Eigentlich gibt es zwei Sorten von Büchern: die einen sind klug, aber ziemlich langweilig; die anderen sind lebendig, aber intellektuell eher mager. Dieses Buch gehört zu den Ausnahmen, die beides vereinen: Gedanken von hoher gesellschaftlicher Relevanz - und Anekdoten, die aus dem Leben gegriffen und vergnüglich zu lesen sind.
Zur Recherche musste der Autor nicht weit reisen: Die digitale Front verläuft durch seine eigene Familie. Dort ist er der letzte Mohikaner des analogen Lebens - einer, der den CD-Shop noch Plattenladen" nennt (Rüge vom Sohn!), Briefe der SMS vorzieht, Freunde lieber zum Essen trifft als ihnen bei Facebook zu begegnen. Die Familie tickt da anders: Seine Frau bearbeitet Fotos auf ihrem Handy (der Autor staunt!), seine Kinder beschwören durch (angeblich illegale) Downloads die horrende Rechnung eines Anwalts herauf, und die Zahl der MP-3-Player im Haus ist angeblich so groß, dass sie als Figuren für ein mittleres Brettspiel reichten.
Gerade die Tatsache, dass der Autor nicht auf einer Insel der analogen Glückseligkeit lebt, verleiht seinem Buch unterhaltsame Anknüpfungspunkte, aber auch hohe Glaubwürdigkeit. Die Kernfrage lautet: Wem nützt die Digitalisierung eigentlich? Mehrt sie das Glück? Macht sie das Leben reicher? Oder ist das Gegenteil wahr: Verhindert sie das wahre (Er-)Leben? Ist sie nur eine blasse Kopie der Realität, eine gefährliche Ersatzdroge, von der lediglich ihre Dealer - sprich die modernen Industrien - profitieren können?
Thomas Montasser rüttelt mit bestechenden Argumenten an den Pfeilern der schönen neuen Welt. Seine Sorge gilt nicht zuletzt der nachwachsenden Generation. Zum Beispiel schreibt er: "Die Kindheit verliert eine ihrer wichtigsten Funktionen: zu lernen, wie sich etwas anfühlt. Man schaut nur noch durch den Bildschirm in das vermeintliche Leben, statt es zu erleben. Vielleicht ist das auch ein Grund, weshalb Gewaltspiele am Computer nach Meinung vieler Experten zu Gewaltexzessen im wirklichen Leben führen: dass man sich nie live geprügelt hat, dass man nicht weiß, wie sich Schmerz anfühlt, sondern nur noch, wie er vermeintlich aussieht." Resümee: "Man weiß früh alles und versteht lange nichts."
Scharfsinnig in der Argumentation, brillant im Stil und immer wieder mit greifbaren Anekdoten gewürzt, vom Computerkauf bis zum Google-Experiment, verdichtet sich dieses Buch zu einem leidenschaftlichen Plädoyer für das greifbare, das tatsächliche, das analoge Leben.
Eine Lektüre, die alle begeistern wird, die lieber ein Buch als einen E-Book-Reader auf dem Nachttisch liegen haben. Und eine Lektüre, die manchen ins Grübeln bringen wird, der bislang auf der hohen Welle der Digitalisierung geritten ist, ohne das folgende Wellental zu sehen.
Wenn das analoge Leben ähnlich lebenswert ist, wie dieses Buch lesenswert ist - dann kann es das schlechteste nicht sein!