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Weiskerns Nachlass: Roman
 
 
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Weiskerns Nachlass: Roman [Gebundene Ausgabe]

Christoph Hein
4.2 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (10 Kundenrezensionen)
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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 318 Seiten
  • Verlag: Suhrkamp Verlag; Auflage: Originalausgabe (21. August 2011)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3518422413
  • ISBN-13: 978-3518422410
  • Größe und/oder Gewicht: 21,4 x 13,4 x 2,8 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.2 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (10 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 65.745 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

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Christoph Hein
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Produktbeschreibungen

Pressestimmen

»Christoph Hein hat einen filigran gearbeiteten, fein austarierten und listigen Roman vorgelegt, der die Formen realistischen Erzählens neu auslotet.«

(Christian Metz Frankfurter Allgemeine Zeitung )

»Seinen Ruhm als unbestechlicher Zeitdiagnostiker erneuert Christoph Hein mit Weiskerns Nachlass. ... So feiert hier das Dingsymbol der klassischen Novelle seine Renaissance, formvollendet wie das gesamte Buch.«

(Katrin Hillgruber Tagesspiegel )

»Christoph Hein hat sich entschlossen, in bester realistischer Tradition der kapitalistischen Gesellschaft zu Beginn des dritten Jahrtausends den Spiegel vorzuhalten.«

(Irmtraud Gutschke Neues Deutschland )

»Dass Hein … seine Figur nicht bedeutender macht als nötig, dass er uns dieses Würstchen in aller gänze vorführt, das gehört zu seiner erzählerischen Absicht und Aufrichtigkeit. Dass er die Geschichte am Ende nicht einer Klärung zuführt, sondern das Leben des Rüdiger Stolzenburg in der Schwebe belässt – das gehört zu Heins erzählerischen Kunst.«

(Harald Asel RBB Inforadio )

»Es lässt sich als Bericht von unfroher Liebe lesen oder als Krimi und ist doch so viel mehr: eine bittere Gesellschaftsstudie. Eine brisante Parabel. … Hein hat viel hineingetan in dieses Buch – mit bestechendem Sinn für die Zumutungen der Zeit.«

(Karin Grossmann Sächsische Zeitung )

»Weiskerns Nachlass bietet nur einen kurzen Einblick in das Leben des Rüdiger Stolzenburg, eingerahmt im ersten und letzten Kapitel mit dem Blick durch ein Flugzeugfenster. Durch dieses Bullauge blickt Hein auf das Zeitgeschehen und charakterisiert die deutsche Gesellschaft – häufig zutiefst verbittert, vielfach aber auch treffsicher und amüsant.«

(Christina Horsten Gießener Allgemeine Zeitung )

»Dem Autor gelingt es, diese Angst um die blanke Existenz exemplarisch und glaubwürdig zu beschwören. Bei all der Bitterkeit, die in diesem Roman steckt, hat Christoph Hein einen zentralen Nerv des Lebens getroffen.«

(Wolf Scheller Nürnberger Nachrichten )

»Weiskerns Nachlass ist eine grimmige Campus-Satire und eine amüsante Kriminalgeschichte. Hein leuchtet hinter die Kulissen einer Gesellschaft, die Geld mehr als Wissen schätzt und mnachmal ihre guten Traditionen zu vergessen droht.«

(Michael Braun Kölner Stadt-Anzeiger, Magazin )

»Der Autor erzählt uns in staubtrockener, realistischer und sehr genauer Prosa, wie dieser Druck, diese Allmacht des Geldes einen Intellektuellen verändern. Das macht diesen Roman zu einem hochaktuellen, wichtigen Buch.«

(Tomas Gärtner Dresdner Neueste Nachrichten )

»Christoph Hein ist ein sachlicher Erzähler mit Sinn für Komik.«

(Christoph Schröder Frankfurter Rundschau )

»Und so ist Christoph Heins Roman um einen gebeutelten und sehr nachvollziehbaren Helden ein kleines Kunstwerk geworden, mit einer graziösen und gleichzeitig realistischen Prosa und einem genauen Blick für die Anliegen der Gegenwart.«

(Irene Binal ORF, Ö1, Ex libris )

Kurzbeschreibung

Rüdiger Stolzenburg, 59 Jahre alt, hat seit 15 Jahren eine halbe Stelle als Dozent an einem kulturwissenschaftlichen Institut. Seine Aufstiegschancen tendieren gegen null, mit seinem Gehalt kommt er eher schlecht als recht über die Runden. Er ist ein prototypisches Mitglied des akademischen Prekariats. Dieser »Klasse« fehlt jede Zukunftshoffnung: Die selbst gesetzten Maßstäbe an die universitäre Lehre lassen sich nicht aufrecht erhalten; die eigene Forschung führt zu keinem greifbaren Resultat. Für das Spezialgebiet des Rüdiger Stolzenburg, den im 18. Jahrhundert in Wien lebenden Schauspieler, Librettisten und Kartografen Friedrich Wilhelm Weiskern, lassen sich weder Drittmittel noch Publikationsmöglichkeiten beschaffen. Und dann erweist sich das angeblich sensationelle neue Material aus dem Nachlaß von Weiskern auch noch als Fälschung. Seine Bemühungen, eine ihn ruinierende Steuernachforderung zu erfüllen, machen ihm endgültig deutlich: die Welt, die Wirtschaft, die Politik, die privaten Beziehungen – alles ist prekär. Sie zerbrechen, sie setzen Gewalt frei, geben in großem Ausmaß den Schein für Sein aus. Christoph Hein hat mit Rüdiger Stolzenburg eine Figur geschaffen, in der sich prototypisch die Gefährdungen unserer Gesellschaft und unserer Zivilisation am Ende des ersten Jahrzehnts des zweiten Jahrtausends spiegeln. Christoph Hein ist damit der aktuelle, realistische, literarisch durchgeformte Gesellschaftsroman gelungen.

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5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Unsere schöne neue Welt 6. Januar 2012
Format:Gebundene Ausgabe
Der Dozent Rüdiger Stolzenburg reist in einem Billigflieger zu einem Vortrag. Niemand außer ihm scheint zu bemerken, dass das Flugzeug abstürzen wird. Die Propeller bewegen sich nicht mehr. Er ist von Angst gelähmt.
So beginnt Christoph Heins neuer Roman. Erst viel später erfährt der Leser, dass Stolzenburg in einer mit modernen Strahltriebwerken angetriebenen Maschine sitzt. Es war seine Wahnvorstellung, die auf sein Grundproblem hindeutet. Alles im Leben des neunundfünfzigjährigen Kulturwissenschaftlers scheint aus der Bahn zu laufen. Seit fünfzehn Jahren wartet er darauf, dass seine halben Stelle an der Universität Leipzig zu einer Vollzeitstelle wird. Nur mit Vorträgen und Artikeln kann er sich finanziell einigermäßen über Wasser halten. Er hadert mit dem Altern, ist seit Jahren geschieden. Den Kontakt zu seiner Ehefrau hat er ganz abgebrochen, seine Tochter ist ihm fremd geworden. Seit einem halben Jahr hat eine feste sexuelle Beziehung. Sein alles beherrschende Hobby, den Nachlass des Librettisten, Schauspielers und Topographen Weiskern als Werkausgabe zu veröffentlichen, kostet ihn nur Geld und Lebenszeit, wird aber nicht als Forschungsprojekt anerkannt. Die verzweifelte Suche nach einem Verleger bleibt erfolglos. Als Dozent hat er einen großen Teil seines Berufsethos aufgegeben. Seine Vorlesungen und Seminare sind, wie die vieler anderer Kollegen, zu Ritualen erstarrt. Letztlich wird er sich auch nicht mehr vor den Bedrohungen des Alltags schützen können. Christoph Hein hat, um es zurückhaltend auszudrücken, eine Vorliebe für Charaktere, die den Leser gleichermaßen anziehen und abstoßen. Man kann auch sagen, ihm geht es nicht um Zuneigung oder Abneigung, sondern um enthüllende Zustandsbeschreibungen. An Stolzenburg lernen wir die ganze Palette menschlicher Eigenschaften kennen: Selbstzweifel, Schuld und Hass ebenso wie Überheblichkeit, Eitelkeit. Verachtung. Allzu viel menschliche Nähe hält er nicht aus. Er hat die Angewohnheit alternder Männer, neue Studentinnen unter einem unverdächtigen Vorwand unter die Lupe zu nehmen, um zu prüfen, welche ihm gefallen könnte. Die gesellschaftlichen Verhältnisse der letzten Jahre und moralischen und ethischen Wertvorstellungen haben auch Stolzenburg irgendwann verändert. Der Roman deutet nur an, dass sein Held irgendwann einmal anders war. Ist es Heins Absicht, den Leser auf Distanz zu seiner Figur zu halten? Natürlich ist Stolzenburg nicht nur Opfer einer ungerechten Welt. Er wird auch immer mehr selbst zum Täter, passt sich den im Alltag üblichen Überlebensstrategien, Machtstrukturen und Denkweisen an, versucht Erniedrigungen zu entgehen, seine eigene Lebensform zu wahren.
Hein verzichtet, wie auch in seinen anderen Romanen, auf jede Bewertung durch die Stimme des Autors. Im Roman kommt Stolzenburg in zahlreiche mehr oder weniger existenziell bedrohliche Situationen. Auf diese reagiert er aufgrund seines persönlichen Erfahrungshorizonts oft erstaunlich vorsichtig und passiv - so wenn ihm Nachforderungen des Finanzamtes in Höhe von 11.000 Euro seine finanzielle Basis zu entziehen drohen oder eine Bande zwölfjähriger Mädchen ihn auf offener Straße niederschlägt. Zudem bringt ihn ein Angebot, Stücke aus Weiskerns Nachlass zu kaufen in das Visier polizeilicher Ermittlungen. Ein Student bietet ihm 25.000 Euro, wenn er ihn durch die Prüfung bringt, eine Studentin verfolgt ihn als Storkerin, eine andere verspricht ihm Sex für das Anfertigen einer Abschlussarbeit. All dies wirf Stolzenburg immer wieder aus der Bahn, lässt ihn aber nie ganz abstürzen.
Der Blick Christoph Heins auf unsere schöne neue Welt ist ebenso scharf und kritisch wie seine Bestandsaufnahme der versunkenen Welt der DDR in "Frau Paula Trousseau" Er beweist sich wiederum als großer Erzähler, der seine Leser zu fesseln und berühren vermag. Ich habe das Buch innerhalb von zwei Tagen mit wachsender Spannung und Begeisterung gelesen. Literatur vom Feinsten!
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23 von 29 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Ulrich Gellermann TOP 1000 REZENSENT
Format:Gebundene Ausgabe
"Ich bin gewitzt, abgebrüht, ich durchschaue alles. Mich wird nichts mehr überraschen." Diese beiden Sätze leiten das Ende des ersten großen Buches von Christoph Hein ein, das in den 80er Jahren in der DDR unter dem Titel "Der fremde Freund" erschien und in der Bundesrepublik den Namen "Drachenblut" trug. Die Novelle gab die Sicht auf eine DDR frei, die an Gleichförmigkeit litt, an einer Perspektive des Wartens, die nur noch wenige Erwartungen in sich trug. Die DDR schien am Ende ihrer Entwicklung angekommen zu sein. Inzwischen dürfen die ehemaligen Bürger der DDR, gemeinsam mit ihren westlichen Vereinigungspartnern, auf ein abenteuerliches, buntes Deutschland schauen, eines, das jeden Tag große Überraschungen verspricht, allerdings nicht unbedingt solche, die man sich für den Geburtstag wünscht. Mit "Weiskerns Nachlass" hat Christoph Hein eine Geburtstagsgeschichte geschrieben, die einen ähnlich analytischen Blick auf das Land wirft, in dem wir nun alle leben, wie er ihn damals für die DDR reservierte.

Rüdiger Stolzenburg sieht sich an seinem 59. Geburtstag am Ende seiner Karriere angelangt. Er war ein Hochschullehrer mit vielen Hoffnungen. Einer, der bei seinen Studenten Begeisterung wecken wollte und konnte, und er hatte sich, mit einer großen Monografie über Friedrich Wilhelm Weiskern - den Librettisten, Schauspieler und Kartografen - ein essentielles, kulturwissenschaftliches Projekt vorgenommen. An den vorausgegangenen Geburtstagen hatte ihm der Leiter seines Institutes immer eine ganze Stelle, statt seiner halben, eine richtige Professur oder wenigsten den Rang eines Akademischen Rates versprochen, aber an diesem Geburtstag muss er sich einen Vortrag über Drittmittel, über Sponsoren und die mögliche Auflösung des Institutes anhören an dem er arbeitet. Der Protagonist von Heins Roman hat eine "kw"-Stelle, er kann, nach Meinung der Universitätsleitung, getrost wegfallen. Wie auch das Weiskern-Projekt dem Wegfall anheimgegeben ist.

Längst hat der Dozent seinen Elan aufgebraucht. Mag sein, dass es zu Beginn seiner Hochschullaufbahn noch Studenten gab, die seinen Vorlesungen interessiert folgten, doch die Maßstäbe haben sich geändert, in der Gesellschaft und an der Universität. Waren es in Vorzeiten Bildung und Geist, die den Platz eines Menschen oder auch eines Lehrfachs zumindest mitbestimmten, ist der einzig gültige, verbliebene Maßstab das finanzielle Vermögen. Einer seiner Studenten, von Beruf Sohn, verfügt über viel mehr Geld als er. Und Stolzenburg, der ihn hasst, begreift doch die soziale Wirklichkeit wenn er anmerkt: "Es wäre vernünftiger, das Verhältnis umzudrehen, sein Schüler zu werden statt seinen Lehrer zu spielen." Auch, dass er die Mehrheit seiner Studenten mit einem Abschluss entlassen muss, der sie zu einem wahrscheinlich lebenslangen Praktikum verdammt, treibt ihn in die Resignation.

Aber unter der Asche begrabener Hoffnungen lässt Hein eine letzte Glut schwelen, das Weiskern-Projekt, das den Dozenten immer wieder aus dem Trott sich wiederholender Vorlesungen, den sich immer ähnelnden Artikeln und akademischen Gesprächen in das wissenschaftliche Abenteuer zu führen verspricht. Auch aus einem genormten Tagesablauf und einer routinierten Sexualbeziehung lenkt der Autor seine Hauptfigur auf Wege, die Änderung versprechen, von denen Überraschendes zu erwarten sein könnte. Doch wann immer Stolzenburg in die Nähe wissenschaftlicher Fortschritte zu geraten scheint, stolpert er über Geld das er nicht hat, und wenn seine Gefühle dem falschen Glanz der Eintagsliebe entfliehen wollen, sind ihm die eigenen Gewohnheiten im Wege.

Christoph Hein belässt das Ende seines Romans in einer scheinbaren Schwebe. Denn wie immer Stolzenburg sich entscheidet, für das geschrumpfte Sein der letzten Jahre oder für ein kleines Abenteuer mit fremdem Geld, das ihn vielleicht seiner Monografie näher bringt, er wird verlieren: Entweder sein gutes Selbstbild oder sich selbst im traurigen Niedergang der Wissenschaften. Das bunte, neue Deutschland hält, so erzählt Heins Buch, weniger Alternativen bereit, als viele ihm vor langer Zeit zugetraut hatten.
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13 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von W. Öschelbrunn TOP 500 REZENSENT
Format:Gebundene Ausgabe
"Gestatten, mein Name ist Rüdiger Stolzenburg, 59 Jahre alt, Inhaber einer halben Planstelle als Dozent für Kulturwissenschaften in Leipzig, Forschungsschwerpunkt Friedrich Wilhelm Weiskern, geschieden, eine Tochter, verbleibendes Lebensziel: eine ganze Planstelle." So könnte die Kurzvorstellung des Hauptprotagonisten von Christoph Heins neuestem Roman "Weiskerns Nachlaß" lauten. Sie kennen Friedrich Wilhelm Weiskern nicht? Tja, das dürften Sie mit dem Rest der Welt gemeinsam haben, inklusive den Leitungsgremien der Leipziger Universität. "Er ist nicht Aufsehen erregend genug, mein Weiskern, sie wollen nur Leuchttürme fördern. Sie verteilen Geld, wenn etwas angeblich nützlich ist oder wenn es sie schmückt. Das nennt man Exzellenzforschung. Schlechte Zeiten für meinen kleinen sächsischen Topographen in Wien. Er bringt nichts ein, er kostet nur. Und so etwas ist für das Gremium Schmetterlingskunde, herausgeworfenes Geld. Wir sind nicht vermarktbar, mein Weiskern und ich." (S 104)

Womit bereits das Thema des Romans grob umrissen ist. Hein rechnet mit dem vermeintlichen Niedergang der geisteswissenschaftlichen Forschung an deutschen Universitäten ab, er thematisiert das angeblich heranwachsende akademische Prekariat, eine Generation nicht vermarktbarer Wissenschaftler, die sich auf halben Stellen und mit freiberuflichen Nebenjobs durchs Leben schlagen müssen. Trudelt dann eine Steuernachforderung ein, sind - wie für Stolzenburg - die Grenzen des allein der geistigen Freiheit gewidmeten Lebens schnell erreicht.

Die Figur Stolzenburg ist sich dabei der Instabilität seiner Lebenslage, beruflich wie privat, durchaus bewußt. Einziger Hoffnungsschimmer scheint die vielleicht doch noch erreichbare Verbeamtung zu sein, um wenigstens der drohenden Zukunft als pensionierter Sozialfall zu entgehen.

Hein beläßt die Vergangenheit seiner Figur Stolzenburg weitgehend im Nebel. Der Leser erfährt lediglich, dass die Hochschulkarriere zu Zeiten der DDR an der West-Ausreise der Eltern zerschellte und dass die Tochter aus der gescheiterten Ehe in Kassel lebt und zum Vater nur sporadisch Kontakt hält. Ansonsten entsteht das Bild eines End-50ers, der es sich in den 15 Jahren seiner Dozententätigkeit in seiner Lebensnische soweit möglich gemütlich gemacht hat, privat vermeidet er jegliche Form von zu enger Bindung und beruflich pflegt er den Groll über die vermeintlich zu Unrecht im Sande verlaufende Uni-Karriere.

Ich habe als Leser mein Problem mit diesem Romanstoff. Zu plakativ ist mir die Kritik am vermeintlich nur noch wirtschaftlichen Interessen untergeordneten Universitätsbetrieb. Auf den ersten gut 150 Seiten des Romans habe ich wenig Sympathie für Stolzenburg aufbringen können. Sein wehleidiges Umkreisen des eigenen Bauchnabels bei gleichzeitigem Vermeiden jeglicher Veränderungen des Alltags, haben mich in erster Linie genervt. Mit Fortschreiten der Romanhandlung trat diese erste Abneigung etwas in den Hintergrund. Fast wie mit Regeners Antiheld Lehmann ging es mir auch mit Heins Stolzenburg: Anfängliche Abneigung schlug angesichts der tapsigen Harmlosigkeit und offensichtlichen Überforderung der Figur in vorsichtiges Mitleiden um.

Dennoch fehlt mir bei "Weiskerns Nachlass" die wirkliche Romanidee. Aus Mangel an einer tragenden Romanidee, reißt Hein zu viele Erzählstränge an (eine vermeintliche Fälschungsaffäre, Stolzenburgs vergebliche Bemühungen, die gesammelten Werke Weiskerns herauszubringen, die Versuche eines wohlhabenden Studenten, das Wohlwollen des Dozenten zu kaufen), um diese dann schnell wieder fallenzulassen. Für mich entsteht aus diesen an Fingerübungen erinnernden Teilperspektiven kein Gesamtpanorama. Aber vielleicht folgt auf "Weiskerns Nachlaß" ähnlich wie bei Regeners "Herr Lehmann" noch ein weiterer Roman, in dem die Figur des Rüdiger Stolzenburg mit zusätzlicher Tiefenschärfe ausgeleuchtet wird. Insgesamt daher maximal ein durchschnittlicher Roman.
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