Die Italienerin Chiara Boschis, zwanzig Jahre lang die einzige Frau unter den Barolo Boys, ist eine der 42 portraitierten Weinfrauen. Und von ihr stammt auch das Statement, Weinbau in den Geschlechterkampf einzubeziehen, sei heute überholt. Na ja, da höre ich andere Töne. Zumindest wenn der Wein den Gastrokritikern und Önologen schon in den Kopf gestiegen ist. Fest steht jedenfalls, dass Winzerinnen noch immer so rar sind wie Frauen in Vorstandsetagen. Höchste Zeit also, ihnen mit diesem Buch Referenz zu erweisen. Für Idee, Konzept und Realisation zeichnet die Lektorin Ria Lottenmoser-Fetzer verantwortlich. Geschrieben hat es Rolf Klein, der nach vielen Umwegen schließlich seine Berufung als Weinjournalist fand.
Die Fotos stammen von Armin Faber, dessen Agentur sich auf Themen rund um Genuss und Kulinarik spezialisierte. Ihm muss ich es in erster Linie anlasten, dass ich das Buch nicht mit fünf Sternen bewerte. Denn seine Grossaufnahmen der vorgestellten Winzerinnen machen wieder einmal deutlich, dass Portraitfotografie eine eigene Kunst ist. Unschärfe ist ein Stilmittel, das im Dienste einer Aussage stehen muss. Kommt diese Mitteilung bei mir nicht an, empfinde ich dies als ungenügendes Handwerk. Jedenfalls blieb mir der tiefere Sinn verborgen, weshalb einige Grossaufnahmen gestochen scharf sind und andere nicht. Und auch die Bildausschnitte warfen manchmal Rätsel auf, die ich nicht lösen konnte. Kurz: Die Portrait- und Landschaftsaufnahmen von Armin Faber haben einfach nicht die gleiche Qualität wie seine Shots der Produkte. Schade.
Sehr gut gefallen haben mir Gesamtkonzept und Texte. Wir erfahren viel über die Geschichte der vorgestellten Weingüter, über die Freuden und Nöte der Winzerinnen und über die Liebe zu ihrer Arbeit und zum Produkt. Selbstverständlich steht, wo sich das Gut befindet, wie groß es ist und welche Rebsorten angebaut werden. Obwohl ich nicht zu den Weinkennern gehöre, die sich im speziellen Wortschatz der Önologen auskennen, verstand ich die Beschreibungen der vorgestellten Weine. Ausnahmen bestätigen die Regel. Ich hätte mir allerdings noch gewünscht, Anhaltspunkte zur Preisklasse zu erhalten. Auch wenn dies unter Spitzenweinexperten verpönt sein mag. So war ich eben gezwungen, mich auf die angegebenen Webseiten zu begeben, wobei diese Informationsquelle interessanterweise nicht für alle Weingüter das Normalste der Welt ist.
Mein Fazit: Ein Weinbuch, das vor allem wegen seines Blickwinkels aus dem Rahmen fällt. Würde ich ein Restaurant mit einer guten Weinkarte führen, so bekämen meine Gäste bestimmt eine Zusatzkarte, auf der einige edle Tropfen der Winzerinnen aufgeführt sind, die uns dieses Buch vorstellt. Konzept und Texte super, Fotografien durchzogen.