Nach der für mich besten Aufnahme des Weihnachtsoratoriums habe ich lange gesucht. Ich wollte "originales" Instrumentarium, aber ohne die gepflegte Glätte, wie man sie leider oft bei Perfektionsensembles der Alte-Musik-Szene antrifft. Eine frische, lebendige Atmosphäre ist für mich fast das Wichtigste; ich will mir möglichst wie bei der Aufführung vorkommen, nur ohne Gehuste. Es hat mich als lange erprobten Harnoncourt-Gegner ein großes persönliches Eingeständnis gekostet: diese Einspielung setzt in Klang um, was ich in diesem Werk suche.
Das Solistenquartett besteht aus einander denkbar entgegengesetzten Einzelstimmen, die aber doch eine hervorragend funktionierende Einheit bilden. Der Knabensopransolist ist fantastisch! Weder muss man ihm die Daumen zum Durchhalten drücken, noch klingt er nach Dressur (wie bspw. typischerweise die Tölzer) - einfach zurücklehnen und genießen... Die Echo-Arie habe ich kaum jemals so spannend und doch natürlich gehört. Paul Esswood am Alt macht einen typischen englischen Counter. Tenor Kurt Equiluz hat nicht immer 100%ige Kontrolle über sein Organ, was sich in "Ich will nur Dir zu ehren leben" etwas störend bemerkbar macht; als Evangelist ist er nahezu unübertrefflich sprechend-ausdrucksstark, klingt vielleicht manchmal stimmlich etwas angestrengt; aber wie er mit dem Evangelienbericht innerlich "mitgeht", ist so unmittelbar, dass man fast denkt, der Handlung bei ihrer Entstehung bezuwohnen. Äußerst spannend und souverän sein "Nun mögt ihr stolzen Feinde schrecken". Bass S. Nimsgern ist angenehm zu hören.
Der Chor singt so leicht, so unangestrengt, wohlintoniert - es ist eine reine Freude. Man merkt, dass er sehr bewusst vom Dirigenten geführt wird; aber auch, dass er dieser Führung aus eigener Kraft und Intelligenz folgen kann.
Beim Orchesterpart zeigen sich hier und da einige Altersspuren dieser Aufnahme. So klingen die Oboen noch nicht immer so "barock", wie es heutzutage üblich ist. Vor den Trompeten muss ich meinen Hut ziehen: da geht fast nichts daneben, und wenn, dann nicht schlimm. Ich mutmaße, daß sich 1973 noch keine Hilfslöcher im vorderen Bügel befanden, wie es heutige Barocktrompeten haben - umso höher muss man die Leistung schätzen.
Harnoncourt wählt Tempi, die aus heutiger Sicht eher ruhig, ja geradezu überraschend gemäßigt zu nennen sind. Dabei ziseliert er jede Menge Einzelheiten des Notentextes heraus, hebt Stimmen hervor, schärft Kontraste usw., so dass es niemals langweilig wird. Dabei geht der übergeordnete Bogen aber nie verloren. Die wiederholten Fortissimo-Ausbrüche der Trompeten/Pauken im Eingangschor zum sechsten Teil mögen als Beispiel für die Vitalität dieser Interpretation dienen - den Mut muss man erst einmal aufbringen. Und auch der Eingangschor zum vierten Teil, der mir beim ersten Hören lahm vorkam, enthüllte bei weiteren Durchgängen auf einmal, wie blitzwach die Musiker in Wirklichkeit sind: im Detail wird es bemerkbar.
Die Klangqualität der Aufnahme ist überraschend gut; in großen Tuttipassagen entspricht die Trennschärfe und dynamische Bandbreite noch nicht ganz den heutigen hochgezüchteten Verhältnissen, aber meckern kann man wirklich nicht. Harnoncourt war schließlich auch eine Art Anti-Karajan: war jenem die Orchesteraufnahme nur das Material für die Vollendung der Interpretation am Studiomischpult, so ließ er selbst ein Stereomikrofon in die Mitte stellen, und das hatte dann eben zu klingen - überspitzt gesagt. Jedenfalls hat man es mir so erzählt.
Fazit: mit dieser Aufnahme werde ich noch lange glücklich sein.