"Es war Liebe auf den ersten Blick. Wir sahen dich und wussten, dass wir dich wollten." Diesen Teil der Geschichte über ihre Adoption liebt Lea besonders. Unzählige Male hat ihre Mutter ihr bereits erzählt, wie sie und ihr Mann Lea vor 16 Jahren in einem Waisenhaus in Peking gefunden haben. Eine schöne Geschichte - oder eine Lüge?
Über das Land, in dem sie geboren wurde, weiß Lea nicht viel mehr als ihre Schulkameraden - umso interessanter findet sie es, einen Artikel über den ersten chinesischen Kaiser und seine Terracotta-Armee für die Schülerzeitung zu verfassen. Ihr Vater, ein Journalist, der lange Zeit in China gearbeitet hat, hilft ihr weiter. Doch Leas Artikel kommt nicht bei allen Schülern gut an. Ihr Schulkamerad Luka recherchiert weiter über das moderne China und bringt weniger ruhmreiche Seiten des Landes ans Licht. Zum Beispiel die Ein-Kind-Politik, die mit erzwungenen Abtreibungen und strengsten Kontrolle durchgesetzt wird. Dabei hoffen die meisten Familien darauf, als einziges erlaubtes Kind wenigstens den ersehnten Stammhalter zu bekommen. Aber was geschieht, wenn das erste Kind ein Mädchen ist? Lea recherchiert weiter und ist entsetzt: 60000 von den Eltern ermordete oder ausgesetzte weibliche Säuglinge pro Jahr. Lea muss ihren ganzen journalistischen Spürsinn aufbringen, um das Geheimnis ihrer eigenen Herkunft zu lüften. HIn- und hergerissen zwischen Wut und Neugier reist sie schließlich nach China.
Schritt für Schritt lernt der Leser mit Lea ihr Herkunftsland kennen. Carolin Phillips gelingt der Spagat, unaufdringlich viele Facetten des Landes und die verschiedenen Sichtweisen der Menschen zu zeigen - einfühlsam beschrieben und ohne erhobenen Zeigefinger präsentiert. Erschütternd genug ist das Bild der weißen Blüten, die Mütter als Zeichen der Trauer für die toten Säuglinge in den Fluss werfen (Weiß ist in China die Farbe der Trauer). Fazit: Eine leise, einfühlsam erzählte und sehr informative Geschichte einer Adoption vor dem Hintergrund des Ein-Kind-Gesetzes in China. Absolut lesenswert!