Ich hatte ja am Anfang nur mal reinlesen wollen, aber das Resultat war, dass ich gleich beim ersten Lesen bereits 80 Seiten verschlungen habe. Janet Fitch schreibt in einer wunderbaren, poetischen Sprache, wie man sie nur ganz selten trifft.
Astrids Mutter, die immer wieder aus der Ferne auftaucht, um die Welt ihrer Tochter auf's Neue aufzuwühlen, spielt eine ganz besondere Rolle. Schon in ihrem Auftreten ("die Augen eisblau, gefärbt in einer Mischung aus Schönheit und Grausamkeit") wird sie als zwiespältige, kalte Person dargestellt, die auch aus der Ferne noch einen großen Einfluss auf ihre Tochter hat. Astrids Prozess der Abkapselung von den Worten ihrer Mutter, die all ihr Tun begleiten und beeinflussen wollen, ist ein zentrales Thema des Romans, das behutsam und feinfühlig beschrieben wird.
Viele Personen kreuzen den Weg ihres Lebens. Hinter jedem zeigt sich eine große Verletzlichkeit und eine Schwere des Seins. Niemand, dem sie begegnet, hat es leicht und hinter jeder noblen Fassade steht eine unschöne Vergangenheit. Da wäre Starr, ihre erste Pflegemutter, die es zumindest für eine Weile geschafft hat, dem Alkohol zu entkommen und sich fanatisch zu Jesus wendet. Claire, eine Pflegemutter in späteren Jahren, die sich so in die Liebe zu einem Mann verliert, bis sie es im Leben nicht mehr erträgt.
Immer wenn Astrid einmal glaubt glücklich zu sein, folgt früher oder später ein noch tieferer Sturz. Immer wieder verliert sie Menschen, die sie mögen oder gar lieben gelernt hat. Ray, ihren Liebhaber im zarten Alter von 14 Jahren. Olivia, eine Freundin und Edelhure, die sie bewundert. Doch aus jedem schlechten Erlebnis wird sie ein wenig stärker. Aus Zeiten voller Einsamkeit in denen sie blutet, ihr Leben nur mit Drogen erträgt und sich mit Selbstmordgedanken trägt, werden Zeiten, in denen sie fähig ist andere zu stützen und ihrer Mutter die Stirn zu bieten.
Wie bereits erwähnt, ist die Sprache, die Fitch das ganze Buch hindurch
lebendig erhält, eine unvergleichlich schöne. Ihre langen Sätze sind voll von Metaphern und verträumten Vergleichen, die einen ständig an mehreren Orten gleichzeitig sein lassen. Dem Ort, an dem die Szene spielt, und dem Ort, an dem man gern wäre. Die Bilder und Farbspiele der Natur, die man jetzt gern sehen würde, in leiser Melancholie. In jedem Satz des Romans kann man Düfte sehen und Farben schmecken wie in einer riesigen abstrakten Zweitwelt, in der Astrid sich immer befindet. Jeder Absatz ist ein kleines Kunstwerk für sich, eine ebenso lebendige Darstellung wie Astrids Zeichnungen, mit der sie alles und jeden festhält und verewigt. Einfach wunderschön.
Der Gedanke um die Bedeutung der Schönheit wird ebenfalls durch alle Kapitel weitergetragen. Astrid ist schön, doch nicht immer will sie es wahrhaben. In manchen Zeiten möchte sie die Hässlichkeit ihrer Seele nach außen kehren. Was ist schon Schönheit? Sie denkt viel darüber nach. Doch ich denke, dass schon die wunderbaren Worte, in denen das Buch geschrieben ist, zeigen, dass Schönheit nicht immer nur im Äußeren liegen muss.
Nicht an einer einzigen Stelle verfällt die Autorin in Kitsch oder
Albernheit. Die geschwungenen Sätze wirken nie sentimental oder schnulzig. Melancholie und Traurigkeit kippen nie ab in endlose Depression. Eine Grenze, die die Autorin nie überschreitet. Auf schlechte Zeiten folgen irgendwann immer bessere.
Fazit:
Joan Fitch hat mit ihrem Debüt die Literatur wirklich um ein großartiges Stück Lesestoff bereichert.
Astrid ist ein starker Charakter, und ihre Stärke wächst aus jeder Erfahrung, ob gut oder schlecht. Wahrscheinlich ist dies die Botschaft des Buches. Bleibe Du selbst, sei dir treu, gib die Hoffnung nie auf, und denke daran, dass auch immer wieder bessere Zeiten kommen werden. Denn es gibt nichts wichtigeres als das Leben und das Vertrauen in sich selbst.
Man muss es einfach gelesen haben!!!