Ich weiß nicht so ganz, was ich von diesem Buch halten soll. Das Erste was mich beim Lesen etwas störte ist, dass es nicht wirklich in Dialog ist, dem man hier folgt. Vielmehr hat man über weite Strecken das Gefühl, dass Herr Kähler ein schlechtes Gewissen hat, dass er seine Tochter nicht schon vor ihrem 18. Geburtstag auf die Fragen von Gott, Glauben, etc. angesprochen hat. Dies zeigt sich z. B. darin, dass er seine Tocher seitenweise regelrecht zutextet.
Über weite Teile des Buches geht es allerdings nicht um das Verhältnis zu Gott, sondern um betrügerische Esoteriker, die bösen Medien oder um die Liebe allgemein. Die Mehrzahl dieser Darstellungen langeweilen jedoch. So z.B. wenn Herr Kähler seiner Tochter klar machen möchte, dass sie sich unbedingt selbst verwirklichen muss und dabei sich niemals das Denken abnehmen lassen sollte, wie so viele andere. Diese Ausführungen erscheinen einerseits überflüssig und zum andern irritiert dabei die Herabsetzung von anderen Menschen, die nur aufgrund bspw. einer Kirchenzugehörigkeit per se fremdbestimmt sein sollen.
Entsprechend gestalten sich auch die theologischen Ausflüge. Der Weg dürfte Belesenen sehr bekannt vorkommen: Gott ist natürlich nicht der Gott der Kirchen, sondern er ist allgemein die Liebe und steckt eigentlich in allem. Auf diese Art macht Kähler dann aus seiner ungläubigen Tochter flugs eine Gläubige, da sie sich ja auch nach Liebe zu Gemeinschaft sehnt. Die Widersprüche dieser Weltanschauung scheinen dabei jedoch an keiner Stelle auf und so führt Herr Kähler nicht einen einzigen Beleg für seine theologischen Aussagen an. Dafür benutzt er aber Unmengen von Zitaten der verschiedensten Leute. Dies jeoch widerspricht ein bisschen seiner Aufforderung zum Selberdenken und zum andern scheint nicht nur an dieser Stelle durch, dass viele seiner Auffassungen auf Google gebaut sind.
Im Untergrund des Buches schwelt zusätzlich ein leichter Antikatholizismus, nach dem vor allem die katholische Kirche besonders schlecht ist. Man merkt darüber hinaus aber auch, dass Herr Kähler nur noch wenig über seine ehemalige evangelische Kirche weiß. So verwechselt er bspw. das Abendmahl mit der Konfirmation.
Kählers Ablehnung des christlichen Credos überzeugt demgegenüber gar nicht. Dies liegt nicht nur daran, dass er sich auf überholte Hypothesen der historisch-kritischen Bibelexegese stützt, sondern vor allem daran, dass die Kernpunkte christlichen Glaubens (Gott als handelnde Person, jeder Mensch als einzigartig (z. B. im Gegensatz zur Reinkarnationslehre), etc.) überhaupt nicht erörtert werden. Er stellt lediglich in den Raum, dass er diese nicht mehr teilen könne.
Auf der andere Seite leistet sich Herr Kähler aber erstaunliche Ausschläge: So muss der Versuch, den eigenen Pantheismus durch die Gnosis und das Thomasevangelium zu rechtfertigen doch sehr verwundern. Immerhin widersprechen die frauenfeindlichen Passagen des Thomasevangeliums sehr deutlich Herrn Kählers sonstigen Intentionen. Auch bei anderen Passagen zu diesem Thema reagiert man erstaunt. So predigt Herr Kähler seiner Tochter am Ende des Buches bspw. allen Ernstes, sie müsse nach ihrer gescheiterten Liebesbeziehung an sich arbeiten, damit sie zum nächsten Mann besser passen würde. Verblüfft fragt man sich, wo da die Selbstbestimmung sein soll?
Alles in allem wirkt das Buch durch alle diese Punkte eher wie eine gegenseitige Selbstbestätigung eines gealterten 68ers und seiner Tochter, die beide darunter leiden, dass ihnen das Materielle allein zu wenig ist, sich aber auch nicht entscheiden können, einen weltanschaulich festen Standpunkt einzunehmen und sich zu einer konkreten Gottesvorstellung zu bekennen. Sie hängen sich deshalb an ein diffuses Gottesbild, das im Wesentlichen mit ihren Gefühlen identifiziert wird. Dadurch bleiben am Ende allerdings nur schlichte Allerweltsweisheiten wie "Alles fließt" und dass man eben lieben müsse, damit alles gut werde.
Insgesamt ist mit diesem Buch damit eine große Chance vertan worden. Interessant wäre gewesen ein offenes Gespräch zwischen Vater und Tochter zu lesen. Stattdessen sieht man einen Vater mit "Mission", dessen größte Angst zu sein scheint, dass seine Tochter eine esoterische Polygamistin wird oder gar den christlichen Gott für sich entdeckt. Die Argumente, die gebracht werden, wirken aber sehr überholt und werden von der Tochter auch nur vereinzelt aufgenommen, da sie ganz andere Schwerpunkte hat, als ihr Vater.
Somit ist das ganze Buch eine gute Grundlage, um sich selbst zu befragen, wie man sich zu den entsprechenden Thesen stellt und über viele Passagen hinweg auch sehr amüsant zu lesen.