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Der Weg zum NS-Genozid. Von der Euthanasie zur Endlösung
 
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Der Weg zum NS-Genozid. Von der Euthanasie zur Endlösung [Gebundene Ausgabe]

Henry Friedlander


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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Das historische Buch

Von der «Euthanasie» zur «Endlösung»

Eine konzise Studie von Henry Friedlander

Als er dieses Buch vor zehn Jahren zu schreiben begonnen habe, so berichtet Henry Friedlander in der Einleitung, sei er überzeugt gewesen, dass zwischen nationalsozialistischem Euthanasieprogramm und Genozid ein enger Zusammenhang bestand. Im Laufe seiner Forschungen habe er jedoch mehr und mehr erkannt, dass die Euthanasie nicht ein Prolog, sondern das erste Kapitel des Völkermords war.

Henry Friedlander, 1930 in Berlin geboren, wurde mit seinen Eltern 1941 ins Ghetto Lodz deportiert, dann weiter nach Auschwitz, wo die SS seine Mutter ermordete. Er selbst überlebte mehrere Lager und emigrierte nach der Befreiung in die USA. Dort studierte er Geschichte und wird seit langem zu den profiliertesten Holocaust-Forschern gezählt. Sein Buch, zuerst 1995 in den USA erschienen, stellt ein Résumé seiner wissenschaftlichen Arbeit dar. Es ist zweifellos eines der profundesten Bücher zur Euthanasie des NS-Regimes und zeigt die Entwicklungen auf, die von der Ermordung der Behinderten zum Massenmord an den Juden führten. Sowohl hinsichtlich der Ideologie als auch der Täter und der Technik des Tötens bildeten die Euthanasiemorde gewissermassen den Nukleus der «Endlösung».

Geweiteter Fokus

Friedlander weitet die Perspektive und betont, dass nicht allein die Juden, sondern ebenso die Behinderten und, wenn auch eingeschränkt, die Zigeuner im Mittelpunkt der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik standen. Diese begriffliche Ausdehnung des Holocaust ist nicht unproblematisch, stellt sie doch die Singularität der Judenvernichtung in Frage. Aber Friedlander macht damit die Dimension jener rassenbiologischen Utopie kenntlich, mit deren Verwirklichung die Nationalsozialisten gerade erst begonnen hatten. Ausgiebig schildert er, wie die biologistische Sicht auf die Geschichte seit dem 19. Jahrhundert in Europa, aber auch in den USA zahlreiche Anhänger fand. Namhafte Naturwissenschafter waren der Auffassung, durch eugenische Massnahmen der Geburtenkontrolle ein «höheres» Menschengeschlecht züchten zu können. Sogar Sozialdemokraten hingen diesem Traum nach. Doch besass die positive Utopie einer durch Züchtung veredelten Menschheit per se eine negative Seite. Wer Menschen nach Erbanlagen bewertet, errichtet Hierarchien, die unabänderlich das Schicksal der Individuen bestimmen. Diejenigen, die als behindert, unheilbar krank oder nur als minder intelligent betrachtet werden, geraten schnell in Gefahr, zu «lebensunwertem Leben» abgestempelt und ausgegrenzt zu werden. Freiwillige Geburtenkontrolle kann allzu leicht in Zwangssterilisation münden. Sicher dürfen in der Geschichte der Eugenik die Unterschiede und moralischen Distanzen ihrer verschiedensten Protagonisten nicht verwischt werden. Aber wer sich anmasst, Menschen biologisch als mehr oder minder wertvoll zu klassifizieren, öffnet eine Grenze, die andere ganz einzureissen bereit sind.

Friedlander macht unmissverständlich deutlich, dass die Euthanasie 1939 nicht mit dem Zufallsbrief eines Vaters, der beim «Führer» für sein krankes Kind um den «Gnadentod» bat, einsetzte. Bereits im Juli 1933 erliess die nationalsozialistische Regierung ein «Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses», das allein bis 1939 die Zwangssterilisation von rund 300 000 Menschen in Deutschland zur Folge hatte. Schon hier liess sich die Bereitwilligkeit erkennen, mit der Ärzte und Beamte Mitmenschen den sogenannten Erbgesundheitsgerichten auslieferten. Frauen und Männer wurden gegen ihren Willen sterilisiert, weil sie als erbkrank befunden worden waren. Friedlander führt allein für die Jahre 1934 und 1935 eine Zahl von über 388 000 Anzeigen auf; zu drei Vierteln stammten diese Denunziationen aus der Ärzteschaft.

Täterprofile

Junge Ärzte waren es, die sich für das Euthanasieprogramm ab Oktober 1939 anwerben liessen. Nachdem Hitler seinen persönlichen Arzt, Dr. Karl Brandt, und den Leiter der sogenannten Führerkanzlei, Philipp Bouhler, mit der Organisation der Morde beauftragt hatte, suchten beide nach Verwaltern, Ärzten, Mittätern. Sie fanden sie in Herbert Linden, einem aufstrebenden jungen Beamten im Reichsgesundheitsministerium, und in namhaften Wissenschaftern und Universitätsprofessoren, die keine Skrupel besassen, sich am Mordprogramm zu beteiligen. Drei Ärzte fällten allein auf der Grundlage von Fragebogen mit einem Plus- oder Minuszeichen die Entscheidung über Leben und Tod von behinderten Kindern.

Ausführlich untersucht Friedlander das Profil der Täter, stellt ihre Biographien vor, zeigt bis zur Unerträglichkeit deren Alltäglichkeit. Bei den Managern, wie Friedlander sie nennt, wie bei den Ärzten handelte es sich zumeist um junge Männer, zwischen 1900 und 1908 geboren, die, in bescheidenen Verhältnissen gross geworden, eher zur unteren Mittelschicht gehörten. Ausgewählt wurden sie von der kleinen Organisation unter Bouhlers und Brandts Leitung, die nach ihrem Büro in der Tiergartenstrasse 4 schlicht T4 genannt wurde, mit Hilfe von persönlichen Empfehlungen (Freundschaften, familiäre Bande). Allerdings gehörte politische Zuverlässigkeit ebenso zum Anforderungsprofil: die Kandidaten sollten die Gewähr bieten, die Ermordung Behinderter ideologisch zu billigen. Für sämtliche dieser Männer bedeuteten ihre Stellen in der Mordorganisation der T4 Zugang zu Einfluss und Macht sowie zukünftigen Aufstieg. Niemand von ihnen war gezwungen, sich an den Euthanasiemorden zu beteiligen. Es gab in der ersten Rekrutierungsphase im Herbst 1939 auch Absagen. Diejenigen, die blieben, taten es aus freien Stücken.

Trotz sorgfältiger Geheimhaltung sickerten Informationen durch, Gerüchte entstanden um die Mordzentren. In einem Brief an das Reichsjustizministerium aus dem Juli 1940 hiess es, in den Ortschaften rund um Grafeneck werde gemunkelt, im Schloss, wo sich die «Heilanstalt» befand, gehe nicht alles mit rechten Dingen zu. Eltern fragten nach ihren verschwundenen Kindern und erhielten ausweichende Antworten. Als zudem noch Bischöfe in Briefen und öffentlich auf der Kanzel ihre Besorgnisse formulierten, befahl Hitler im August 1941, die Tätigkeit der Mordzentren einzustellen. Immerhin ging es um nichtjüdische deutsche Familien, deren Loyalität das Regime im Krieg keinesfalls aufs Spiel setzen wollte. Allein in den zwei Jahren bis zu diesem Zeitpunkt waren annähernd 80 000 Menschen in den Gaskammern der Euthanasieanstalten getötet worden.

Die Morde hörten mit Hitlers Entscheidung keineswegs auf. Behinderte Kinder wurden bis in den Mai 1945 hinein in verschiedenen Anstalten umgebracht. Bei behinderten Erwachsenen konnten nur die Anstalten selbst in «wilder Euthanasie» für den Tod sorgen. Die zentralen Täter der T4-Organisation fanden im Osten ein neues Betätigungsfeld. Sie galten als Experten des Massenmords, deren «Know-how» in den Vernichtungslagern für die polnischen Juden in Belzec, Sobibor, Treblinka und Majdanek eingesetzt wurde. In dieser Kontinuität der Täter des Euthanasieprogramms, die ihre Kenntnisse in der Technik des Tötens 1942 mit nach Polen nahmen und dort nach vertrautem Muster Gaskammern für den Massenmord errichteten, zeigt sich am klarsten die enge Verbindung zwischen dem Massenmord an den Behinderten und dem Völkermord an den europäischen Juden. Christian Wirth, Franz Stangl oder Irmfried Eberl hatten sämtlich in der T4 Dienst getan, bevor sie in Polen am Aufbau und an der Organisation der Vernichtungslager als führende Experten und sogar Kommandanten teilhatten.

Ideologie, Täter und Technik des Tötens weisen die Euthanasie als Bestandteil jener nationalsozialistischen, mörderischen Utopie eines «rassisch reinen Volkskörpers» aus, in dem sowohl die erbbiologisch «minderwertigen» als auch die «fremdrassigen Teile», allen voran die Juden, keinen Platz besassen. Das ist an sich keine neue Erkenntnis, aber kaum zuvor hat ein Autor die Euthanasiemorde, ihre Vorbereitung und Organisation, ihre Täter und Helfershelfer so klar, nüchtern und konzise geschildert wie Henry Friedlander. Es nimmt daher nicht wunder, wenn er für sein Buch von der renommierten amerikanischen German Studies Association deren letztjährigen Preis verliehen bekommen hat.

Michael Wildt

Kurzbeschreibung

Henry Friedlander sieht im sogenannten Euthanasie-Programm der Nationalsozialisten nicht nur den Prolog, sondern bereits das erste Kapitel den von ihnen geplanten Völkermords. Die Chronologie dieser Politik des Massenmords zeigt nach Friedlander eindeutig, daß die Tötung Behinderter den Auftakt zur systematischen Ermordung der Juden und der Sinti und Roma darstellte. Hierbei weist er die Kontinuität etlicher personeller, organisatorischer und technischer Strukturen vom Euthanasie-Programm zur sogenannten Endlösung auf. Die Umsetzung dieses Programms überzeugte die Nazis nicht allein von der technischen Realisierbarkeit des Massenmords, sondern ebenso davon, daß gewöhnliche Männer und Frauen zu Tätern werden können, daß die deutsche Bürokratie und Justiz sowie deutsche Ärzte und Wissenschaftler das Morden unterstützen würden.

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