In vieler Hinsicht ist der Band ein Abschied von der herkömmlichen deutschen Ethnologie, "weg von den Nischen, den marginalisierten Lebenswelten, den Hinterbühnen der Weltgeschichte" wie Rottenburg es ausdrückt. Empirisch geht es dem Autor darum, die Entwicklungszusammenarbeit (EZ) in einem anonymen Entwicklungsland als organisierten Prozess zu untersuchen, und zwar dort, wo sie tatsächlich stattfindet. Genauer gesagt geht es um die unterschiedlichen Repräsentationen der EZ bei den Protagonisten des Autors, einen Abteilungsleiter einer Entwicklungsbank (unschwer als KfW zu identifizieren), einem Consultanten einer privaten Beratungsfirma und einem ethnologisch ausgebildeten Entwicklungsexperten. Der Autor selbst behält als beobachtender Sozialanthropologe die Fäden in der Hand und lässt gewissermaßen die Puppen tanzen, indem er Gesprächsprotokolle, Beobachtungsskizzen und Feldnotizen wie der Ansager eines Puppenspiels zusammenführt, auf Differenzen hinweist und den Ablauf des Dramas erklärt. Das Drama ist der misslungene Versuch, die Wasserversorgung im offensichtlich afrikanischen Ruritanien" im Rahmen eines Projekts der finanziellen Zusammenarbeit sicherzustellen. Wie der zuständige Abteilungsleiter in einer Vorbesprechung erläutert, wurde ein erster Darlehensvertrag mit der Regierung von Ruritanien" bereits 1973 abgeschlossen. Weitere Verträge folgten, Studien wurden angefertigt und Evaluationen durchgeführt. Der Autor betritt die Projektbühne als Beobachter eines Organisations-Entwicklungs-Projektes in drei ruritanischen Wasserwerken, das von einer privaten Consultingfirma im Auftrag der Entwicklungsbank durchgeführt wird. Nach einführenden Gesprächen folgt die Beobachtung des Projekts vor Ort im Entwicklungsland und schließlich die Berichterstattung zum Abschluss des Projektes in der Bank.
Wichtigste Folge der EZ ist, so mutmaßt Rottenburg pauschal die Verhinderung von besseren Möglichkeiten" (S.8). Ein Consultant nach dem anderen wird eingesetzt, Machbarkeitsstudien erstellt, ein Organisationsentwicklungsprojekt (wie im Buch näher dargestellt) durchgeführt, jedoch alle Bemühungen und alle Einsätze von Fachkräften und Finanzmitteln scheitern letztendlich - nicht etwa weil die Gesellschaftsstrukturen des Entwicklungslandes, sondern die Mechanismen in den Geberländern und Organisationen ein Gelingen der Projekte verhindern. Schließlich muss auch noch die mit der Durchführung beauftragte Consultingfirma Konkurs anmelden. Folgerichtig verschwendet Rottenburg auch keine Zeile auf die Analyse der einheimischen Gesellschaft, die sonst die Aufmerksamkeit der Anthropologen und Entwicklungssoziologen beansprucht. Vergeblich sucht der irritierte ethnologisch gebildete Leser nach den klassischen Werken ostafrikanischer Ethnologie von Evens-Pritchard bis Günther Schlee und stößt stattdessen auf meist unspezifische, d.h. ohne genaue Seitenangaben erwähnte Werke der Größen soziologischer Theoriebildung, wie Luhmann, Foucault, Schütz, Habermas und andere mehr.
Doch zurück zu den Repräsentationen. Der Objektivismus des Entwicklungsdiskurses basiert auf transkulturellen Aushandlungs- und Entscheidungsprozessen, die objektivistische Realitätsdefinitionen hervorbringen. Der Entwicklungsbanker vertritt diesen Objektivismus, der Consultant relativiert das objektive Wissen im lokalen Kontext und der ethnologische Experte versagt die erwartete Korrespondenz-theoretische Treue" (S. 20) und verweist auf die soziale Konstruktion der Situation in Berichten und Evaluationen. EZ findet in einem globalern Feld statt, in dem es darauf ankommt, unter Bedingungen der Heterogenität zu kooperieren" (S. 232). Daher bedarf die Formulierung der Berichte, in denen Unterentwicklung konstruiert und dann beseitigt wird, einer universell gültigen Sprache, einer epistemischen Klammer, einem Meta-Code. Hierin könnte man jetzt die hegemoniale Macht der Rechen(schafts)zentren", wie der Entwicklungsbank sehen, welche die Fernsteuerung der Projekte durch weit hergeholte Fakten", ausgedrückt in ebendiesen Meta-Codes gewährleistet und dabei lokale Kontexte verdrängt. Rottenburg folgt dieser Logik jedoch nicht, die schon Bourdieu als Wissensmacht, als autorisierte Sprache gekennzeichnet hat. Ein Meta-Code ist notwendig, so Rottenburg, damit lokales Wissen und lokale Interessen überhaupt Eingang in die Entscheidungen über Kreditvergabe und Projektdurchführung finden können (S. 220). Als Folge betreiben die Akteure vor Ort ein Code-Switching zwischen dem objektivistischen Meta-Code und lokalen Kultur-Codes. Letztere ermöglichen es, die Handlungen des jeweils anderen Akteurs im EZ-Projekt kulturell zu kommentieren und gegebenenfalls zu erklären (S. 13).
Eine Stärke des Buches liegt darin, dass ein sehr spezieller Fall der finanziellen EZ kritisch durchleuchtet und aus der Perspektive der Hauptakteure differenziert dargestellt wird. Die Schwäche ergibt sich aus der schnellen Verallgemeinerung eines einzigen Sonderfalls auf die EZ allgemein. Der globale Kontext des EZ-Diskurses, auf dessen Existenz häufig verwiesen wird, wird weiter nicht thematisiert. Aussagen, dass das Fortschrittsnarrativ die Entwicklungszusammenarbeit weiter bestimmt, mag für die Entwicklungsbank zutreffen, aber schon lange nicht mehr für viele andere Bereiche der EZ. Wichtige Institutionen wie das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung oder die Gesellschaft für technische Zusammenarbeit treten nur am Rande auf. Allenfalls wird ein flüchtiger Blick auf die einheimische Bürokratie gelenkt. Die Ausklammerung des sozialen Umfeldes, d.h. der einheimischen Gesellschaft aus der Analyse des EZ Berichts ergibt ein einseitiges Bild. Aber dagegen kann der Autor halten, dass dies genau seine Intention ist und er die Ethnologie und Entwicklungssoziologie aus der Ecke herausholen möchte, in welche die EZ Behörden sie gerne stellen. Ethnologen sollen das Häuptlingsgrab entdecken, das beim Dammbau überflutet wird, die Bevölkerung gegen das Projekt aufbringt und es zum Scheitern verurteilt. Die Probleme, so argumentiert Rottenburg dagegen, liegen jedoch in der Konstruktion der Entwicklungsarena selbst begründet.
Was von der herkömmlichen Ethnologie bleibt ist die ethnographische Methode: präzise Beobachtungen, Gesprächsprotokolle und Situationsanalysen, die meisterhaft ausgeführt und kommentiert werden, aber auch amüsante Reiseberichte aus der EZ vor Ort: Nach dem Abendessen gibt es Freitags im Ocean View Hotel Diskothek mit wild zusammengemischter Musik und einer Gemengelage von weißen Experten, initiativlustigen Prostituierten, studentischen Touristen, biederen Wochenendbesuchern und der Jeunesse dorée von Baharini" (s. 157) Jedenfalls hat sich der Autor erfreulicherweise nicht vom Stil der Expertenberichte anstecken lassen, sondern erzählt und analysiert engagiert; dabei bleibt die wissenschaftliche Präzision keineswegs auf der Strecke. Es ist ein Vergnügen, das Buch zu lesen. Rottenburg hat die Sozialanthropologie und die Entwicklungssoziologie einen gewaltigen Schritt nach vorn gebracht.