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Weinschröter, du mußt hängen. Ein Bella Block Roman (Tb).
 
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Weinschröter, du mußt hängen. Ein Bella Block Roman (Tb). [Taschenbuch]

Doris Gercke
4.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (6 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

In einem idyllisch gelegenen Dorf auf dem Lande, mit nicht mehr als zehn Häusern und wenigen Höfen, die abseits vom Dorfkern liegen, geschehen zwei Selbstmorde. Eine mollige, ältere, grauhaarige Dame mit Witz und Verstand lässt sich einige Tage in ihrem Ferienhaus nieder und -- wie kann's auch anders sein -- entlarvt die sensationellen Selbstmorde als heimtückische Morde.

Gelangweilt lehnen Sie sich zurück und denken zurecht, alles schon dagewesen. Miss Marple lächelt verschmitzt über ihren Stricknadeln und lässt freundlich grüßen. Weit gefehlt! Denn Sie kennen in diesem Fall Bella Block noch nicht. Bella ist ganz anders. Sie ist Anfang 50 und als Polizistin für ihre männlichen Kollegen eine schwierige Zeitgenossin. Sie hasst die Selbstbeweihräucherung in endlosen Konferenzen, die selten zu vernünftigen Ergebnissen führen, und erkennt männliches Imponiergehabe mit untrüglicher Sicherheit.

Durch ihren Großvater -- es ist der, dem literarisch interessierten Krimileser bekannte, russische Lyriker Alexander Block -- und ihre Mutter, die eine überzeugte Kommunistin war, hat Bella eine gehörige Portion gesellschaftskritisches Denken mitbekommen. Dadurch fällt es ihr schwer, sich in das starre Gefüge der polizeilichen Hierarchie einzufügen.

Zwei Selbstmorde auf dem Land passen nicht ganz in die Statistik ihres Chefs. Und so erhält Bella unverhofft die Chance, dem tristen Büro-Alltag einmal zu entfliehen. Obendrein spielt der Zufall noch mit, denn ihr neuer Fall liegt just in jenem Dorf, in welchem sie ein kleines Ferienhaus besitzt. Bei ihren Ermittlungen gerät sie in das dörfliche Gewirr von Vorurteilen, überkommenen Denkweisen und einer abstoßenden Frauenfeindlichkeit, die unter der Decke der dörflichen Idylle verborgen sind. Stück für Stück legt sie die verklemmte, kleinkarierte Dörflichkeit bloß, und als sie am Ende weiß, wer der Mörder ist, löst Bella den Fall auf ihre eigene, höchst sympathische Art.

Doris Gercke hat den weiblichen Krimi-Heldinnen mit Bella Block eine interessante Variante beigesteuert. Weinschröter, du mußt hängen ist ihr erster Krimi mit Bella als Hauptfigur. Sie benutzt bewusst Elemente alter Krimis und setzt diese effektvoll ein. --Manuela Haselberger -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Amazon.de-Hörbuchrezension

Hannelore Hoger ist Bella Block -- im Fernsehen. In dieser Lesung ist sie mehr. Da ist sie Opfer eines perversen sexuellen Missbrauchs, ist schnoddrige Wirtin der Dorfkneipe, eine seltsame Nachbarin, eine liebestolle Polizistin und natürlich auch Bella Block, jene kantige Kommissarin mit dieser fatalen Liebe zu Wodka-Orange. Sie alle -- Täter und Opfer -- vereint in einer einzigen Stimme, die Stimme von Hannelore Hoger.

Die Atmosphäre knistert schon zu Beginn des Krimis. Die Schilderung eines Verbrechens, für das es aus Sicht des Opfers nur eine Strafe geben kann -- den Tod. Mit gebrochener Stimme berichtet die Namenlose von einem Missbrauch, den ihre drei Peiniger "einen Eber melken" nennen. Sie werden die Tat mit ihrem Leben bezahlen. Mit harmlos dahergesungenen Kinderreimen macht uns Hannelore Hoger zu stillen Zeugen des tödlichen Rachefeldzugs. In die anfangs verstörte und angsterfüllte Stimme schleicht sich zunehmend Wahnsinn, der Triumph einer Frau, die nichts mehr zu verlieren hat.

Drei "Selbstmorde" in einem Jahr, das ist zu viel für ein kleines Kaff wie Roßbach. Hannelore Hoger schlüpft in die Rolle der Bella Block, die ausgerechnet dort ihre Ermittlungen aufnehmen muss, wo sie sonst am Wochenende ihre Seele baumeln lässt. Doch die Idylle ist zerstört. Ein bestialischer Gestank hängt über den Bauernhöfen, in denen die Menschen die Schweine sind. Diese Krimi-Produktion glänzt, weil sie psychologischen Tiefgang hat, weil sie einen spannungsgeladenen Gegensatz zu der teils brutalen Sprache erzeugt. Weil die Täter/Opfer-Rollen in jedem Kapitel neu verteilt werden. Weil Hannelore Hoger so viel mehr ist als Bella Block. Spieldauer: 200 Minuten, 2 Kassetten. --Cornelia Eulitz -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Kurzbeschreibung

Bella Block von der Hamburger Kripo soll ausgerechnet wegen zweier Selbstmorde in jenem Dorf im Umland ermitteln, in dem sie selbst ein Wochenendhäuschen besitzt. Zunächst sieht es nach einem äußerst angenehmen Job aus, und sie macht es sich erst einmal in ihrem Garten bequem. Doch bald muss sie feststellen, dass der Schein trügt, dass die Dorfbewohner sich gegenseitig bespitzeln und verdächtigen. Und vor allem dämmert ihr, dass die beiden Todesfälle in Wahrheit gar keine Selbstmorde waren. Irgendjemand im Dorf verbirgt ein düsteres Geheimnis ...

Über den Autor

Doris Gercke, 1937 in Greifswald geboren, lebt in Hamburg. Nach Jahren als Verwaltungsbeamtin, Hausfrau und Mutter machte sie das Abitur nach und studierte Jura. Heute ist sie freie Roman-, Drehbuch- und Hörspielautorin. Ihre Krimis mit der charismatischen Heldin Bella Block werden mit Hannelore Hoger in der Hauptrolle höchst erfolgreich für das Fernsehen verfilmt.

Auszug aus Weinschröter, du mußt hängen. Ein Bella Block Roman (Tb). von Doris Gercke. Copyright © 2000. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Napoleon, Napoleon,
was macht denn deine Frau?
Sie wäscht sich nicht,
sie kämmt sich nicht,
sie ist 'ne alte Sau!

»Es kam nicht oft vor, daß sie mit mir sprachen, eigentlich sogar sehr selten. Manchmal dachte ich, es wäre, weil ich zu häßlich bin. Als sie mich ansprachen, waren die Vorbereitungen schon vorbei. Der Abend war warm. Sie saßen neben dem Feuerwehrhäuschen und tranken Bier. Ich ging hin und setzte mich neben sie. Sie gaben mir Bier und redeten weiter, so als ob ich gar nicht da wäre oder als ob ich dazu gehörte. Wie das Gras, auf dem wir saßen, oder die Margeriten. Die schimmerten weiß, weil Vollmond war.
Sie sprachen nicht mit mir, und ich hörte ihnen nicht zu. Es war mir recht, in der Dunkelheit zu sitzen, neben ihnen, und Bier zu trinken. Das war schön. So war es noch niemals gewesen. Deshalb überhörte ich auch die Frage, die sie an mich richteten, und sie mußten sie zum zweiten Mal stellen. Sie hatten gefragt, ob ich glaubte, daß es leicht sei, einen Eber zu melken.
Ich sagte, das sei bestimmt nicht leicht, denn ich hatte schon genügend Eber gesehen und hatte Angst vor ihnen.
Seht ihr, sagte sie, sie sagt es auch, und sie muß es ja wissen.
Sie lachten leise, und ich lachte auch, weil sie mir noch ein Bier gaben und der Abend noch nicht zu Ende war. Und weil sie mir recht gegeben hatte, deshalb lachte ich auch.
Ich weiß jetzt, warum sie immer wieder von dem Eber sprachen, aber damals wußte ich es nicht. Vielleicht hätte ich es wissen können, wenn ich mich an ihrem Gespräch beteiligt hätte. Aber es wäre gegen die Spielregeln gewesen. Ich saß da, trank Bier und war glücklich.
Ich weiß, daß sie es war, die mich gefragt hat, ob ich mitkommen will. Ich war nicht mehr ganz nüchtern. Ihre Gesichter um mich herum waren wie grinsende Lampions. Das fand ich sehr komisch. Wir mußten alle vier lachen. Sie halfen mir beim Aufstehen, aber sie waren auch nicht mehr ganz sicher auf den Beinen, jedenfalls schien es mir so, und wir lachten und lachten. Sie hatte mich eingehakt, und jede hatten wir einen Mann an der anderen Seite. An meiner Seite ging der Wirt. Ich dachte, weshalb es nicht immer so sein könnte, und fing an zu überlegen, wie ich es anstellen müßte, damit sie mich auch am Tage beachteten. Aber ich kam nicht weit mit meinen Gedanken, das Bier, und außerdem war der Weg nicht weit genug, um Ordnung in meinen Kopf zu bringen.
Als wir am Hoftor standen, fiel mir wieder ein, weshalb wir hier waren: Die Männer wollten uns zeigen, wie einfach es ist, einen Eber zu melken. Ich erinnere mich, daß ich keine Lust hatte, mit in den Stall zu gehen. Ich hatte auch Angst, aber sie zog mich weiter.
Der Hof war mit hellem Kies bestreut. Um die Alten nicht aufzuwecken, gingen wir auf dem Plattenweg an der Hauswand entlang. Die beiden Männer gingen vor mir, die Frau ging hinter mir.
Niemand sagte etwas, ab jetzt war es unmöglich, etwas zu sagen, wir hätten gehört werden können. Im Stall war es noch wärmer als draußen. Er war niedrig, ziemlich groß, weiß gekalkt und leer bis auf ein Gestell, so ähnlich wie das, was in der Schule zum Bockspringen benutzt wird. An den Wänden waren ein paar Ringe eingemauert, vielleicht hatten da früher Pferde gestanden. Es brannte das rötliche Licht, das für die Ferkelaufzucht gebraucht wird. In seinem Stall kam er mir plötzlich größer vor, auch seine Stimme klang anders, als er uns sagte, daß wir uns ganz ruhig verhalten sollten. Ich habe es nicht gemerkt, aber jetzt hat sie mir - sie muß es gewesen sein, er war hinter der Stalltür verschwunden, und der Wirt stand mir gegenüber an der Wand - die Handgelenke an die Ringe gebunden. Sie hat ihre Hände auch in die Ringe gesteckt, und so, ohne ein Wort zu sagen, die Rücken an die Wand gedrängt, die Hände nebeneinander in die Ringe gesteckt, sahen wir auf die Stalltür.
Ich hatte Angst, aber es gefiel mir auch, mit den anderen etwas gemeinsam zu machen, und wenn es auch nur so ein Blödsinn war wie jetzt.
Er hatte die Stalltür nur angelehnt, und der Eber, der sie mit der Schnauze aufschob, war riesig. Er kam ganz langsam in den Stall. In dem warmen Licht sah er braun-rot aus und friedlich. Er schnüffelte am Boden, der Mann hatte hohe Stiefel an, er ging hinter ihm und lenkte ihn mit einem Stock. Sie trotteten einen Halbkreis, und er lenkte ihn hin zu dem Bock. Der Eber beschnüffelte den Bock. Er besprang den Bock, legte sich ganz friedlich über den Bock, sein Kopf ragte in die Höhe, dünne Schleimfäden liefen aus den Winkeln des halb offen stehenden Mauls. Er sah ungeheuer dämlich aus, wie er da hing.
Zwischen seinen Hinterbeinen erschien ein langer rosa Schlauch. Er kniete neben dem Eber, faßte den glitschigen rosa Schlauch, steckte den vorderen Teil in eine Plastikröhre und streichelte ihn mit langsamen gleichmäßigen Bewegungen, bis die weiße Flüssigkeit in die Röhre lief. Wir hörten den Eber schnaufen. Er schob ihn vom Bock und führte ihn langsam zur Tür. Niemand sagte ein Wort, bis er zurückkam, die Röhre in der Hand, und die Tür hinter sich zumachte. Da lachte die Frau neben mir.
Das war ja ganz einfach, sagte sie.

Und ich lache auch, alle lachen. Und die beiden Männer gehen an den Bock und schieben ihn gegen die Wand, genau dahin, wo ich stehe. Ich trete zur Seite, aber meine Hände sind an den Ringen festgemacht, und ich weiß jetzt, was sie vorhaben und worüber sie die ganze Zeit gelacht haben, aber ich habe nicht darauf geachtet.
Du weißt, daß du nicht schreien kannst, sagt die Frau. Sie ist betrunken. Ihre Augen sind rot.
Der Eber ist nicht immer so friedlich.
Sie spricht leise, aber sie hat nicht mehr die sanfte Stimme, die mir so gut gefallen hat, als wir im Gras saßen und Bier tranken und die Margeriten gesehen haben. Sie hat wieder die Stimme, die ich kenne, wenn sie über den Hof nach ihren Kindern schreit.
Die Männer sagen kein Wort. Ich liege mit dem Rücken auf dem stinkenden Bock, den Kopf an der Wand, meine Hände stecken in den Ringen. Sie haben aus der Röhre eine Spritze gemacht. Sie haben meine Hose ausgezogen. Sie haben meine Beine festgehalten. Er hat mit seinen fetten Fingern zwischen meinen Beinen gerieben. Sie haben mir das Zeug eingespritzt. Sie haben gelacht.
Draußen war alles ruhig. Es muß noch der Mond geschienen haben, wie sonst hätte der Kies so hell sein können. An der Stelle, wo wir gesessen und Bier getrunken hatten, war das Gras noch niedergedrückt, eine größere Fläche, auf der drei Personen Platz gehabt hatten, und eine kleinere Fläche, da hatte ich gesessen. Ich blieb einen Moment stehen, um meine Hose anzuziehen. Sie stank nach dem Bock, und ich übergab mich. Ich habe lange dort gestanden, glaube ich. Ich hätte gar nicht weitergehen können. Ich konnte nur würgen. Als ich wieder denken konnte, spürte ich, daß die Nacht noch genauso warm war, wie vorher.
Ich stand da und begriff, daß sie über mich lachten und bei der erstbesten Gelegenheit damit angeben würden, wie sie mich reingelegt hatten. Ich haßte sie so, daß ich mich von neuem übergab. Mein ganzer Körper war naß von Schweiß. Ich hab' mir auf die Schuhe gekotzt und hab' sie noch mehr gehaßt. Ich bring' sie um, dachte ich immer wieder.
Bis mir klar wurde, daß das wirklich die einzige Lösung war.«

Ist ein Mann ins Wasser gefallen,
hab ihn hören plumpen.
Hab gmeint, es wär ein großer Mann,
wars ein kleiner Stumpen.

Bella Block stand neben dem Fahrstuhl und wartete. Der Kopf tat ihr weh, weil sie am Abend zuvor zu viel Wodka getrunken hatte. Die Füße taten ihr weh, weil sie unbequeme Schuhe anhatte. Zwischen dem Zustand ihres Kopfes und dem ihrer Füße gab es einen mittelbaren Zusammenhang. Sie hatte den vergangenen Abend damit verbracht, in Gedichten ihres unehelichen Großvaters zu lesen, was regelmäßig ein fürchterliches Besäufnis zur Folge hatte, wie immer ausgelöst durch die Zeilen:
» ... wie sie da liegt ... Hurengeschmeiß
Dich Aas macht auch der Schnee nicht keusch.«
Am Morgen hatte sie, noch immer benebelt, ihre Schuhe nicht finden können. Die Notlösung, um nicht zu spät zu kommen, war knallrot und hatte Vierzehn-Zentimeter-Absätze.
Scheiße, murmelte sie vor sich hin.
Es war unklar, ob damit der Zustand ihres Kopfes, der ihrer Füße oder die Montagsmorgensitzung gemeint war, die sie erwartete. Die war eine der Neuerungen, die Kohlau, ihr neuer Vorgesetzter, eingeführt hatte. Die Montagsmorgenlage. Er nannte das tatsächlich so und mußte dabei mindestens eine Situation von Mogadischu-Ausmaßen im Kopf gehabt haben, sonst hätte er nicht so ein wichtigtuerisches Gesicht machen können, als er das Montagstreffen ankündigte.
Eine wöchentliche Lagebesprechung hatte es auch vorher schon gegeben. Neu eingeführt hatte Kohlau einen Teil, der politische Information genannt wurde. Er war der Meinung, daß ein Kriminalbeamter nur wirklich gut sein könne, wenn er über politische Zusammenhänge genau informiert sei. Die tatsächliche Folge der Neuerung war, daß sie sich jeden Montag einen Lagebericht anhören mußte, der es an Unschärfe der Analyse mit jedem Biertisch-Politologen hätte aufnehmen können. Die Füllwörter der letzten Sonntagsabendnachrichten kehrten darin ebenso unvermeidlich wieder, wie der Montagsmorgenkommentar der Bild-Zeitung. Darüber, dachte Bella Block, während der Fahrstuhl sie in den ersten Stock transportierte, könnte ich noch hinwegkommen. Schlimmer ist der Teil, der sich an die Lage anschließt.
Kohlau wollte, daß diskutiert wurde. Sie wußte, daß keiner ihrer Kollegen sich für Politik interessierte, aber fast jeder für seine Karriere. Teil zwei der Montagsmorgenlage war also ziemlich bald zu der Veranstaltung geworden, die sie bei sich den Hahnenkampf nannte.
Wirklich, dachte sie, so ist es. Sie betreten, behüpfen, bekriechen, betorkeln die Arena, je nach Temperament, Alter und Intelligenz, scharren mit den Füßen den Sand weg, stellen, setzen, legen oder rollen sich in Positur und fangen an zu krähen. Es wird nicht diskutiert, sondern posiert. Diskussionspartner sind die, die sich als ebenbürtig, das heißt, als um den selben Sessel kämpfend betrachten. Alle anderen werden nur als Publikum wahrgenommen. Da ist zum Beispiel der junge Anwärter aus ihrer Abteilung, der offenbar wirklich Interesse an politischen Zusammenhängen hat. Ein paarmal hat er versucht, sich in den Hahnenkampf einzumischen. Jetzt hat er vorläufig aufgegeben. Sie haben ihm einfach nicht geantwortet.
Er tut mir leid, dachte Bella Block, während sie auf das Konferenzzimmer zuging.
Aber ein paar Jahre noch, und er macht mit, wie die anderen. Bis dahin hat er seine politischen Interessen garantiert gegen die Lust auf Karriere vertauscht. Dann ist er für die Lage ebenso gut präpariert wie seine Kollegen. Um Inhalte geht's doch nicht. Das ganze Theater ist so sinnlos, wie das Scharren von Hunden auf Beton, nachdem sie geschissen haben.
Sie öffnete die schwere, innen gepolsterte Tür und betrat den schmalen, langgestreckten Raum. Ihr Platz war in der Nähe der Tür, ein Platz, den sie sich schon vor Jahren mit Ausdauer und Geschick erkämpft hatte. Von hier war ein guter Überblick über die Arena möglich, und sie konnte, wenn es gar nicht mehr auszuhalten war, ohne viel Aufhebens zwischendurch den Raum für ein paar Minuten verlassen. Fast alle hatten ihre Plätze eingenommen. Es fehlten der junge Kollege und Kohlau selbst. Beide kamen kurz nach ihr.
Kohlau hüpft in die Arena, während Beyer kriecht, dachte Bella.
Und jetzt werde ich mich anderen Dingen zuwenden. Es muß ja nicht sein, daß ich Kohlau dabei zuhöre, wie er den Haufen Mist produziert, auf dem er in zwanzig Minuten krähend und flügelschlagend sitzen wird.
Während sie nach dem Block griff, fiel ihr Blick auf den jungen Beyer. Sinnend sah sie ihn an, als sie langsam die Kappe des Füllers abschraubte.
Ich bin ungerecht, dachte sie.
Natürlich kriecht er nicht, noch nicht. Er hat sogar einen ziemlich aufrechten Gang. Wahrscheinlich treibt er mit Vergnügen Polizeisport.
Eigentlich gefiel ihr das an ihm, auch wenn sie im allgemeinen Sport treibende Leute nicht ausstehen konnte. Für Bella gab es nur zwei Sorten von Menschen, die Sport trieben. Die mit dem gesunden Geist im gesunden Körper, die ihr immer äußerstes Unbehagen bereiteten. Und die mit dem ungesunden Geist im gesunden Körper, vor denen sie sich ekelte. Die meisten Polizisten gehörten nach ihren Erfahrungen der zweiten Gruppe an.
Und Beyer? Vermutlich keiner, dachte sie. Er hat etwas ausgesprochen Nicht-Polizistisches an sich. Intelligent, eher sanfte Stimme und ein hübsches Lächeln ...
Sie lächelte zurück, auf ganz vorsichtige Weise nur mit den Augen. Unterm Tisch zog sie die drückenden Schuhe aus. Manche Männer sind von hinten wunderschön, dachte sie. Beyer wird dazu gehören mit seinen langen Beinen und dem kleinen Hintern.
Sie nahm endgültig ihren Block und begann, sich Notizen zu machen für das Gespräch mit dem Staatsanwalt, das sie für den Nachmittag verabredet hatte.
Als sie damit fertig war, hatte Kohlau gerade erst seine einführenden Worte beendet. Sie hätte nicht sagen können, ob es dabei um den Golfkrieg, den Krieg in Afghanistan oder den jüngsten Bandenkrieg auf der Reeperbahn gegangen war. Das Wort Krieg war jedenfalls mehrmals wie eine Beschwörungsformel darin aufgetaucht. Als erster, er war in den letzten Minuten schon unruhig geworden aus Angst, es könne ihm jemand zuvorkommen, meldete sich einer der älteren Kollegen zu Wort. Sie wußte, was jetzt kam, nämlich ein Ko-Referat zu dem gerade von Kohlau beendeten Vortrag. Dieser Kollege hatte damit gerechnet, und einige andere auch, selbst auf den Sessel zu gelangen, auf dem Kohlau jetzt saß. Daraus war nichts geworden, und so begann jeder Montagmorgen mit einer ausführlichen Wortmeldung seinerseits, in der er, inhaltlich nichtssagend, etwa eine Viertelstunde bewies, daß er auch etwas zu sagen hatte. Das ging schon so über vier Monate. Ein Ende war nicht abzusehen. Der stark ritualisierte Ablauf der Konferenz begünstigte sein Verhalten.
Bella Block, die nicht jedesmal den Raum verlassen wollte, hatte sich nach ein paar Wochen ein Spiel ausgedacht, um ihre Langeweile zu bekämpfen. Sie nahm einen leeren Bogen, schrieb darauf irgendein Wort und begann, aus den Buchstaben des Wortes neue Wörter zu bilden. Es war erstaunlich, wie viele neue Gebilde man bei gründlichem Nachdenken aus so unscheinbaren Wörtern wie Riesenrad oder Tomatenmark gewinnen konnte. An diesem Morgen versuchte sie sich an Mondgesicht und Pampelmuse, wobei die Auswahl der Wörter damit zusammenhängen mußte, daß sie noch immer nicht wußte, wem von beiden Kohlau ähnlicher sah.

MONDGESICHT------------PAMPELMUSE

Mond------Gesicht------Ampel------Sau
sein------seht---------Muse-------Mal
ich-------mein---------es---------Summe
die-------nie----------am---------Saum
Dom-------mit----------Mus--------Maul
Heim------Gischt-------Pups-------Lappe
Eis-------Sonde--------Esel-------Mappe
es--------ein----------Palme------um
Ton-------sie----------Mulm-------Laus
Gicht-----Tod----------Lampe------Suppe
Mensch-----------------Lupe-------Summe
-----------------------Puls-------Pampe
-----------------------Maus-------aus

Es konnte passieren, daß sie beim Nachdenken den jeweils krähenden Gockel aufmerksam-sinnend anstarrte. War ihr eine neue Kombination eingefallen, so beugte sie sich über den Bogen, wie um sich eine kurze Notiz zu machen. Manchmal geschah es, daß sie beim Wiederaufblicken einen Ausdruck im Gesicht des Redners entdeckte, der Zufriedenheit darüber widerspiegelte, daß sie seine Ausführungen wichtig genug nahm, um sich Notizen zu machen. Dann unterbrach sie ihre Spielerei sofort. Um nichts in der Welt wollte sie dazu beitragen, das Selbstbewußtsein ihrer Kollegen dadurch noch zu heben, daß sie als einzige Frau in der Runde aufmerksam an ihren Lippen hing.
Erst beim Teil drei der Lage war sie wieder dabei. Kurz zusammengefaßt teilten die Kollegen jeweils den Stand ihrer Ermittlungen mit. Auch sie sagte ein paar Worte zu der Kindesmißhandlung, mit der sie befaßt war. Damit war die Veranstaltung beendet.
Als sie das Zimmer verlassen wollte, rief Kohlau sie zurück. Er machte das jedesmal mit irgendeinem von ihnen. Bella hatte sich schon gefragt, weshalb sie in den Monaten, seit sie hier war, noch nie zurückgehalten worden war.
Jetzt also, dachte sie.
Frau Block, ich habe Ihre Arbeit beobachtet und bin sehr zufrieden mit Ihnen.
Arschloch, dachte sie, ich weiß selbst, daß ich gut bin. Sie sagte nichts.
Es gibt da einen interessanten Fall - mein Gott, wie er das sagt! Interessanten Fall! Wir haben hier nur mit Dreck zu tun, hat er das noch nicht gemerkt? - wissen Sie, ich habe eine Theorie, über die ich mit Ihnen noch nicht gesprochen habe. Wir sollten das bei der nächsten Lage nachholen.
Ja?
Ich will's kurz machen. Ich bin der Meinung, daß es keine Selbstmorde gibt, oder doch nur in den allerseltensten Fällen. In den meisten Fällen handelt es sich um geschickt vertuschten Mord.

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