Wie geht man mit Schicksalsschlägen um? Wie verarbeitet man sie? Wie kann man mit dem Schmerz weiterleben? Ist Rache die richtige Antwort auf ein erlittenes Unrecht? Es geht aber nicht nur um die Schicksalsschlägen Getroffenen. Neben deren Sichtweise hat der französische Autor Guillaume Musso auch die Täter-Perspektive in den Inhalt eingebaut. Wenn jemand - aus welchen Gründen auch immer - Schuld auf sich lädt. Wie kann er weiterleben? Wie kann er Verantwortung für sein Handeln übernehmen?
Die Figuren:
Da wäre zunächst einmal der 35-jährige Mark, der seit zwei Jahren auf der Straße lebt. Früher hatte er einen Job als Psychologe, führte zusammen mit seinem Jugendfreund Dr. Connor McCoy erfolgreich eine Gemeinschaftspraxis. War verheiratet mit einer bekannten Violinistin, hatte Kind und Haus. Fünf Jahre ist es her seit seine Tochter Layla verschwand. Allen Bemühungen zum Trotz konnte sie nie gefunden werden.
Ausserdem wäre da noch Evie, das fünfzehnjährige Mädchen aus Kalifornien, das in New York den Tod der Mutter rächen will. Zunächst jedoch benötigt sie dringend Geld. Der Versuch Dr. McCoy zu bestehlen misslingt jedoch.
Alyson Harrison, das kleptomanische, Alkohol trinkende Milliardärstöchterchen, hat hingegen ganz andere Sorgen, wegen denen sie Dr. McCoy aufsucht. Etwas aus ihrer Vergangenheit macht ihr zu schaffen.
Sie merken es schon, Dreh- und Angelpunkt dieser Geschichte ist Connor McCoy. Dass er einmal ein Bestsellerautor und erfolgreicher Arzt werden sollte, war ihm nicht in die Wiege gelegt worden. Er wuchs in einem Armenviertel von Chicago auf. Wurde als Jugendlicher von zwei Dealern in Brand gesteckt. Ein Ereignis, das er nur knapp überlebte, und das seinen Körper erheblich verunstalten sollte. Im Gegensatz zu den anderen drei Figuren ist es ihm jedoch gelungen, sich von der Vergangenheit zu lösen. Fast jedenfalls. Denn in einem Punkt ist er nach wie vor von den damaligen Ereignissen geprägt: Connor McCoy konnte bislang keine langfristig funktionierende Partnerschaft mit einer Vertreterin des weiblichen Geschlechts eingehen. Es liegt an den seiner Meinung nach abstossenden Narben, die seinen Körper verunstalten.
Auf diesen vier Eckpunkten basiert die Geschichte von Guillaume Musso. Wie sie zusammen hängen, das dürfen Sie selber in Erfahrung bringen. Es ist auf jeden Fall eine flüssig geschriebene Geschichte mit verschiedenen Wendungen und einem völlig unerwarteten Schluss, in welchem die Verknüpfung dieser Schicksale offen gelegt wird.
Der Aufbau des Buches ist nicht linear. Musso schwenkt zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart hin und her. Immer wieder sind Rückblicke eingebaut, die Aufschluss über die Vergangenheit der Figuren geben. Den roten Faden habe ich dennoch nie verloren, was auch daran liegen kann, dass Musso immer Zeitangaben den einzelnen Kapiteln voran stellt.
Während in den meisten anderen Büchern von Guillaume Musso mystische Elemente enthalten sind - Menschen, die Zeit und Raum überwinden, oder Botschafter des Todes sowie eine Zeitschleife, also ein Tag, der sich wiederholt - ist dieses Buch hier eher realitätsbezogen, allerdings nicht durchgehend realistisch. Das liegt meiner Meinung nach daran, dass Musso um den Überraschungseffekt am Schluss sicher zu stellen, nicht zu viel zu früh verraten darf. Des Weiteren bin ich mir nicht sicher, ob die vorgestellte Therapie in der Wirklichkeit auch tatsächlich so durchgeführt wird. Aber das können wohl nur die Neurologen und Psychologen unter den Lesern beurteilen. Bei mir hat die Wendung zum Schluss hin jedenfalls den gewissen Aha-Effekt erzeugt.
Kurz und gut:
Nach dem letzten Fehlschlag (
Nachricht von dir) ist dies wieder ein Musso, der mich fesseln konnte. Eine Art modernes Märchen für Erwachsene mit Happy-End-Garantie. Vielleicht keine preisverdächtige Literatur, aber ausserordentlich unterhaltsam und dazu noch mit der gewissen Botschaft. DAS RAD DES LEBENS. Licht und Schatten, mit denen wir leben müssen. Vielleicht ein bisschen kitschig und zu konstruiert - musste es ausgerechnet Weihnachten sein, an dem der zwischenzeitlich obdachlose Mark seiner Frau gegenüber einem Straßenräuber beisteht und das Leben rettet? - und dennoch, mir hat es gefallen. Also ganz klar Leseempfehlung für all' diejenigen, die keine hohe Literaturkunst suchen, sondern einfach nur gute Unterhaltung.