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Die Weisheit der Hunde. Texte der antiken Kyniker
 
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Die Weisheit der Hunde. Texte der antiken Kyniker [Gebundene Ausgabe]

Georg Luck


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Neue Zürcher Zeitung

Der verrückt gewordene Sokrates

Diogenes im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit

Wenn wir Hegel glauben, dann ist es in keinem Fall lohnend, sich mit ihm zu beschäftigen, da er uns bloss «abstrakte bewegungslose Selbständigkeit», also gleichsam eine nutzlose Rebellion lehren könnte. Gemeint ist Diogenes von Sinope (etwa 412/403–324/21 v. Chr.), der nach Hegel, wie die Kyniker insgesamt, nicht nur «wenig philosophische Ausbildung» besass, sondern es zu keiner Wissenschaft gebracht hat. Kaum vorteilhafter ist das Urteil Platos, soll er Diogenes doch als «verrückt gewordenen Sokrates» bezeichnet haben. Trotz dem einhelligen Verdikt von Plato und Hegel war die Rezeption der ungeschriebenen Lehre des griechischen Provokateurs, der eher durch eine besondere Lebensform, durch tabuverletzende Handlungen und beissende Sprüche als kraft gelehrter Texte zuerst seine Zeitgenossen und danach unzählige Generationen von Menschen aus dem Schlag der trägen Gewohnheit und der schwerfälligen Tradition geweckt hat, intensiv und mannigfaltig gewesen. In einem anregenden Buch hat Niklaus Largier mittelalterliche und frühneuzeitliche Zeugnisse der Diogenes-Rezeption zusammengestellt und kommentiert.

Den Mittelpunkt des Werkes bildet ein Nachdruck des sogenannten «Zürcher Diogenes», gemeint ist eine 1550 in Zürich in der Offizin des Rudolf Wyssenbach erschienene Vita, die zwar weitgehend eine Übersetzung des von Erasmus in seinen 1535 in Basel publizierten «Apophthegmata» kompilierten Diogenes-Stoffes darstellt, aber nichtsdestoweniger als aufschlussreiches Zeugnis der farbigen Wirkungsgeschichte des zugleich sympathischen und in höchstem Masse irritierenden Philosophen gelesen werden darf. Des weiteren legt Largier ein Dossier von insgesamt 74 Texten vor, das mit Valerius Maximus anfängt und mit Epigrammen von Christian Wernicke aus dem Jahre 1701 endet. Von Hans Sachs werden in der Sammlung nicht weniger als zehn Bearbeitungen aufgeführt. Eine genauere Analyse der Quellenlage verdeutlicht, dass das Zürcher Dokument zu jener Rezeptionstradition gehört, die auf Grund der Übersetzung neuer antiker Quellen (namentlich Diogenes Laërtius und Plutarch) die beiden mittelalterlichen Überlieferungsstränge ablöst, die einerseits auf lateinischen Zeugnissen (Augustin, Cicero, Hieronymus, Seneca) und andererseits auf arabischen Grundlagen (durch Petrus Alfonsi und die katalanische Sammlung «Bocados de oro» vermittelt) beruhten.

Wenn Diogenes für einen Teil der mittelalterlichen Denker zum Vorbild einer richtigen Lebensführung werden konnte, dann hängt dies damit zusammen, dass die von ihm überlieferten Handlungen und Worte ihn als «einen Sieger über die menschliche Natur» (Hieronymus) erwiesen, der in freiwilliger Armut die Bedürfnislosigkeit lehrte. Der asketische Rückzug aus der Welt wird beispielsweise durch die Anekdote verdeutlicht, nach der Diogenes einen Knaben aus der hohlen Hand trinken sieht und versteht, dass der Mensch kein anderes Trinkgefäss braucht. Die berühmte Begegnung mit Alexander dem Grossen, den der Philosoph bittet, aus der Sonne zu gehen, damit diese in die Tonne scheine, und dem er vorwirft, «du bist der Diener meines Dieners», da er den Begierden unterworfen sei, kann ebenfalls in diese Richtung interpretiert werden.

Das frühneuzeitliche Bild des Philosophen in der Tonne zeigt ihn weniger als beispielhaften Repräsentanten des «contemptus mundi», sondern eher als Anwalt freier Rede. Es ist auffallend, dass jetzt des Diogenes Suche nach dem wahren Menschen zum Leitexempel wird: Am hellichten Tage geht er mit einer Laterne durch die Strassen und verkündet, er suche einen Menschen. Noch einmal andere Aspekte faszinieren in der Moderne und Postmoderne. Für die einen ist er das Symbol einer Philosophie, die im Lachen die Hinfälligkeit menschlichen Daseins zur Darstellung bringt (bei Rabelais und Montaigne), für die anderen wird er zur Leitfigur der Aufklärung, der Revolution und des Anarchismus.

Sichtung und Analyse der sich wandelnden, aber nie abbrechenden Erinnerung an den eigenwilligen Philosophen erschliessen nicht nur einen vergessenen, aber fesselnden Aspekt der Bewertung der Antike im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit. Sie bieten in literaturwissenschaftlicher Hinsicht auch Gelegenheit zu einer Reflexion über die Entstehung der Novelle und der Biographie aus dem «exemplum», das mit Peter von Moos als «eine rhetorische Funktion, mit der vergangenes Geschehen in persuasiver Absicht auf einen gegenwärtigen Problemfall bezogen wird», definiert werden kann. Anhand der geschichtlich bezeugten Interpretation der Diogenes-Anekdoten kann des weiteren ein besonderer Typus philosophischer Belehrung untersucht werden, die Largier im Anschluss an Dietmar Mieth narrative Ethik nennt, worunter «eine am Exempel orientierte Moralphilosophie» zu verstehen ist, die sich reflexiv am erzählten Modell orientiert.

Die Quintessenz der kynischen Anthropologie erblickt Largier in den «parrhesiastischen Akten», den freimütigen Reden und Handlungen, so dass unter expliziter Berufung auf Michel Foucault Diogenes als Vertreter einer «Kunst, die Wahrheit zu sagen», gesehen werden kann. In dieser Perspektive intendiert die Philosophie nicht eine «Theorie über das Leben», sondern eine «Weisheit des Lebens in der Welt». Der kynische Philosoph rückt somit in die Nähe des heiligen Narren, ja er ist «buchstäblich Verkörperung der negativen Theologie».

An dieser Stelle kann allerdings gefragt werden, ob diese theologische Auslegung der provokativen Gesten und Sentenzen des Mannes aus Sinope nicht jenem Eifer zum Opfer fällt, den der heutige Leser ihren mittelalterlichen, christlichen Deutern vorzuwerfen geneigt ist. Beileibe nicht jede Kritik am theologischen Diskurs und Verhalten ist schon negative Theologie! Dieser Einwand gegen einen Detailaspekt schmälert die Verdienste dieses vielseitigen und ansprechenden Buches nicht: Es macht die blinde Einseitigkeit des Hegelschen Urteils deutlich, und es ermöglicht eine durchaus positive Auslegung der Platonischen Einschätzung. Diogenes verkörpert in der Tat eine andere, meinetwegen verrückte Art des Philosophierens. Darin besteht eben seine Exemplarität, die man zwar ablehnen kann, aber keinesfalls vergessen sollte.

Ruedi Imbach

Zur Forschungsgeschichte vgl. Margarethe Billerbeck (Hrsg.): Die Kyniker in der modernen Forschung. Aufsätze mit Einführung und Bibliographie, Amsterdam 1991. Sehr empfehlenswert ist die von Georg Luck herausgegebene Sammlung: Die Weisheit der Hunde. Texte der antiken Kyniker. Stuttgart 1997.

Kurzbeschreibung

Dieser Band enthält die reiche anekdotische Literatur über die frühen Kyniker sowie Schriften ihrer Nachahmer und Kritiker aus fast 1000 Jahren von dem Sokrates-Schüler Antisthenes um 400 v. Chr. bis zum römischen Kaiser Julian im 4. Jahrhundert n. Chr. Er bietet einen faszinierenden Überblick über die volkstümlichste und unterhaltsamste philosophische Strömung der Antike.

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