auch noch die schon vor einigen Jahren auf einer Single erschienenen Lieder "Melancholie" und "Der letzte Countdown" enthalten, diese habe ich bei Bewertung des Albums aber ausgeklammert.
==Texte==
Die Texte sind, wie schon immer bei Karat, auf Bedeutung angelegt. Sie regen zu Assoziationen, zum Nachdenken und Interpretieren an. Vor Erscheinen des Albums war eine meiner Befürchtungen, dass die Texte mich nicht befriedigen würden, da einige Karatmusiker hier erstmals für Karat texten (früher hatte das ja immer Herbert gemacht; man konnte also nicht wissen, was zu erwarten ist). Die Befürchtung hat sich zum Glück bis auf ein, zwei Ausnahmen (etwa "Sommerzeit") nicht erfüllt.
==Produktion==
Das von André Kuntze produzierte Album ist druckvoll und satt gemischt. Wer genau hinhört kann viele Details entdecken. Der Karat-Sound ist in jedem Fall zeitgemäßer geworden, die Arrangements transparenter. Allerdings eben etwas zu geglättet (ich erwähnte ja schon, dass die Rock-Komponente ruhig etwas mehr zum Tragen kommen dürfte, zumal die Band live deutlich deutlich rockiger ist).
==Artwork==
Das Artwork, ein schönes Digipak, ist in seiner Gestaltung ziemlich modern geworden. Ist natürlich Geschmackssache, aber mir gefällt es ganz gut. Das Booklet, das beiliegt, ist sehr umfangreich und enthält viele Fotos sowie alle Texte des Albums.
Das Album hat einige sehr schöne musikalische Augenblicke, natürlich auch einige Schwächen (man darf auch nicht vergessen, dass die Band mit Herbert die kreative Hauptstütze verloren hat und sich neu orientieren muss). Aber "Weitergeh'n" zeigt doch deutlich, dass es mit Karat endlich weitergeht und dass vielleicht und hoffentlich noch ein paar schöne Sachen in den nächsten Jahren folgen werden.