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Weiberregiment. Ein Scheibenwelt-Roman
 
 
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Weiberregiment. Ein Scheibenwelt-Roman [Gebundene Ausgabe]

Terry Pratchett , Andreas Brandhorst
3.6 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (56 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

„Es gab immer Krieg ...“ Schon jahrelang befindet sich das kleine und verarmte Borograwien im dauerhaften Kriegszustand mit seinen Nachbarn. Beherrscht von einer Herzogin, die seit dreißig Jahren niemand mehr zu Gesicht bekommen hat, und von einem Gott, dessen absurde Verbote selbst die eigenen Priester nicht mehr begreifen, hat sich Borograwien nun auch noch das mächtige Ankh-Morpork zum Feind gemacht. Dabei ist es um die Armee des Landes so schlecht bestellt, dass sie sich bereits gezwungen sieht, Trolle, Zombies und Vampire anzuwerben, um die Lücken in den eigenen Reihen zu schließen.

Auch der Bruder der jungen Polly Perks ist in den Krieg gezogen und gilt seit einiger Zeit als vermisst. Da sie die Arbeit im Wirtshaus ihrer Eltern ohnehin satt hat, beschließt Polly kurzerhand, in die Armee einzutreten und ihren Bruder zu suchen. Natürlich sind Frauen in den borograwischen Streitkräften strengstens verboten -- schließlich ist Krieg Männersache! --, doch mit Hilfe eines radikalen Haarschnitts und zweier an der richtigen Stelle platzierten Socken gelingt es Polly, den Feldwebel zu täuschen und sich in die Armee einzuschmuggeln. Zunächst lebt sie in ständiger Furcht vor einer Entdeckung. Allerdings beginnt sie bald zu ahnen, dass sie nicht die einzige Frau in der Kompanie ist. Darüber hinaus muss Polly feststellen, dass die Realität des Krieges nur wenig mit dem gemein hat, was in den Medien des Landes darüber berichtet wird.

Weiberregiment ist in einem Winkel von Terry Pratchetts Scheibenwelt angesiedelt, der bisher noch weitgehend unerforscht war. Neben kurzen Auftritten bekannter Figuren wie Hauptmann Mumm von der Stadtwache und William de Worde als Kriegsberichterstatter wartet der Roman außerdem mit einer ganzen Reihe neuer und -- in bester Pratchett-Manier -- verschrobener Figuren auf. Er eignet sich daher auch sehr gut als Einstieg für Leser, die bisher noch keinen Ausflug in die Scheibenwelt unternommen haben. Der Krieg -- vielleicht eine der groteskesten menschlichen Aktivitäten überhaupt -- wird für Pratchett zum Ausgangspunkt für eine Satire auf unfähige Diplomaten, religiöse Fanatiker und verbohrte Bürokraten. Einmal mehr hält uns Pratchett den Spiegel vor und zeigt uns, wie sehr die Absurdität der Scheibenwelt unserer Realität ähnelt ... oder war es etwa anders herum? -- Sara Schade

Pressestimmen

"Männliche Gegner haben nichts zu lachen, um so mehr der Leser." (Nürnberger Nachrichten )

xxx

"Terry Pratchett ist einer der besten lebenden Autoren!" Independent

xxx

"Höchstes erzählerisches Können!" Die Welt

Kurzbeschreibung

Das kleine, bettelarme Borograwien liegt ständig im Krieg mit seinen Nachbarn. Von der Herrscherin gibt es seit vielen Jahren nur noch Bilder zu sehen, und das Land ist inzwischen so ausgeblutet, dass sogar Vampire und Trolle rekrutiert werden. Als man dann zu allem Überfluss auch noch eine wichtige Nachrichtenverbindung kappt, bringt dies die einzige Großmacht der Scheibenwelt, das ferne Ankh-Morpork, gegen Borograwien auf. Im Tal des Kneck stehen sich bald die Heere gegenüber, Flüchtlingsströme sind unterwegs, und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Allianz der Feinde den Sieg über Borograwien erringt. Eine wichtige Festung ist bereits umzingelt. Da entschließt sich Polly Perks, Soldat zu werden und ihren Bruder Paul aus dem Militär heimzuholen. Sie verkleidet sich als Junge und lässt sich von einem Rekrutierungstrupp anwerben. Doch Polly bemerkt bald, dass sie nicht die einzige Frau im Regiment ist. Zwar ist es in Borograwien streng verboten, dass sich Frauen wie Männer kleiden, aber Polly und ihre Mitstreiterinnen ziehen unverdrossen in die Schlacht, um die Festung zu stürmen und die gefangenen Landsmänner zu befreien …


Klappentext

"Terry Pratchett ist einer der großen Weltenschöpfer - er hat die wahre Energie eines ursprünglichen Geschichtenerzählers."
The Times

"Terry Pratchett ist einer der besten lebenden Autoren!"
Independent

"Höchstes erzählerisches Können!"
Die Welt

Über den Autor

Terry Pratchett, geboren 1948, fand im zarten Alter von 13 Jahren den ersten Käufer für eine seiner Geschichten. Heute zählt der kleine Mann mit dem großen schwarzen Schlapphut zu den erfolgreichsten Autoren Großbritanniens und ist einer der populärsten Fantasy-Autoren der Welt. Seit 1983 schreibt er Scheibenwelt-Romane. Inzwischen widmet er sich ganz seiner Schöpfung, und seine Gemeinde wird täglich größer. Dabei ist er zweifellos der Autor mit dem skurrilsten ehemaligen Beruf: Er war jahrelang Pressesprecher für fünf Atomkraftwerke beim Central Electricity Generating Board. Nach eigener Auskunft hat er nur deshalb noch kein Buch darüber geschrieben, weil es ihm ja doch keiner glauben würde. Seinen Sinn für Realsatire hat der schrille Job jedenfalls geschärft. Von seinen Scheibenwelt-Romanen wurden weltweit rund 50 Millionen Exemplare verkauft, seine Werke sind in 34 Sprachen übersetzt. Für seine Verdienste um die englische Literatur wurde ihm sogar die Ritterwürde verliehen. Umgeben von den modernsten Computern (und so durch ein Stück Schnur mit dem Rest der Welt verbunden) lebt Terry Pratchett mit seiner Frau Lyn in der englischen Grafschaft Wiltshire.

Andreas Brandhorst, 1956 im norddeutschen Sielhorst geboren, schrieb bereits in jungen Jahren phantastische Erzählungen für deutsche Verlage. Es folgten zahlreiche Heftromane - unter anderem für die legendäre Terranauten-Serie - sowie Fantasy- und Science-Fiction-Taschenbücher. Im Kantaki-Zyklus, zu dem "Feuerstürme" gehört, sind bereits die Romane "Diamant", "Der Metamorph" sowie "Der Zeitkrieg" erschienen. Andreas Brandhorst lebt als freier Autor und Übersetzer in Norditalien.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Polly schnitt sich vor dem Spiegel das Haar ab und bekam dabei ein schlechtes Gewissen, weil sie gar kein schlechtes Gewissen hatte. Eigentlich war das Haar ihre krönende Pracht, und alle nannten es wundervoll, aber bei der Arbeit trug sie es normalerweise in einem Netz. Sie hatte immer gedacht, dass es an sie verschwendet war. Nichtsdestotrotz achtete sie darauf, dass die langen goldenen Locken auf das kleine Tuch fielen, das sie aufnehmen sollte.
Hätte sie zu diesem Zeitpunkt irgendwelche starken Gefühle zugegeben, dann den Ärger darüber, dass ein Haarschnitt genügte, um sie als jungen Mann durchgehen zu lassen. Sie brauchte nicht einmal ihren Busen flach zu binden, was in solchen Fällen üblich war, wie sie gehört hatte. Sie verdankte es der Natur, dass es in dieser Hinsicht kaum Probleme gab.
Die Schere erzielte eine … unregelmäßige Wirkung, aber der Haarschnitt war nicht schlechter als der vieler Männer. Er würde seinen Zweck erfüllen. Polly fühlte Kühle im Nacken, aber das lag nur zum Teil am fehlenden Haar. Es lag auch an dem Blick.
Die Herzogin beobachtete sie von ihrem Platz über dem Bett.
Es war kein besonders guter Holzschnitt, handgemalt, größtenteils blau und rot. Er zeigte eine schlichte Frau in mittleren Jahren, mit durchhängendem Kinn und hervorquellenden Augen, was Zynikern den Eindruck vermittelte, jemand hätte einen großen Fisch in ein Kleid gestopft. Doch dem Künstler war es gelungen, in dem seltsam leeren Gesicht etwas zum Ausdruck zu bringen. Manche Bilder hatten Augen, deren Blick einem folgte, wenn man durchs Zimmer schritt. In diesem Fall starrten sie durch einen hindurch. Dieses Gesicht fand sich in jedem Haus. In Borograwien wuchs man mit der Herzogin auf, die einen beobachtete.
Polly wusste, dass ein Bild der Herzogin im Schlafzimmer ihrer Eltern hing, und sie wusste auch, dass ihre Mutter zu Lebzeiten jeden Abend einen Knicks davor gemacht hatte. Sie griff nach oben und drehte das Bild mit dem Gesicht zur Wand. Eine Stimme in ihrem Kopf sagte Nein. Polly achtete nicht darauf. Sie hatte sich entschieden.
Sie zog die Kleidung ihres Bruders an, stopfte den Inhalt des Tuchs in einen kleinen Beutel, den sie zusammen mit den zusätzlichen Sachen ganz unten im Rucksack verstaute, legte einen Zettel aufs Bett, griff nach dem Rucksack und kletterte aus dem Fenster. Es war Polly, die aus dem Fenster kletterte, doch Olivers Füße berührten unten den Boden.
Die Morgendämmerung machte eine dunkle Welt grau, als sie über den Hof des Gasthauses huschte. Die Herzogin blickte auch von dem Schild über dem Eingang herab. Pollys Vater war ein großer Loyalist gewesen, zumindest bis zum Tod ihrer Mutter. In diesem Jahr war das Schild nicht neu gemalt worden, und ein Klecks Vogeldreck ließ die Herzogin schielen.
Polly vergewisserte sich, dass der Karren des Rekrutierungsfeldwebels noch immer vor der Taverne stand. Der Regen der vergangenen Nacht hatte die bunten Fahnen schwer herabhängen lassen und ihre Farben getrübt. Nach dem Aussehen des dicken Feldwebels zu urteilen, würde es noch Stunden dauern, bis der Karren wieder auf der Straße war. Sie hatte jede Menge Zeit. Er schien ein langsamer Frühstücker zu sein.
Sie schlüpfte durch die Hintertür und ging bergauf. Oben blieb sie stehen und blickte zu dem erwachenden Ort zurück. Rauch kam aus einigen Schornsteinen, aber das Wirtshaus schlief noch – Polly stand immer als Erste auf und musste die Dienstmädchen aus ihren Betten scheuchen. Sie wusste, dass Witwe Klimm über Nacht geblieben war (ihr Vater meinte, es hätte so stark geregnet, dass sie nicht nach Hause zurückkehren konnte), und Polly hoffte um seinetwillen, dass sie jede Nacht blieb. Im Ort mangelte es nicht an Witwen, und Eva Klimm war eine warmherzige Frau, die meisterhaft zu backen verstand. Die lange Krankheit seiner Angetrauten und Pauls lange Abwesenheit hatten Pollys Vater sehr zugesetzt. Die alten Frauen, die ihre Tage damit verbrachten, aus den Fenstern zu schauen und alles zu beobachten, spionierten, ärgerten sich und tuschelten. Aber das machten sie schon zu lange; niemand hörte mehr auf sie.
Polly hob den Blick. Rauch und Dampf stiegen bereits von der Wäscherei der Mädchenschule auf. Wie eine Drohung ragte die Schule am einen Ende des Ortes auf, groß und grau, mit hohen, schmalen Fenstern. Immer herrschte dort Stille. Als Polly klein gewesen war, hatte man ihr erzählt, dass die »bösen Mädchen« dorthin kamen. Die Art des »Bösen« wurde nicht erklärt, und im Alter von fünf Jahren gewann Polly die vage Vorstellung, »böse« bedeutete, nicht ins Bett zu gehen, wenn man dazu aufgefordert wurde. Als Achtjährige hatte sie gelernt: Man war böse, wenn man das Glück hatte, nicht losgehen und für den Bruder einen Malkasten kaufen zu müssen. Sie drehte sich um und wanderte zwischen den Bäumen, in denen Vögel zwitscherten.
Vergiss, dass du jemals Polly gewesen bist. Denk wie ein junger Mann, darauf kam es an. Furz laut und voller Zufriedenheit, wenn du eine Arbeit gut gemacht hast. Beweg dich wie eine Marionette, bei der einige Fäden durchgeschnitten sind. Umarme nie jemanden. Und wenn du einen Freund triffst, so knuff ihn. Einige Jahre Arbeit im Wirtshaus hatten viel Anschauungsmaterial geliefert. Zumindest war es kein Problem, nicht die Hüften zu schwingen. Auch dabei hatte die Natur gespart.
Und dann galt es noch, die Gangart eines jungen Mannes nachzuahmen. Frauen schwangen wenigstens nur ihre Hüften. Junge Männer schwangen alles, von den Schultern abwärts. Man muss versuchen, möglichst viel Platz einzunehmen, dachte Polly. Dann sieht man größer aus, wie ein Kater mit aufgebauschtem Schwanz. Sie hatte es im Wirtshaus oft gesehen. Die Jungen versuchten, groß zu gehen, es war Selbstverteidigung gegen die anderen großen Jungs dort draußen. Ich bin böse, ich bin grimmig, ich bin cool, ich möchte ein Glas Alsterwasser, und meine Mutter will, dass ich um neun zu Hause bin …
Mal sehen … Die Arme so vom Körper gestreckt, als trügen sie Mehlsäcke … okay. Die Schultern so bewegen, als bahnte sie sich einen Weg durch eine Menschenmenge … okay. Mit den gewölbten Händen rhythmische Bewegungen machen, als drehten sie zwei unabhängige Griffe an der Taille … okay. Die Beine locker und krumm, wie die eines Affen … okay …
Es funktionierte einige Meter weit, bis Polly durcheinander kam, und die daraus resultierende muskuläre Verwirrung warf sie in ein Gebüsch. Danach gab sie es auf.
Das Unwetter kehrte zurück, als sie über den Weg eilte; manchmal hing eins tagelang in den Bergen. Aber hier oben war der Pfad wenigstens kein Schlammbach, und die Bäume hatten noch genug Blätter, um Polly ein wenig Schutz zu bieten. Sie hatte nicht die Zeit, besseres Wetter abzuwarten. Ein langer Weg lag vor ihr. Der Rekrutierungskarren würde den Fluss mit der Fähre überqueren, aber die Fährmänner kannten Polly, und der Wächter würde die Reiseerlaubnis sehen wollen, die Oliver Perks natürlich nicht hatte. Das bedeutete einen weiten Umweg zur Trollbrücke bei Tübz. Für Trolle sahen Menschen alle gleich aus, und jedes Stück Papier genügte als Erlaubnisschein, da sie nicht lesen konnten. Anschließend wollte Polly durch den Kiefernwald nach Plün wandern. Der Karren musste dort für die Nacht anhalten, doch der Ort war eins jener abgelegenen Nester, die nur existierten, damit Landkarten die Verlegenheit zu vieler leerer Stellen erspart blieb. Niemand kannte sie in Plün. Niemand kam je dorthin. Es war ein elendes Kaff.
Der ideale Ort für Polly. Die Rekrutierungsgruppe würde dort übernachten, und das gab ihr Gelegenheit, sich anwerben zu lassen. Der große dicke Feldwebel und sein schmieriger kleiner Korporal würden bestimmt nicht das Mädchen wiedererkennen, das sie am vergangenen Abend bedient hatte. Polly war keine konventionelle Schönheit. Der Korporal hatte versucht, sie in den Po zu zwicken, aber wahrscheinlich aus reiner Angewohnheit, so wie man nach einer Fliege schlug, und es gab...

Auszug aus Weiberregiment von Terry Pratchett, Andreas Brandhorst. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Polly schnitt sich vor dem Spiegel das Haar ab und bekam dabei ein schlechtes Gewissen, weil sie gar kein schlechtes Gewissen hatte. Eigentlich war das Haar ihre krönende Pracht, und alle nannten es wundervoll, aber bei der Arbeit trug sie es normalerweise in einem Netz. Sie hatte immer gedacht, dass es an sie verschwendet war. Nichtsdestotrotz achtete sie darauf, dass die langen goldenen Locken auf das kleine Tuch fielen, das sie aufnehmen sollte.
Hätte sie zu diesem Zeitpunkt irgendwelche starken Gefühle zugegeben, dann den Ärger darüber, dass ein Haarschnitt genügte, um sie als jungen Mann durchgehen zu lassen. Sie brauchte nicht einmal ihren Busen flach zu binden, was in solchen Fällen üblich war, wie sie gehört hatte. Sie verdankte es der Natur, dass es in dieser Hinsicht kaum Probleme gab.
Die Schere erzielte eine … unregelmäßige Wirkung, aber der Haarschnitt war nicht schlechter als der vieler Männer. Er würde seinen Zweck erfüllen. Polly fühlte Kühle im Nacken, aber das lag nur zum Teil am fehlenden Haar. Es lag auch an dem Blick.
Die Herzogin beobachtete sie von ihrem Platz über dem Bett.
Es war kein besonders guter Holzschnitt, handgemalt, größtenteils blau und rot. Er zeigte eine schlichte Frau in mittleren Jahren, mit durchhängendem Kinn und hervorquellenden Augen, was Zynikern den Eindruck vermittelte, jemand hätte einen großen Fisch in ein Kleid gestopft. Doch dem Künstler war es gelungen, in dem seltsam leeren Gesicht etwas zum Ausdruck zu bringen. Manche Bilder hatten Augen, deren Blick einem folgte, wenn man durchs Zimmer schritt. In diesem Fall starrten sie durch einen hindurch. Dieses Gesicht fand sich in jedem Haus. In Borograwien wuchs man mit der Herzogin auf, die einen beobachtete.
Polly wusste, dass ein Bild der Herzogin im Schlafzimmer ihrer Eltern hing, und sie wusste auch, dass ihre Mutter zu Lebzeiten jeden Abend einen Knicks davor gemacht hatte. Sie griff nach oben und drehte das Bild mit dem Gesicht zur Wand. Eine Stimme in ihrem Kopf sagte Nein. Polly achtete nicht darauf. Sie hatte sich entschieden.
Sie zog die Kleidung ihres Bruders an, stopfte den Inhalt des Tuchs in einen kleinen Beutel, den sie zusammen mit den zusätzlichen Sachen ganz unten im Rucksack verstaute, legte einen Zettel aufs Bett, griff nach dem Rucksack und kletterte aus dem Fenster. Es war Polly, die aus dem Fenster kletterte, doch Olivers Füße berührten unten den Boden.
Die Morgendämmerung machte eine dunkle Welt grau, als sie über den Hof des Gasthauses huschte. Die Herzogin blickte auch von dem Schild über dem Eingang herab. Pollys Vater war ein großer Loyalist gewesen, zumindest bis zum Tod ihrer Mutter. In diesem Jahr war das Schild nicht neu gemalt worden, und ein Klecks Vogeldreck ließ die Herzogin schielen.
Polly vergewisserte sich, dass der Karren des Rekrutierungsfeldwebels noch immer vor der Taverne stand. Der Regen der vergangenen Nacht hatte die bunten Fahnen schwer herabhängen lassen und ihre Farben getrübt. Nach dem Aussehen des dicken Feldwebels zu urteilen, würde es noch Stunden dauern, bis der Karren wieder auf der Straße war. Sie hatte jede Menge Zeit. Er schien ein langsamer Frühstücker zu sein.
Sie schlüpfte durch die Hintertür und ging bergauf. Oben blieb sie stehen und blickte zu dem erwachenden Ort zurück. Rauch kam aus einigen Schornsteinen, aber das Wirtshaus schlief noch – Polly stand immer als Erste auf und musste die Dienstmädchen aus ihren Betten scheuchen. Sie wusste, dass Witwe Klimm über Nacht geblieben war (ihr Vater meinte, es hätte so stark geregnet, dass sie nicht nach Hause zurückkehren konnte), und Polly hoffte um seinetwillen, dass sie jede Nacht blieb. Im Ort mangelte es nicht an Witwen, und Eva Klimm war eine warmherzige Frau, die meisterhaft zu backen verstand. Die lange Krankheit seiner Angetrauten und Pauls lange Abwesenheit hatten Pollys Vater sehr zugesetzt. Die alten Frauen, die ihre Tage damit verbrachten, aus den Fenstern zu schauen und alles zu beobachten, spionierten, ärgerten sich und tuschelten. Aber das machten sie schon zu lange; niemand hörte mehr auf sie.
Polly hob den Blick. Rauch und Dampf stiegen bereits von der Wäscherei der Mädchenschule auf. Wie eine Drohung ragte die Schule am einen Ende des Ortes auf, groß und grau, mit hohen, schmalen Fenstern. Immer herrschte dort Stille. Als Polly klein gewesen war, hatte man ihr erzählt, dass die »bösen Mädchen« dorthin kamen. Die Art des »Bösen« wurde nicht erklärt, und im Alter von fünf Jahren gewann Polly die vage Vorstellung, »böse« bedeutete, nicht ins Bett zu gehen, wenn man dazu aufgefordert wurde. Als Achtjährige hatte sie gelernt: Man war böse, wenn man das Glück hatte, nicht losgehen und für den Bruder einen Malkasten kaufen zu müssen. Sie drehte sich um und wanderte zwischen den Bäumen, in denen Vögel zwitscherten.
Vergiss, dass du jemals Polly gewesen bist. Denk wie ein junger Mann, darauf kam es an. Furz laut und voller Zufriedenheit, wenn du eine Arbeit gut gemacht hast. Beweg dich wie eine Marionette, bei der einige Fäden durchgeschnitten sind. Umarme nie jemanden. Und wenn du einen Freund triffst, so knuff ihn. Einige Jahre Arbeit im Wirtshaus hatten viel Anschauungsmaterial geliefert. Zumindest war es kein Problem, nicht die Hüften zu schwingen. Auch dabei hatte die Natur gespart.
Und dann galt es noch, die Gangart eines jungen Mannes nachzuahmen. Frauen schwangen wenigstens nur ihre Hüften. Junge Männer schwangen alles, von den Schultern abwärts. Man muss versuchen, möglichst viel Platz einzunehmen, dachte Polly. Dann sieht man größer aus, wie ein Kater mit aufgebauschtem Schwanz. Sie hatte es im Wirtshaus oft gesehen. Die Jungen versuchten, groß zu gehen, es war Selbstverteidigung gegen die anderen großen Jungs dort draußen. Ich bin böse, ich bin grimmig, ich bin cool, ich möchte ein Glas Alsterwasser, und meine Mutter will, dass ich um neun zu Hause bin …
Mal sehen … Die Arme so vom Körper gestreckt, als trügen sie Mehlsäcke … okay. Die Schultern so bewegen, als bahnte sie sich einen Weg durch eine Menschenmenge … okay. Mit den gewölbten Händen rhythmische Bewegungen machen, als drehten sie zwei unabhängige Griffe an der Taille … okay. Die Beine locker und krumm, wie die eines Affen … okay …
Es funktionierte einige Meter weit, bis Polly durcheinander kam, und die daraus resultierende muskuläre Verwirrung warf sie in ein Gebüsch. Danach gab sie es auf.
Das Unwetter kehrte zurück, als sie über den Weg eilte; manchmal hing eins tagelang in den Bergen. Aber hier oben war der Pfad wenigstens kein Schlammbach, und die Bäume hatten noch genug Blätter, um Polly ein wenig Schutz zu bieten. Sie hatte nicht die Zeit, besseres Wetter abzuwarten. Ein langer Weg lag vor ihr. Der Rekrutierungskarren würde den Fluss mit der Fähre überqueren, aber die Fährmänner kannten Polly, und der Wächter würde die Reiseerlaubnis sehen wollen, die Oliver Perks natürlich nicht hatte. Das bedeutete einen weiten Umweg zur Trollbrücke bei Tübz. Für Trolle sahen Menschen alle gleich aus, und jedes Stück Papier genügte als Erlaubnisschein, da sie nicht lesen konnten. Anschließend wollte Polly durch den Kiefernwald nach Plün wandern. Der Karren musste dort für die Nacht anhalten, doch der Ort war eins jener abgelegenen Nester, die nur existierten, damit Landkarten die Verlegenheit zu vieler leerer Stellen erspart blieb. Niemand kannte sie in Plün. Niemand kam je dorthin. Es war ein elendes Kaff.
Der ideale Ort für Polly. Die Rekrutierungsgruppe würde dort übernachten, und das gab ihr Gelegenheit, sich anwerben zu lassen. Der große dicke Feldwebel und sein schmieriger kleiner Korporal würden bestimmt nicht das Mädchen wiedererkennen, das sie am vergangenen Abend bedient hatte. Polly war keine konventionelle Schönheit. Der Korporal hatte versucht, sie in den Po zu zwicken, aber wahrscheinlich aus reiner Angewohnheit, so wie man nach einer Fliege schlug, und es gab auch gar nicht viel, in das man zwicken konnte.
Auf dem Hügel über der Fähre nahm sie Platz, genehmigte sich ein spätes Frühstück aus kalten Kartoffeln und Wurst und beobachtete dabei, wie der Karren übersetzte. Niemand ging hinter ihm. Diesmal waren in Munz keine jungen Burschen rekrutiert worden. Die Leute hielten sich fern. Während der letzten Jahre hatten zu viele junge Männer den Ort verlassen, und zu wenige waren zurückgekehrt. Und manchmal brachten jene, die zurückkehrten, nicht alle Teile von sich mit. Sosehr der Korporal auch auf seine Trommel hämmerte: Dem Dorf Munz gingen die Söhne fast ebenso schnell aus, wie sich dort Witwen ansammelten.
Der Nachmittag hing schwer und feucht, und ein Singvogel folgte Polly von Busch zu Busch. Der Schlamm der vergangenen Nacht dampfte, als sie die Trollbrücke erreichte, die den Fluss in einer schmalen Schlucht überspannte. Sie war dünn und elegant geschwungen, und angeblich hielt sie ohne Mörtel zusammen. Es hieß, dass ihr eigenes Gewicht sie fest im Felsgestein auf beiden Seiten verankerte. Ein Wunder der Welt sollte sie sein, aber die Leute in dieser Gegend wunderten sich nicht oft und waren sich der Welt kaum bewusst. Es kostete einen Cent, die Brücke zu überqueren, oder hundert Goldstücke, wenn man einen Ziegenbock dabei hatte. Auf halbem Wege zur anderen Seite blickte Polly übers Geländer und sah den Karren tief unten. Er rollte über die schmale Straße dicht über dem weiß schäumenden Wasser.
Den ganzen Nachmittag über ging es bergab, durch den dunklen Kiefernwald auf dieser Seite der Schlucht. Polly beeilte sich nicht, und bei Sonnenuntergang sah sie das Wirtshaus. Der Karren war bereits eingetroffen, und allem Anschein nach hatte der Rekrutierungsfeldwebel nicht einmal einen Versuch gemacht. Es ertönte kein Trommelschlag wie am vergangenen Abend, und es erklangen auch keine Rufe wie: »Kommt, ihr Grünschnäbel! Das Leben ist großartig bei den Rein-und-Raussern!«

Es gab immer Krieg. Es war ein Grenzstreit, das nationale Äquivalent des Vorwurfs, dass der Nachbar seine Hecke zu lang wachsen ließ. Manchmal wurde die Sache größer. Borograwien war ein friedliebendes Land, umgeben von verräterischen, heimtückischen und kriegerischen Feinden. Es mussten verräterische, heimtückische und kriegerische Feinde sein, denn sonst würden wir ja nicht gegen sie kämpfen. Es gab immer Krieg.
Pollys Vater war beim Militär gewesen, bevor er das Wirtshaus »Zur Herzogin« von Pollys Großvater übernommen hatte. Er sprach nicht viel darüber. Er hatte sein Schwert mit nach Hause gebracht, hängte es aber nicht über den Kamin, sondern benutzte es als Schürhaken. Manchmal besuchten ihn Freunde, und wenn die Gaststube für die Nacht geschlossen hatte, saßen sie am Feuer, tranken und sangen. Die junge Polly hatte einen Vorwand gefunden, um aufzubleiben und den Liedern zuzuhören, doch das fand ein Ende, als sie eins der interessanteren Wörter in Anwesenheit ihrer Mutter benutzte und sich dadurch in Schwierigkeiten brachte. Jetzt war sie älter und servierte Bier, und man nahm an, dass sie die Wörter kannte oder bald herausfinden würde, was sie bedeuteten. Außerdem befand sich ihre Mutter inzwischen an einem Ort, wo sie keinen Anstoß mehr an Wörtern nahm und wo solche Ausdrücke, rein theoretisch, nie benutzt wurden.
Die Lieder waren Teil von Pollys Kindheit gewesen. Sie kannte den Text von »Die Welt steht Kopf«, »Der Teufel soll mein Feldwebel sein«, »Ich hatt einen Kameraden«, »Als Jungen wurden wir Soldaten« und »Ich ließ ein Mädchen zurück«. Nachdem das Bier eine Zeit lang geflossen war, hatte Polly Gelegenheit bekommen, sich die Worte von »Oberst Krapski« und »Ich wünschte, ich hätte sie nie geküsst« einzuprägen.
Und dann gab es da noch das Lied »Süße Polly Oliver«. Ihr Vater hatte es gesungen, wenn sie als kleines Mädchen gereizt oder traurig gewesen war, und sie hatte gelacht und Freude daran gefunden, hauptsächlich deshalb, weil ihr Name darin vorkam. Sie kannte den Text auswendig, noch bevor sie begriff, was die einzelnen Wörter bedeuteten. Und jetzt …
Polly öffnete die Tür. Der Rekrutierungsfeldwebel und sein Korporal sahen von dem fleckigen Tisch auf, an dem sie saßen, die Bierkrüge auf halbem Weg zu den Lippen. Sie atmete tief durch, trat an den Tisch heran und versuchte zu salutieren.
»Was willst du, Junge?«, knurrte der Korporal.
»Möchte Soldat werden, Herr!«
Der Feldwebel wandte sich Polly zu und grinste, was sonderbare Bewegung in seine Narben brachte und alle Kinne wackeln ließ. Das Wort »dick« konnte man bei ihm eigentlich nicht verwenden, nicht wenn das Wort »fett« sich nach vorn drängelte. Er gehörte zu den Leuten, die keine Taille haben, sondern einen Äquator. Er hatte Schwerkraft. Wenn er fiel, in welche Richtung auch immer, würde er schaukeln. Sonnenschein und Alkohol hatten sein Gesicht rot gebrannt. Kleine dunkle Augen funkelten in der Röte wie die glitzernde Schneide eines Messers. Neben ihm auf dem Tisch lagen zwei altmodische Entermesser, Waffen, die mehr Ähnlichkeit mit einem Hackbeil hatten als mit einem Schwert.
»Einfach so?«, fragte er.
»Jaherr!«
»Im Ernst?«
»Jaherr!«
»Du möchtest nicht, dass wir dich zuerst stockbetrunken machen? Das ist Tradition, weißt du.«
»Neinherr!«
»Ich habe dir noch nicht von den wundervollen Aufstiegs­ und Verdienstmöglichkeiten erzählt, oder?«
»Neinherr!«
»Habe ich darauf hingewiesen, dass du dir in der prächtigen roten Uniform die Mädchen mit einem Knüppel vom Leib halten musst?«
»Glaube nicht, Herr!«
»Und das Essen? Jede Mahlzeit ist wie ein Bankett, wenn du mit uns marschierst!« Der Feldwebel klopfte sich auf den Bauch, was ferne Regionen erbeben ließ. »Ich bin der lebende Beweis dafür!«
»Ja, Herr. Nein, Herr. Ich möchte Soldat werden, um für mein Land und die Ehre der Herzogin zu kämpfen, Herr!«
»Tatsächlich?«, fragte der Korporal ungläubig, aber der Feldwebel schien das nicht zu hören. Er musterte Polly von Kopf bis Fuß, und Polly sah ganz klar, dass der Mann weder so betrunken noch so dumm war, wie er aussah.
»Potzblitz, Korporal Strappi, mir scheint, wir haben hier nicht weniger als einen guten, altmodischen Patrioten«, sagte er, und sein Blick kehrte zu Pollys Gesicht zurück. »Nun, du bist hier genau an der richtigen Stelle, mein Junge!« Geschäftig schob er ein Bündel Papiere auf Polly zu. »Weißt du, wer wir sind?«
»Das Zehnte Regiment, Herr. Leichte Infanterie, Herr. Bekannt als die Rein-und-Rausser, Herr«, sagte Polly, vor Erleichterung sprudelnd. Sie hatte ganz offensichtlich eine Art Test bestanden.
»Stimmt, Junge. Ausgezeichnete Käsler, allesamt. Das beste Regiment überhaupt, im besten Heer auf der ganzen Welt. Willst unbedingt dazugehören, wie?«
»Bin Feuer und Flamme, Herr!«, sagte Polly und spürte den argwöhnischen Blick des Korporals auf sich ruhen.
»Bravo!«
Der Feldwebel schraubte ein Tintenfässchen auf und tauchte die Spitze einer Schreibfeder hinein. Seine Hand verharrte über den Papieren. »Name, Junge?«, fragte er.
»Oliver, Herr. Oliver Perks«, sagte Polly.
»Alter?«
»Siebzehn am kommenden Sonntag, Herr.«
»Ja«, brummte der Feldwebel. »Du bist siebzehn, und ich bin die Großherzogin Annagowia. Wovor läufst du weg, hm? Vor einer jungen Dame in anderen Umständen?«
»Dabei hätte ihm jemand helfen müssen«, sagte der Korporal und lächelte. »Er quiekt wie ein Knäblein vor dem Stimmbruch.«
Polly spürte, wie sie errötete. Aber der junge Oliver wäre ebenfalls rot geworden. Es war ganz leicht, einen Jungen erröten zu lassen. Polly brachte das allein mit Starren fertig.
»Spielt keine Rolle«, sagte der Feldwebel. »Du setzt dein Kreuz unter dieses Dokument hier und küsst die Herzogin, und dann bist du mein Junge, verstanden? Ich bin Feldwebel Jackrum. Ich werde deine Mutter und dein Vater sein, und Korporal Strappi hier kannst du dir als eine Art großen Bruder vorstellen. Und das Leben wird jeden Tag Steak und Schinken sein, und wer dich wegbringen will, muss auch mich fortzerren, weil ich mich nämlich an deinem Kragen festhalte. Und du hast allen Grund zu der Annahme, dass niemand solche Massen bewegen kann, Herr Perks.« Ein dicker Daumen stieß aufs Papier herab. »Hier an dieser Stelle.«
Polly nahm die Feder und unterschrieb.
»Was ist das?«, fragte der Korporal.
»Meine Unterschrift«, sagte Polly.
Sie drehte sich um, als sie hörte, wie die Tür hinter ihr aufschwang. Mehrere junge Männer – sie korrigierte sich: mehrere andere junge Männer – kamen ins Wirtshaus und blickten sich vorsichtig um.
»Du kannst auch lesen und schreiben?«, fragte der Feldwebel, sah zu den Neuankömmlingen und dann wieder zu Polly. »Ja, tatsächlich. Und die Handschrift ist hübsch rund. Hast das Zeug zum Offizier. Gib ihm den Schilling, Korporal. Und natürlich auch das Bild.«
»Ja, Feldwebel«, erwiderte Korporal Strappi und hob ein gerahmtes Bild an einem Griff wie einen Spiegel. »Spitz die Lippen, Soldat Pimmel.«
»Ich heiße Perks, Herr«, sagte Polly.
»Ja, in Ordnung. Und nun küss die Herzogin.«
Es war keine gute Kopie des berühmten Bilds. Die Farben hinter dem Glas waren verblasst, und etwas, eine Art Moos oder so, wuchs an der Innenseite des gesprungenen Glases. Polly stellte einen kurzen Kontakt mit den Lippen her und hielt dabei den Atem an.
»Hier, nimm«, sagte Strappi und drückte ihr etwas in die Hand.
»Was ist das?«, fragte Polly und blickte auf ein kleines Quadrat aus Pappe hinab.
»Ein Schuldschein. Leider sind uns die Schillinge ausgegangen«, erklärte der Feldwebel, während der Korporal grinste. »Aber der Wirt spendiert dir ein Bier, im Namen der Herzogin.«
Er drehte den Kopf und sah die anderen an. »Nun, ein Unglück kommt selten allein. Wollt ihr Jungs ebenfalls zum Militär? Ich kann beschwören, dass wir noch nicht einmal die Trommel geschlagen haben. Vermutlich liegt es an Korporal Strappis erstaunlichem Charisma. Nicht so schüchtern, kommt näher. Wer ist der Nächste?«
Polly musterte den nächsten Rekruten mit einem Entsetzen, von dem sie hoffte, dass man es ihr nicht ansah. Sie hatte ihn im Halbdunkel nicht bemerkt, denn er trug Schwarz – kein cooles, modisches Schwarz, sondern verstaubtes Schwarz, jene Art von Kleidung, in der man Leute bestattete. So wie er aussah … Er schien eine solche Bestattung hinter sich zu haben. Spinnweben klebten an den schwarzen Kleidern, und seine Stirn war voller Nähte.
»Dein Name, Junge?«, fragte Jackrum.
»Igor, Herr.«
Jackrum zählte die Nähte.
»Ich dachte mir schon, dass du so heißt«, sagte er. »Und du bist achtzehn, wie ich sehe.«

»Erwacht!«
»Oh, bei den Göttern …« Kommandeur Samuel Mumm hob die Hände vor die Augen.
»Ich bitte um Entschuldigung, Euer Gnaden«, sagte der Konsul von Ankh-Morpork in Zlobenien. »Bist du krank, Euer Gnaden?«
»Wie lautete noch dein Name, junger Mann?«, fragte Mumm. »Tut mir Leid, aber ich bin zwei Wochen unterwegs gewesen und hab nur wenig Schlaf bekommen. Außerdem hat man mir immer wieder Leute mit schwierigen Namen vorgestellt. Das ist schlecht fürs Gehirn.«
»Ich heiße Clarence, Euer Gnaden. Clarence Kinn.«
»Kinn?«, wiederholte Mumm, und Clarence konnte alles Weitere seinem Gesichtsausdruck entnehmen.
»Ich fürchte ja, Euer Gnaden«, sagte er.
»Warst du ein guter Kämpfer in der Schule?«, fragte Mumm.
»Nein, Euer Gnaden. Aber niemand konnte mich im Hundertmeterlauf schlagen.«
Mumm lachte. »Nun, Clarence, eine Nationalhymne, die mit ›Erwachet!‹ beginnt, fordert Schwierigkeiten geradezu heraus. Hat man dich im Büro des Patriziers nicht darauf hingewiesen?«
»Äh … nein, Euer Gnaden«, sagte Kinn.
»Du wirst es bald merken. Na schön, lass hören.«
»Ja, Herr.« Kinn räusperte sich. »Die Nationalhymne von Borograwien«, kündigte er zum zweiten Mal an.

»Erwachet, entschuldige, Euer Gnaden, ihr Söhne des Vaterlands! Kostet nicht mehr den Wein saurer Äpfel. Waldarbeiter, ergreift eure Beile! Bauern, tötet mit dem Werkzeug, das ihr zuvor zum Heben von Rüben benutzt habt! Macht die endlose List unserer Feinde zunichte. Singend marschieren wir in die Dunkelheit, Gegen die ganze Welt in Waffen. Doch seht das goldene Licht an den Berggipfeln! Der neue Tag ist ein großer dicker Fisch!«

»Äh …«, sagte Mumm. »Das letzte Stück …«

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