Rubert Lay gehört zu den moralischen Festungen im deutschen Sprachraum. Und an Festungen zu rütteln hat etwas Masochistisches an sich. Vor allem wenn sie so gut gesichert sich wie die von Lay. Denn wer sich gegen humanistische Bollwerke wendet, muss damit rechnen, als Antihumanist zu gelten. Zudem war der Autor Jesuitenpater und hat die Regeln der Rhetorik so verinnerlicht, dass scheinbar jedes Wort sitzt. Dennoch legte ich dieses Buch vor zehn Jahren wieder zu Seite, ohne genau zu wissen, weshalb mir die Lektüre aufstiess. Aber als ich es letzthin wieder einmal in die Hand nahm, um mich zu informieren, was Lay zum Thema Vorurteil zu sagen hat, wurde mir meine Abwehr klarer. Ich mag den belehrenden Ton nicht. Hier der Weise, dort die Unweisen. Hier der Retter, dort die Ertrinkenden. Als gelehriger Jesuitenschüler weiss Rubert Lay natürlich, dass es besser ist, nicht in der ersten Reihe zu stehen, wenn Glaubenskriege ausgefochten werden. Also zitiert er so ziemlich alle geistigen Grössen, die in der abendländischen Kultur einen Namen haben. Allerdings nur solche, die predigen, wie der Mensch sein soll. Denn wie ihn die Evolution prägte, möchten die Vertreter des humanistischen Weltbildes lieber nicht hören. Das ist es, was mich an der Richtung von Rupert Lay stört.
"Dort, wo nur noch Geld, Macht und Einfluss eine Rolle spielen, laufen Menschen Gefahr, von diesen Dingen besessen zu werden, ohne sie zu besitzen." Was soll man dagegen sagen. Stimmt doch. Aber was bringt das Einverständnis mit solchen Aussagen? Ein schlechtes Gewissen? Ja, genau solche Gefühle beschleichen mich, wenn man mir Bilder von guten Menschen und ethisch agierenden Führungskräften vor die Nase hält. Das wird auch den unzähligen Managern nicht besser ergehen, die seine Ethik-Seminare besuchen. Inzwischen kommen mir solche Übungen als moderne Form eines Ablasshandels vor.
Mein Fazit: Den Thesen von Rupert Lay zu widersprechen, ist fast unmöglich. Aber da ich die Ansicht des Neurologen Gerhard Roth teile, dass wir unsere Verhaltensmuster nicht durch Einsicht ändern, zweifle ich an der Wirksamkeit von Rupert Lay Büchern und Seminaren. Dass andere meine Vorbehalte nicht teilen können, kann ich allerdings sehr gut verstehen. Sie werden daher auch meine Bewertung ungerecht finden.