Dies war für mich das erste Buch von Linwood Barclay. Es hat mich zwar nicht umgehauen, aber dennoch als solide Geschichte überzeugt, die ich gerne gelesen habe. Dass ich nur vier Sterne gebe, begründet sich vor allem dadurch, dass das Buch für mich einige Eigenheiten hatte, die für mich unerwartet kamen.
Erstens einmal würde ich es nicht unbedingt als "Thriller" bezeichnen. Denn die Hauptperson, der Bauunternehmer Glen Garber, ermittelt nicht einmal richtig, er versucht einfach, den plötzlichen Unfalltod seiner Frau zu verarbeiten. Außerdem dauert es bis ins letzte Drittel des Buches hinein, bis er endlich die Diagnose "Unfall" in Frage stellt. Das war schon ein klein wenig langatmig. Der dritte Punkt, der für mich gegen das Etikett "Thriller" spricht, ist die Tatsache, dass der Killer durch weite Strecken des Buches hindurch eigentlich bekannt ist. Er wird von den ermittelnden Behörden ins Spiel gebracht und genannt, kommt also noch nicht einmal überraschend. Die einzige Frage ist, in welchem genauen Verhältnis alle Beteiligten zu ihm stehen.
Die nächste große Eigenheit des Buches ist für mich, dass die geschilderten Verhältnisse doch sehr "amerikanisch" sind. Einen solchen Thriller, wenn es denn einer ist, hätte man meiner Meinung nach so nicht in Deutschland schreiben können. Die Handlung fußt auf Umständen, die mir vom Verständnis her einfach ein wenig fremd sind. Die Grundmotive des Buches sind nämlich Konsumversessenheit, Geldmangel, finanzielle Krise, und Produktfälschungen. Und deren Verquickung ist eben das grundsätzlich "amerikanische" an diesem Buch. Sicher gibt es auch hierzulande Imitate von Nobel-Handtaschen, von Medikamenten, und anderen Produkten. Aber dass einfache Hausfrauen zu diesem Mittel greifen sollen, um ihre Kasse aufzubessern, will mir nicht in den Kopf. Das Argument, die Banken hätten viel zu leicht Hypotheken und Kreditkarten ausgegeben, erscheint mir sehr lahm. Und auch das Argument, aufgrund einer Wirtschaftsflaute sogleich in seiner Existenz bedroht zu sein, will mir nicht recht einleuchten. Die gefälschten Medikamente als Einnahmequelle sind für mich das Unlogischste überhaupt. Es wird gesagt, viele Leute könnten sich die "echten", die sie aber dringend bräuchten, unter Umständen nicht leisten. In Deutschland stimmt das so nicht. Wenn jemand ein Medikament wirklich lebensnotwendig braucht, trägt es die Krankenkasse. Da ist ein schwunghafter Handel mit Fälschungen überhaupt nicht nötig.
Eine eher unbedeutende, für mich dennoch spürbare Eigenheit ist der Schreibstil, und die Charakterisierung der Personen. Der Stil ist irgendwie sehr "lakonisch", beinahe flapsig. Das mag der Übersetzung geschuldet sein - ich wäre neugierig, die Originalfassung anzuschauen. Glen Garber kommt im ganzen Buch eher abgeklärt rüber - obwohl er seine Frau gerade verloren hat, habe ich nur zwei Stellen im Buch gefunden, an denen er spürbar trauert. Und auch die waren sehr kurz. Auch seine Tochter Kelly scheint für ihre 8 Jahre unwirklich erwachsen, mal ganz abgesehen von ihrer Medien-Nutzung. Das gibt es so wohl nur in Amerika... Hierzulande habe ich noch keine Kinder getroffen, die im Alter von 8 Jahren Videos mit Handy-Kameras drehen, ihre Hausaufgaben am Computer machen, und mit Freunden chatten...
Was mich allerdings überzeugt hat, und was auch die Grundlage für die 4 Sterne ist, ist der routiniert erdachte und abgewickelte Plot, die stetig sich steigernde Spannung, und das geschickte Streuen von Hinweisen und Details. Glen Garber mag kein Ermittler sein, aber gerade durch seine Unprofessionalität wird das Staunen des Lesers den vielen Details gegenüber gut gespiegelt. Zudem sind seine Kapitel aus der Ich-Perspektive geschrieben, und wechseln sich ab mit "neutralen" Kapiteln, die von anderen Personen handeln. Das fand ich sehr erfrischend und glaubwürdig. Es war insgesamt gesehen eine stetige Verwirrungs-Spirale, die sich langsam aber unaufhaltsam zuzog. Jeder, aber auch wirklich jeder in diesem Buch schien "mit drin zu hängen", schien sich unlauter bereichert zu haben, oder hatte andere Geheimnisse. Dass dann zum Schluss doch noch zwei Personen als Schuldige überführt wurden, mit denen man nie im Leben gerechnet hätte, fand ich ein besonderes Kunststück des Autors.
Mein Fazit lautet: dies ist sicher kein gängiger Thriller. Es ist eher ein Gesellschaftsroman, mit kriminalistischem Hintergrund. Zahlreiche Verwicklungen, Unmengen von Verdachtsmomenten sowie die überwiegend "mündliche" Gestaltung der Handlung lassen das Buch leicht lesen. Die starke Amerikanisierung der Handlung mag fremd erscheinen, passt aber zu der eher lakonischen Ausdrucksweise. Insgesamt habe ich es doch gerne gelesen.