Mit dem erneut selbstbetitelten "Red Album" beweisen Rivers und seine Kumpanen (,die hier erstmals größeren kreativen und gesanglichen Einfluss nehmen durften), dass sie ihr Kreativpotential doch nicht schon mit der '96er Platte "Pinkerton" ausgeschöpft haben. Dabei waren die drei Nachfolgealben "Green Album", "Maladroit" und "Make Believe" zwar keineswegs unterirdisch, aber das Gros der Titel konnte weder in kompositorischer Hinsicht, noch in Puncto Originalität wirklich mit den früheren Werken mithalten. Entweder konnten altbewährte Sounds und Strukturen a la "Blue Album" nicht überzeugend vertieft und weiterentwickelt werden (vgl. Green Album) oder man verstrickte sich allzu sehr in elektronische 80er Jahre Banalitäten, die potentielle Hitmelodien wie "This Is Such A Pity" (vgl. Make Believe) zu synthetischen, sterilen, höchstens ulkigen Popnudeln geraten ließen.
Diese Zeiten sind vorüber. Zwei oder drei Hörrunden genügen, um sich für den "Repeat All"-Taster zu entscheiden und diesen dann auch für den Rest des Tages nicht mehr anrühren zu müssen. Wir erleben endlich wieder Gitarrenarrangements, die satt machen, häufige Tempi- und Lautstärkewechsel, intelligente, teils ungewohnte Songstrukturen und - das ist nicht zu überhören - jede Menge Spaß und Leidenschaft am Poprocken. Synthesizer kommen nur noch gezielt und dezent zum Einsatz und verleihen den Songs wohldosierte Ironieschübe, anstatt sie der Lächerlichkeit preiszugeben.
Die auffallend zahlreichen musikalischen Zitationen, deren Regeln Harvardabsolvent Rivers Cuomo bestens beherrscht, ziehen sich beinahe durch das gesamte Album, langweilen den Hörer jedoch nicht in Form von naiven Paraphrasen, sondern werden immer spielerisch in neue Kontexte gestellt. So sind große Teile von "Everybody Get Dangerous" vom "Can't Stop" der Chili Peppers mehr als nur inspiriert und beinahe schon deckungsgleich kopiert. Aber dies stellt sich schnell als Kniff und freches, sich strophenweise wiederholendes Hüteziehen vor einer der präsentesten Rockbands der Gegenwart heraus und wird immer wieder durch den pogigen Refrain, sowie rifflastige Breaks und Bridges veredelt und authentisiert.
In "The Gratest Man That Ever Lived" treiben es die vier nicht mehr ganz jungen, aber dafür umso reiferen "Fohlen" mit ihrer Zitierlust auf die Spitze: Über beinahe sechs Minuten nehmen Sie geläufige Hip-Hop-Lines (und jede Menge weitere Genres) auf die Schippe, tun für Sekunden so als seien sie die "Where Is My Mind"-Pixies höchstpersönlich und hofieren sich mit Referenzen zu "Pink Triangle" (Pinkerton) immer mal wieder selbst.
Die zahlreichen Einflüsse anderer Bands und Genres, die innerhalb der übrigen Songs beim aufmerksamen Hören immer mal wieder auszumachen sind, enden aber nie im Exzess oder kommen plump und durchschaubar daher, sondern verdichten sich stets zu einfallsreichen Mixturen aus unterschiedlichen Genre-, Band-, und Songfragmenten, die derartig arrangiert, ein durch die unverkennbare Weezerbrille kultiviertes spannendes und homogenes neues Ganzes ergeben.
Das "Red Album" vermittelt den Eindruck einer Band mit einem neuen Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein - einer Band, die sich im Sound gefestigt hat, nach dem Stand der Dinge jedoch keineswegs Gefahr läuft musikalisch zu stagnieren. Das lässt hoffen auf Album Nummer sieben, dessen Erscheinen seitens der Band bereits für den November nächsten Jahres angekündigt worden ist.