Mag sein, dass nach heutigem musik-wissenschaftlichen Stand eine andere Interpretation angemessener sein könnte als diese Aufnahme von Helmuth Rilling.
Aber dennoch möchte ich hier eine Lanze brechen für diese Aufnahme - vielleicht für diejenigen, die sie nicht unter wissenschaftlichen Aspekten hören möchte, sondern tatsächlich mit dem Herzen.
Da Geschwindigkeit auch bei bewundernswertester Präzision schlicht gehetzt wirkt, wenn "atemberaubend" auf die Tempi und auf die Spielkunst, dafür aber gar nicht auf die Nachempfindung des beschriebenen Geschehens zutrifft, da umgekehrt manche Aufnahmen so zäh und langatmig sind wie eine angestaubte Predigt - ist dieses Werk für mich mehr als nur ein Kompromiss in der Mitte: Rilling schafft sehr wohl Schwung und Brillanz in den Tempo-Stücken der Chöre - in einer Weise, die die schwierige Balance erreicht zwischen dem Strahlen der Weihnachtsbotschaft und der Würde der alten Texte. Andere Passagen wagen eine Innigkeit, die zutiefst die Frömmigkeit Bachs, des fünften Evangelisten nachempfinden lässt. Die Arie "Ich will Dir zu ehren leben" kann ebenso berühren wie die wunderbare Interpretation der Echo-Arie (um nur zwei "populäre" Beispiele zu nennen).
Bachs Musik kann auf viele Arten "richtig" interpretiert werden.
Das Weihnachtsoratorium ist aber eben nicht nur Musik, es ist Verkündigung. Diese gelingt hier - und zwar aus einem tiefen Verständnis dafür, dass Bach nicht nur Musiker um der Musik willen war, sondern ein brillanter Theologe - dem zu seinem musikalischen Genie auch noch ein großer Sinn für die Intellektualität und die Leidenschaft der lutherischen Sprache und protestantischen Theologie gegeben war. Bevor der Pietismus das Feld der "Innerlichkeit" besetzte und Aufklärung und Orthodoxie Nüchternheit und Langeweile einkehren ließen, ahnt man bei Bach die Kraft des evangelischen Zugangs zum Evangelium.
Aber dies hörbar zu machen ist in einer Zeit, die, bezogen auf das Christentum, sagen wir's vorsichtig, doch eher theologisch ahnungslos ist, eine ungeheure Herausforderung! Denn: wer kann wohl Bach darin wirklich nachvollziehen: nicht nur in seinem Musiker-Sein, sondern eben auch in diesem Christsein, das so gar nicht in die Klischees der heutigen Zeit passen will....
Diese Aufnahmen ist für mich eine der wenigen, bei denen das Ego der Interpreten hinter das Werk ZURÜCK tritt, als sei es Rilling eben nicht in erster Linie darauf angekommen, Tempi und Instrumentenwahl historisch angemessen zu wählen, sondern den Geist der Worte nachzuempfinden.
Doch: Alljährlich wird das Oratorium aufgeführt, bemüht um Perfektion und Leistung. Aber fast nie habe ich den Eindruck, dass neben der Musik auch der Inhalt berühren soll. Hier gelingt es.
Ich denke nicht einmal, dass es in der Absicht lag. Es war wohl ein kairos, dass hier eine Interpretation berühren, mitreißen, durch den Advent geleiten kann.
Diese Aufnahme bietet neben dem konzertanten Aspekt eben auch denen etwas, die beim Hören die gottesdienstliche Dimension der Kantaten nachempfinden möchten.
Anbei: Die Frauenstimmen der Gächinger Kantorei klingen in einer Fülle, Wärme und LEBENSERFAHRUNG, dass dies zumindest eine bemerkenswerte Alternative zu den klaren, beeindruckenden, aber eben auch ungerührten Stimmen kindlicher Knaben sein kann.
Bilanz: Man muss sich darüber im Klaren sein, was man will - Musik, die die Botschaft von Weihnachten in sich trägt, oder Interpretationen im hohen Dienste der Musik, beides wird immer zeit-, geschmack- und menschengebunden sein. Was sonst?
Mit dieser Aufnahme sind diejenigen Hörer sehr gut bedient, die jenseits der Musik noch das suchen, was Bach so einzigartig macht: Die Verbindung von Musik und christlicher Frömmigkeit - im besten, nämliche souveränen und freien Sinn.