Inhalt
Das kleine Dorf Perchtal im Berchtesgadener Land wird eingeschneit und von der Außenwelt abgeschnitten. Und plötzlich geschehen merkwürdige Dinge. Inmitten eines Schneesturms müssen die Jugendlichen des Dorfs einen Mord an einer Unbekannten aufklären, die einer der ihren wie aus dem Gesicht geschnitten gleicht. Doch eine uralte und zutiefst bösartige Macht steckt dahinter und diese setzt alles daran, ihre Entdeckung zu verhindern '
Einschätzung
"Lasst uns froh und munter sein, und uns recht von Herzen freu'n!
Lustig, lustig, trallerallera. Bald ist Nikolausabend da! Bald ist Nikolaus '"
Wir alle kennen die Geschichten um Hexen, Vampire und Werwölfe, die schon unsere Vorfahren in Angst und Schrecken versetzten und die derzeit die Regale der Buchhandlungen überfluten. Den Gedanken, Knecht Ruprecht zum Antagonisten eines Romans zu machen, fand ich von Beginn an neu und aufregend. Im Verlauf der Story erfahren wir, dass der Begleiter des Heiligen Nikolaus von Myra auch unter anderen Namen bekannt ist, die uns zum Teil seit der Kindheit begleiten. Da wäre zum einen Frau Holle, die wir aus den Märchenerzählungen der Gebrüder Grimm kennen. Oder Frau Perchta, eine keltische Göttin, die für die Wiedergeburt steht. Und natürlich die Schön- und Schiechperchten, Krampusse, Pelzmärtel und Schmutzlis ' in manchen Gegenden auch 'Kinderfresser' genannt. Auf der Fahndung nach der Wahrheit versuchen sich unsere fünf Freunde als Detektive, denn es gilt, einen Mord aufzuklären. Sie entschlüsseln scheinbar mühelos in Latein verfasste Texte, begegnen während eines Schneesturms der 'Wilden Jagd' und Kinderbischöfen, die sie zu warnen scheinen. Sie geraten in wilde Verfolgungsjagden, verbünden sich gegen die Erwachsenen, die ganz offensichtlich etwas verbergen ' und kommen so einem ungeheuerlichen Geheimnis auf die Spur, das bis in die Zeit vor Christus zurückgeht.
Die fünf Freunde kommen ausnahmslos aus zerrütteten Familien. Andreas' Mutter beging Selbstmord, sein Vater erfüllt ihm zwar jeden Wunsch, glänzt aber ansonsten durch Abwesenheit. Andy ist der 'Anführer' der Clique und verliebt in Elke, die seine Gefühle erwidert. Roberts Vater hat die Familie vor Jahren verlassen, seine Mutter ertränkt seither ihren Kummer in Alkohol. Er ist ein introvertierter Typ, der einzige Punk in der Gegend und Andys bester Freund. Niklas' Mutter mästet ihren Sohn mit Süßigkeiten, nachdem sie ihn im Kindesalter mit einem Kissen zu ersticken versuchte. Der unbeholfene, aber blitzgescheite Junge verliebt sich ebenfalls in Elke, was seine Freundschaft zu Andy gefährdet. Elke und Miriam sind Zwillingschwestern ' groß geworden in einer Familie, in der Züchtigung als Teil der christlichen Erziehung gilt. Zwischen ihnen besteht eine Verbindung, die über eine normale Zwillingsgeschwisterliebe hinausgeht.
Thomas Finn erzählt atmosphärisch dicht und auf absolut fesselnde Art und Weise von Aberglaube, Brauchtum, Mythen und Legenden. Intensive Recherchen, die man auf jeder Seite spürt, lassen dennoch genügend Platz für eigene Interpretationen. Die Jugendlichen erscheinen in Handlung und Sprache durchaus glaubwürdig. Leider auch die Erwachsenen. Hier lässt sich deutlich erkennen, welchen Einfluss und welch zerstörerische Macht sie auf Kinder ausüben können. Was mir besonders gut gefallen hat, war der bayerische Dialekt der Bibliothekarin, der ihrer Rolle absolute Authentizität verleiht. Thomas Finn hat mit diesem Roman einen Mystery-Thriller der Extraklasse geschrieben. Die perfekte Lektüre für dunkle Winterabende, die dafür sorgt, den Nikolaus und seinen rauen Knecht mit anderen Augen zu sehen.
Auf dem Cover begegnet man dem Blick eines Wesens, welches seit ewigen Zeiten in Schnee und Eis gefangen ist. Das starre Auge vermittelt einem das ungute Gefühl, in das Visier eines Jägers geraten zu sein, der nicht nur Kinder frisst. Darunter befindet sich in blutroten Lettern der Schriftzug 'Weißer Schrecken'. Was das Cover betrifft, hat der Verlag gut gewählt. Leider lässt das Korrektorat zu wünschen übrig, denn abgesehen von unzähligen Tippfehlern, wird aus Frau Neubauer einige Zeilen später Frau Neuleitner und dieser Fauxpas zieht sich über mehrere Seiten.
Fazit
Als Fan von Romanen, in denen Traum und Wirklichkeit nah beieinander liegen und Tatsachen oft wie Fantasiegebilde erscheinen, die wir uns nicht erklären können, wurde ich mit der Geschichte rund um den Knecht Ruprecht bestens unterhalten. Daher gibt es von mir 5 von 5 raunächtlichen Punkten! (LK)