Das historische Buch Aus der Nähe gesehen
«Weg» kann eine Metapher sein, und in der Geschichtsschreibung wird das Wort nur zu oft so verwendet. Auch wer von einem Historiker sagt, er sei auf dem richtigen Weg, redet metaphorisch, und banal noch dazu. Man sagt aber wenigstens etwas doppelt Zutreffendes, wenn man das neue Buch von Arnold Esch wegweisend nennt; denn seinem Thema nach zeigt es Wege, die Menschen nach Rom geführt haben, und seine Methode erweist sich als vorbildlich, weil wir die Menschen, die auf diesen Wegen gekommen sind, sehen und hören und, wenn's drauf ankommt, auch riechen können. Vorbildlich ist die Methode, und sie ist vorbildlich einfach. Sie besteht darin, dass einer hingeht und nachsieht. Das gilt für die Römerstrassen, deren Verlauf man «kennt», aber was heisst das? Man besteige ein Fahrrad, man zweige ab von der Strasse, man finde sich im Gestrüpp zurecht, lege die Basaltplatten frei; dann kennt man sie. Oder: Pilger sind, wie wir «wissen», über den Grossen Sankt Bernhard gezogen; wussten wir aber, dass dort im Hospiz eines Tages 48 neue Stühle auf einmal angeschafft wurden und dass im Jahr 1419 von 176 Leintüchern 96 schadhaft waren (man machte dann eines aus zwei kaputten) und dass die im Winter verstorbenen Pilger auf ihr Grab warten mussten, bis der Boden nicht mehr gefroren war? Esch hat für manche der zehn in «Wege nach Rom» zusammengestellten Beiträge auf eigene Publikationen zurückgreifen können; so auf die Quellenkunde, die er in seiner Arbeit über den spätmittelalterlichen Passverkehr im Alpenraum vorgelegt hatte. Er kann aber in Rom, wo er bis vor kurzem Direktor des Deutschen Historischen Instituts war auch jederzeit zugreifen: Ein Kaiserbesuch (Friedrich III., 1468) hat seine Spuren im Staatsarchiv wie im Vatikanischen Archiv hinterlassen, und wer sich die Mühe nimmt, die Auszahlungsanordnungen des apostolischen Kämmerers an den Generalthesaurar zu studieren, der weiss dann nicht bloss, dass der Kaiser mit seinem Tross daherkam und natürlich untergebracht werden musste, sondern auch, wie viele Menschen und Pferde (und wie viele nicht) Platz fanden in welchen und in wie teuren Hotels von Foligno, Spoleto und Rom, was sie brauchten und was das im Einzelnen und im Ganzen gekostet hat. Im Winter 1526/27, also kurz vor dem «Sacco di Roma», der Plünderung und Verwüstung der Stadt durch kaiserliche Söldner, ist hier zum ersten Mal die Bevölkerung gezählt worden, Haushalt um Haushalt, zum Zweck der Steuererhebung (vgl. Lukas 2). Dass man dabei auf die Zahl von 53 689 Personen kam (etwa das Doppelte des Tiefststands im Spätmittelalter), ist keine Neuigkeit. Aber da sind wir nun mit Esch nicht nach Rom, sondern in Rom unterwegs, wir kommen bei Goldschmieden und Notaren und Gerbern vorbei, schauen ins Dunkel der Gastwirtschaften und gehen über Märkte, wo die Ware, anders als heute, noch roch . . . Und das nicht zu impressionistischen, sondern zu wissenschaftlichen Zwecken: Auch der Historiker muss sagen können, er sei dabei gewesen. «Italien von unten erlebt»: Auch der Titel einer Studie, in der die Akten eines deutschen Hilfsvereins in Rom (18961903) ausgewertet werden, weist nicht nur auf das Thema hin Romfahrer aus der transalpinen Welt, die hier unterstützt werden müssen , sondern auch auf das Programm. Arnold Esch erwähnt nicht von ungefähr den Reisenden (wer kennt ihn nicht), dem im 64er-Bus die Brieftasche geklaut worden ist. Wir haben das Modell; und in der Geschichte entfaltet und vervielfältigt es sich, wenn man einem freiwilligen Helfer Direktor des Archäologischen oder Archivar des Historischen Instituts dabei zuschaut, wie er die Besuche von Bittstellern registriert, denen das Geld ausgegangen ist, und jetzt brauchen sie neue Schuhe oder eine Schlafstelle oder einfach ein Essen. «Es gab 40 Kuchenschnitten 3 Besucher erhielten nichts von denselben, also müssen 43 Besucher vorgesprochen haben»: eine äusserst schlichte Rechnung, aus der aber die kummervolle Atmosphäre eines frühdunklen Nachmittags in der Vorweihnachtszeit aufsteigt. «Wie es eigentlich gewesen»: Ranke hat sich bei seiner Absichtserklärung (die Historie wolle nur zeigen . . .) nichts Derartiges vorgestellt. Er und seine unzähligen Nachfolger haben Geschichte «von oben» geschrieben. Eine Geschichte «von unten» gegen sie auszuspielen, ist töricht; aber dass es ohne diese andere Perspektive nicht geht, leuchtet ein, und wer es nicht glaubt, lese Esch. Hanno Helbling
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.