Ich habe dieses Buch aufgrund der positiven Rezensionen und der Tatsache, dass es bereits in der 10. Auflage erscheint, gekauft. Um es gleich vorwegzunehmen: Ich möchte mich den anderen Lesern/ Leserinnen generell anschließen, die das Buch positiv beurteilt haben.
Warum aber das Buch "Weiblicher Narzissmus" betitelt wird, ist mir nicht ganz klar. Hat man wirklich diese Persönlichkeitsstörung, wenn man in der heutigen Zeit versucht, den Anforderungen und Rollen an die moderne Frau gerecht zu werden? Gute Tochter, Freundin, Partnerin, Kollegin/ Chefin und Mutter sein. Hier sehe ich mehr den Schönheits-, Schlankheits-, Jugendwahn gepaart mit Perfektionismus. Bilder, die unserem Selbst durch die Medien- und Werbewelt vermittelt werden. Ganz klar können diese Bilder einen negativen Einfluss auf die weibliche Psyche haben. Und nach der Ichbezogenheit der Frau in den 80er und 90er Jahren (und der kollektiven "Verwirrung" der Männer, was die Frauen denn nun wirklich wollen), fragt man sich jetzt: Und was kommt nun? Und wie sieht denn jetzt die gesunde, gute Beziehung aus? Und welche Eigen- und Fremdbilder sind ungesund und welche gesund?
Ich bin 30 und höre aufmerksam zu, wenn Frauen (gleich welchen Alters) aus ihrem Privat- und Berufsleben berichten. Dem Buch nach sind viele latent narzisstisch. Ist das wirklich so? Oder geht es hier um etwas anderes? Darum, dass die alten Rollenbilder ausgedient haben, aber die neuen noch auf "wackligen Beinen" stehen, weil wir selbst gerade mittendrin stecken? Und hin- und hergezerrt werden von eigenen und fremden Bedürfnissen? Privat wie beruflich?
Mann und Frau müssen sich neu finden und dann zueinander finden. Dies verlangt Geduld, viel Kommunikation und Eingeständnisse. In einer schnellebigen Zeit streift man dabei zu oft die Oberfläche, d.h. sucht Schuldige in der Außenwelt (Eltern, Umfeld, Partner, Schicksal) statt wirklich ans Eingemachte zu gehen. Will sagen: Verantwortung für sich übernehmen und die passive "Piep, Piep, Piep"-Opferrolle aufgeben.
Fazit: Vielleicht teilt man nicht die suggerierte Ansicht der Autorin, dass Frauen mit geringerem Selbstwert, Verunsicherung bzgl. sozialer Rolle, etc. evtl. eine narzisstische Persönlichkeitsstörung aufweisen. Sicherlich bietet dieses gut geschriebene Buch jedoch Einblicke, zeigt bekannte, aber deshalb nicht minder interessante Zusammenhänge auf und liefert Denkanstöße. Auch für Nicht-Narzisstinnen.