Kann eine ganze Gesellschaft seelisch krank sein? In seinem Buch ,Wege aus einer kranken Gesellschaft' stellt Erich Fromm die These auf, dass die westlichen Industrienationen, allen voran die U.S.A., von einem Virus infiziert sind, den er ,Entfremdung' nennt: "... die Tatsache, dass Millionen von Menschen die gleichen Formen psychologischer Störungen aufweisen, heißt nicht, dass diese Menschen psychisch gesund seien."
Das Werk greift die Gedanken auf, die Erich Fromm in den Werken ,Die Furcht vor der Freiheit' und ,Psychologie und Ethik' veröffentlichte. Das eine Buch beschreibt die autoritäre Charakterstruktur, das andere widmet sich den unterschiedlichen Gesellschafts-Charakteren.
Ausgangssituation
Nüchtern schildert Fromm die Situation des Menschen. Als ein zwiegespaltenes Geschöpf ist er einerseits der Natur verhaftet, andererseits transzendiert er sie durch seinen Geist. In der Bibel wird die Trennung von Mensch und Natur, das Aufflackern des Geistes, als Vertreibung aus dem Paradies beschrieben. Eine Rückkehr in den natürlichen Zustand ist ausgeschlossen. Weitere Disharmonien kennzeichnen den Menschen: Auf der einen Seite drängt es ihn aus dem Mutterleib (Progression), auf der anderen Seite sucht er den Schutz im mütterlichen Schoß (Regression); einesteils schafft er Dinge, aber der nicht befriedigte Schaffenstrieb führt zu Destruktion und Zerstörung; hier erleben wir den Menschen als einzigartiges, individuelles Geschöpf, dort flüchtet er sich in die Anonymität der Masse. Der Mensch ist vernunftbegabt, um die Welt zu begreifen, aber seine Intelligenz verleitet ihn auch dazu, "die Welt mit Hilfe seines Verstandes zu manipulieren". Das Kind steht zwischen der bedingungslosen Liebe der Mutter und der durch die Vernunft gesteuerten Gunst des Vaters.
Zwischen diesen Extremen hin und her geworfen, sucht der Mensch einen Orientierungsrahmen, um die Dichotomie zu überwinden und ein sinnerfülltes Leben zu führen. Fromm unterscheidet zwischen primitiven Orientierungssystemen (z.B. Totemismus), nicht-theistischen Systemen (z.B. Buddismus), philosophischen Lehren (z.B. Stoa) und Religionen.
Der Gesellschafts-Charakter
Unter dem Gesellschafts-Charakter versteht Fromm den "Kern der Charakterstruktur, den die meisten Mitglieder ein und derselben Kultur miteinander gemeinsam haben ... es ist die Funktion des Gesellschafts-Charakters, die menschliche Energie in einer bestimmten Gesellschaft so zu formen und zu kanalisieren, dass diese Gesellschaft auch weiterhin funktioniert". Der Mensch ist aber "kein unbeschriebenes Blatt, auf das die Kultur ihren Text schreibt. Bedürfnisse wie das Streben nach Glück, nach Harmonie, Liebe und Freiheit sind mit seiner Natur gegeben."
Wurde der Gesellschafts-Charakter des 19 Jahrhunderts durch Ausbeutung und individuellen Konkurrenzkampf bestimmt, so herrschte im 20 Jahrhundert der rezeptive Konsumcharakter (Fromm bezeichnet ihn als Marketing-Charakter) vor. Jeder strebt danach, sich "gewinnbringend auf dem Markt zu verkaufen". Selbst Politiker bieten sich wie Ware feil und Massenmedien suggerieren einen nimmer zu stillenden Drang nach Waren und Dienstleistungen.
Der Kapitalismus
Nicht geringen Anteil an dieser Misere trägt nach dem Urteil Fromms der Kapitalismus. Er betrachtet den Menschen als Zweck und fördert "die Benutzung des Menschen durch den Menschen". Paradoxerweise ermöglicht der Kapitalismus die Herrschaft des Geldes, also der Dinge, der toten Materie über die Welt des Lebens. In seinem Spätwerk ,Haben oder Sein' kritisiert Fromm erneut die einseitige Ausrichtung der modernen Gesellschaft auf die Welt der Dinge: "Ich bin, was ich habe und was ich konsumiere".
Alles wird in Geld konvertierbar. Konsum dient nicht mehr für die Sinne, sondern wird Selbstzweck für die "künstlich stimulierten Phantasievorstellungen". Im Menschen macht sich eine Leere breit; Unsicherheit, Selbstbetrug, Langeweile und Selbstmord sind die Folge. Geld, Macht und Prestige dienen der Kompensation für die entleerte Arbeit.
Fromm unterscheidet die beiden Extrempositionen: Der Mensch, der nur mit ihrer Innenwelt in Kontakt steht (Geisteskrankheit) und der Mensch, dessen Kontakt zur Innenwelt abgebrochen ist (Entfremdung). Beide sind krank. Wir leben in einer Kultur, welche den Defekt zur Tugend erhebt, erklärt Fromm. Wir leiden nicht an materieller Armut, sondern an mangelnder Freiheitsliebe. Wir haben die Fesseln des Sklaventums gegen das Diktat der Maschine eingetauscht. Erklärte Nietzsche noch Gott für tot, so prophezeit Fromm den Tod des Menschen.
Wege aus der kranken Gesellschaft
In den vergangenen 100 Jahren wurden verschiedene Alternativen zum Kapitalismus beschritten, denen jedoch der durchschlagende Erfolg versagt blieb: Der Totalitarismus und der Faschismus führten zu einer totalen Entfremdung, der Sozialismus enttäuschte in der Praxis, weil er den komplexen menschlichen Charakter unterschätzte und der ,Superkapitalismus', der die Arbeiter am Gewinn beteiligte, vertiefte noch die Kluft zwischen Haben und Sein.
Fromms Lösungsansatz basiert auf einem Sozialismus, der den Menschen in den Mittelpunkt der Betrachtung stellt. Dieser ,komplementäre humanitäre Sozialismus' berücksichtigt alle Facetten des Lebens, da man "geistige und seelische Gesundheit nur erreichen kann, wenn man gleichzeitig im Bereich der industriellen und politischen Organisation, auf dem Gebiet der geistigen und weltanschaulichen Orientierung, der Charakterstruktur und der kulturellen Betätigung Veränderungen vornimmt". Hierzu zählt die Abrüstung der Atomwaffen, ein weltumspannendes Ernährungsprogramm, die Einführung von garantierten Mindestlöhnen, Mitwirkung und Mitentscheidung an unternehmerischen Entscheidungen, Gemeindeversammlungen statt Massendemokratie, die Verstaatlichung der Medien, um statt der "Reklame das Beste aus der früheren und gegenwärtigen Literatur und Musik" zu bieten, aber auch ein gemeinsames Ritual, das verbindet und religiöse Riten ersetzt, die ihre Bedeutung verloren haben.
Fazit
Blickt man zurück auf die mehr als 50 Jahre, die seit der Veröffentlichung des Buches vergangen sind, so wäre es vermessen von großen Fortschritten zu sprechen, geschweige denn von einem prinzipiellen Gedankenwandel. Doch Erich Fromm verbindet mit Raimund Popper der Optimismus, dass jederzeit Reformen möglich sind. Allen Menschen bleibt die Hoffnung auf ein sinnerfülltes, schöpferisches Leben, in dem das Individuum das Leben liebt und den Tod akzeptiert, in dem es das Leiden kennt und den Schmerz empfindet, in dem echte Freude möglich ist, aber auch die Achtung vor dem Leben.
"Vielleicht ist kein Leben vom Standpunkt einer Bilanz aus lebenswert. Es endet unausweichlich mit dem Tode, viele unserer Hoffnungen werden enttäuscht, unser Leben bringt Leiden und Mühe ... Wer wollte aber andererseits behaupten, dass ein glücklicher Augenblick der Liebe oder die Lust zu atmen oder ein Gang in frischer Morgenluft nicht alles Leiden und alle Mühe wieder aufwiegt, die das Leben mir sich bringt?"