In diesem Buch werden LeserInnen erfahren, was Weisheit ausmacht: welche Art von Unterscheidungsvermögen, Erkenntnis und Erfahrung mit dem "Sehen" des weisen Menschen gemeint ist. Und es wird offenbar, wie eng Weisheit mit Wahrnehmung von Komplexität und Nondualität, Nichtlinearität und Selbstorganisation zusammenhängt. Ich vergebe fünf Sterne, und könnte ich mehr vergeben, würde ich das ohne zu zögern tun. Ich habe mir einige Monate genommen, um das Buch fertig zu lesen. Ich begründe das so, dass es sich hier wirklich lohnt, langsam vorzugehen... ganz so wie wir einen guten, lange gereiften Rotwein genießen...
Der Autor schafft es auf einzigartige Weise, komplexe Sachverhalte mit leichter Feder zu Papier zu bringen, dass es nur so eine Freude ist! Er schreibt mit sveltezza: einem Wesenszug des weisen Verhaltens: geschmeidig, gewandt, aufmerksam und voller Elan. Er plädiert für einen dialektischen Umgang mit den Phänomenen der heutigen Welt und trägt somit dazu bei, unsere Fähigkeit zu entwickeln und zu erweitern, die Unsicherheit und Veränderlichkeit des Lebens anzuerkennen und damit umzugehen. Er geht auf die Psychologie des Weisen ein (Kap. 3) und beleuchtet eingehend die neurowissenschaftlichen Erkenntnisse (Kap. 5) und lässt im Zuge dessen Wolf Singer, Thomas Metzinger, Eric Kandel, Niklas Luhmann, Ken Wilber und andere namhafte Forscher auf diesem Gebiet zu Wort kommen. Ein ganzes Kapitel ist der Erleuchtungserfahrung des Ehrwürdigen Buddha Sakyamuni gewidmet, zugleich ist es ein Ausflug in die Erfahrungswelt des Meisters Dogen Zenji aus dem 13. Jahrhundert. (Kap. 4)
Was mich an diesem Buch fasziniert, ist der Mut des Unterfangens und der klare Geist, mit dem der Autor (er ist unverkennbar praktizierender Zentriker) es schafft, das Thema aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten und zu untersuchen. Angefangen von Versuchen, einen Weisheitsrat ins Leben zu rufen, um Politiker zu beraten (Kap. 1)... über Gehirnforschung und Versuche, Weisheit zu messen... über Glück, Schulbildung, Bewusstseinspolitik, positive Psychologie und Drogen... bis hin zu Gehirnforschung, dem Zusammenfall der Gegensätze bei Nikolaus von Kues (1401-1464) und der transzendentalen, nondualen Erfahrung des Einsseins mit sich selbst, dem Universum und dem ganzen Rest... kein einziges Mal gleitet Gert Scobel ab ins rein Spekulative, zumindest nicht, ohne sich dessen vollkommen bewusst zu sein. Der Kontakt zum Herzen, zu den Mitlebewesen, zur Erde, d.h. der pragmatische Bezug zum Leben, das wir alle täglich erleben (oder das uns widerfährt? oder das wir kontinuierlich mit-konstruieren?) bleibt ebenso bewahrt wie die nicht-missionarische und un-guruhafte Geisteshaltung, die der Autor zu vermitteln imstande ist... und das ist das Wunderbare und Faszinierende für mich. Solche Bücher lese ich immer wieder gern :)