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Weisser Fleck Weissrussland
Eine aktuelle Landeskunde
Im Dezember 1991 war es im weissrussischen Parlament ein einziger Abgeordneter, der gegen die Gründung der GUS und den Zerfall der Sowjetunion stimmte. Mittlerweile ist Alexander Lukaschenko schon mehr als zwei Jahre Präsident der jungen Republik. Und als seien andere Probleme nicht dringlicher, tritt vieles hinter dem grossen Traum des früheren politischen Instruktors bei den KGB-Grenztruppen zurück, die aufgespaltene ostslawische Staatenwelt wiederzuvereinigen. Ob es mittelfristig noch bei einem souveränen Weissrussland bleibt, ist somit zumindest fraglich.
Um so mehr verdient Respekt, wenn ein Verlag sich für die Herausgabe einer gesonderten Würdigung der jungen Republik entscheidet. In der «Länder»-Reihe von Beck liegt nun eine erste Gesamtdarstellung Weissrusslands in deutscher Sprache vor, sieht man von einem Überblick aus nationalsozialistischer Zeit sowie einer «Geschichte der Bjelorussischen Sowjetrepublik» aus der späten DDR ab. Der Autor, Dirk Holtbrügge, kenn das unbekannte Land gut. Auch treibt ihn kein antimoskowitischer Eifer, ein immer schon von Osten unterdrücktes weissrussisches Volk an die Wand zu malen. Gleichwohl ist es ein interessantes Faktum, dass weissrussische Historiker die «erste Form weissrussischer Staatlichkeit» neuerdings bis auf jene Tage zurückdatieren, als es noch einen gemeinsamen Staatsverband mit Litauen und Polen gab (bis 1795).
Auf den Spuren des Namens Eine Schwierigkeit jeder Beschäftigung mit der Geschichte Weissrusslands ist die Herkunft des Namens «Belarus'». Diesem Problem geht der Assistent am Institut für Unternehmensführung der Universität Dortmund nicht aus dem Wege. Die dafür bereitgehaltenen Deutungsmuster reichen von den im Verhältnis zu den Grossrussen weisser gehaltenen Motiven ihrer Trachtenstickerei über die im Winter lückenlos «schneebedeckte Landschaft» bis hin zu der «weissen Gesichtsfarbe» (!) der angestammten Bevölkerung. Weniger volksetymologisch mutet dagegen die Erklärung an, wonach der «westliche Teil der Kiewer Rus' mit den Fürstentümern Polazak, Minsk, Smolensk, Turau und Witebsk, der im 13. Jahrhundert nicht unter mongolisch-tatarische Herrschaft geriet, als weisse Rus' bezeichnet wurde, während die tributpflichtigen östlichen Gebiete als schwarze Rus'» galten. Wenn darüber hinaus zeitgenössische russische Sendschreiben an die muslimischen Eroberer auch mit weisser Tinte geschrieben wurden, zudem unter den Grossfürsten des 14. und 15. Jahrhunderts weisse Gewänder und Tücher als vornehm galten und später sogar die Kreml-Gemäuer entgegen früheren Gepflogenheiten geweisst wurden, bekommt die These Gewicht, dass die Farbbezeichnung im weissrussischen Staatstitel auf turksprachige Traditionen zurückgeht.
Zögern mit Reformen
An interessanten Details mangelt es dem Buch nicht. Seine eigentliche Stärke liegt jedoch in der volkswirtschaftlichen und ökologischen Bestandesaufnahme. Insbesondere die Jahre der Unabhängigkeit, so ist hier ablesbar, hatten für das Land einen hohen Preis: «Der Lebensstandard der weissrussischen Bevölkerung, der bis zum Ende der achtziger Jahre noch deutlich über dem Durchschnitt der ehemaligen UdSSR lag», ist weit unter das russische Niveau gesunken. Dies begründet Holtbrügge mit der unentschlossenen Wirtschaftspolitik. Auch fehlen Minsk «junge und profilierte Ökonomen, die durch richtungweisende Wirtschaftsprogramme, als Abgeordnete oder Berater zielstrebige Reformen in Gang setzen» können. Der junge Wirtschaftswissenschafter rüttelt jedoch nicht am Primat der Politik für die wirtschaftliche Prosperität. Einen Teil seiner nationalen Souveränität hat Minsk ans Ausland abgetreten, indem es Moskau das Recht übertragen hat, seine Aussengrenzen gegen Westen mitzukontrollieren. In dieser Hängepartie zwischen konsequenter Westorientierung und östlicher Wiederanbindung dürften spürbare Wirtschaftsimpulse zur Beschleunigung des Transformationsprozesses noch lange auf sich warten lassen, resümiert der Autor.
Bei den Parlamentswahlen im Mai 1995 schlug dagegen ermutigend zu Buche, dass «national(istisch) orientierte Programme» im Gegensatz zu anderen GUS-Staaten kaum Widerhall fanden. Dafür aber ist der weissrussische Wähler dem Argument Lukaschenkos gefolgt, nur eine Anlehnung an Moskau könne dazu beitragen, die «dramatische Wirtschaftskrise im Lande» zu beenden.
Medien Umwelt Sprache
Ein düsteres Bild zeitigt die weissrussische Medienlandschaft. Die Abhängigkeit der grösseren Blätter von staatlichen Finanzierungsquellen ist noch grösser als beim grösseren östlichen Nachbar. Hier fehle es an der «notwendigen Professionalität, um die politisch wenig interessierte Bevölkerung» von der Notwendigkeit zu überzeugen, sich zu informieren. In jedem Fall habe sich die Kontrolle der zentralen Presseorgane sowie der Rundfunk- und Fernsehsender unter Präsident Lukaschenko weiter verschärft.
Einen mit Geschichte, Politik, Wirtschaft ebenbürtigen Rang nimmt bei Holtbrügge der Bereich Ökologie ein. Hierzulande wird der Reaktorunfall in Tschernobyl vor nunmehr zehn Jahren hauptsächlich mit der Ukraine assoziiert. Über die Karten im Anhang wird der Leser indessen gewahr, dass der «Ort des Todes» kaum 12 Kilometer vom weissrussischen Territorium entfernt liegt. 70 Prozent des radioaktiven Fallout seien hier niedergegangen, weshalb denn auch die Kindererholungsprogramme im Ausland sehr willkommen sind.
Was Holtbrügge dann auf kaum zwei Seiten über die «Besonderheiten des Weissrussischen» bietet, hätte bündiger kaum sein können. Am Ende sind auch die neuen Bemühungen nicht zu übersehen, die sich Autor und Verlag mit der korrekten Transliteration der weissrussischen Kyrilliza gemacht haben, deren fehlerfreie Anwendung selbst in Fachkreisen nicht immer selbstverständlich ist. Derart voll des Lobes, ist man gespannt, wann erstmals Internet-Adressenverzeichnisse den Anhang von Länderkunden schmücken werden. «Weissrussland» jedenfalls hat das Rennen noch nicht gemacht. Und das, obwohl es schon im Netz ist!
Markus Wolf -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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