Diese Aufnahme aus dem Jahr 1991 wird in ihrer Gesamtqualität bis heute nicht erreicht, geschweige denn übertroffen. Um mich nicht dem Verdacht kritikloser Schwärmerei auszusetzen, weise ich auch auf den einzigen kleinen Makel hin, dass nämlich die Solovioline in der 5. Kantate an einer Stelle hörbar falsch intoniert und in diesem Stück (es ist das Terzett "Ach, wann wird die Zeit erscheinen")überhaupt etwas gestresst wirkt. - Es ist wirklich die einzige, im Verhältnis sehr kleine, Schwäche. Ansonsten seien hier aus der übergroßen Fülle des Positiven einige wenige Aspekte exemplarisch angeführt:
- das Orchester Concerto Köln zu loben ist keine Kunst; das tun viele, weltweit. Tatsache ist, dass es in keiner anderen Einspielung dem Orchester in dieser Weise gelingt, sowohl einen klanglich perfekt balancierten konzertierenden Klangkörper für die Chöre darzustellen als auch die Choräle in vollkommen erscheinender Weise colla parte zu begleiten. Kein "Jauchzet, frohlocket" ist vom Orchester derart festlich musiziert wie dieses;
- das Frankfurter Vokalensemble mit lediglich doppelt besetzten Stimmen präsentiert sich als ein wunderbarer Chor, der vom innigen piano - fast an der Hörgrenze - bis zum großen Forte alles beherrscht, aber dies wiederum lediglich in den Dienst des jeweilig von der Musik Geforederten stellt;
- die Choräle sind, da muss ich mich festlegen, in keiner anderen Aufnahme so innig und ergreifend musiziert, ohne dabei aber in irgendeine Art von Pathos zu verfallen; wenn der Chor stockt, stockt auch dem Hörer der Atem. Ralf Ottos kirchenmusikalische Provenienz schlägt hier voll durch;
- die Tempi sind durchgehend sehr geschmackvoll gewählt, auch und gerade das fast schon stürmische "Ehre sei dir, Gott" eingangs der 5. Kantate;
- die Solisten sind nicht nur als Individuen, sondern fast mehr noch als Team perfekt ausgewählt. Auch wenn man, wie der Rezensent, der Historischen Aufführungspraxis, die sich ja auch Concerto Köln auf die Fahnen geschrieben hat, offen bis äußerst wohlwollend gegenübersteht, muss man die Entscheidung geutheißen, Sopran und Alt mit Frauenstimmen zu besetzen. Historischen Gegebenheiten zum Trotz sollte "Maria" doch von einer Frau gesungen werden, und Monica Groop tut dies z. B. in "Schließe, mein Herze" in stilistisch wie musikalisch bezwingender Weise.
Eine ganz subjektive Sache zum Schluss: Im Rezitativ Nr. 13 erscheint ein Engel. Ruth Ziesaks Realisation - ein glasklares, kaum vibrierendes, aber durch Mark und Bein gehendes "Fürchtet euch nicht" - ist die zeitlos schönste Interpretation dieser Stelle. Es könnte sein, dass der Engel wirklich so gesungen hat...
Fazit: Unbedingt kaufen.