Mehrfach musste ich mich beim Lesen fragen, ob die Autoren beim Schreiben gerade Freigang auf dem Data Becker Gehirnwäschezentrum hatten. Was Ulrich Wimmeroth, immerhin selbsternannter E-Commerce-Experte und Thomas Brochhagen (Diplom Sozialpädagoge) hier verzapft haben, ist in weiten Teilen unglaublich bis frech. Inhaltlich wenden sich die Autoren scheinbar an arbeitslose Existenzgründer, die die Shop to Date Software (welche immerhin rund 500 Euro kostet) in einer Lotterie gewonnen haben und jetzt durch segensreiche Fügung dazu gekommen sind, mit Shop to Date einen Internetversand zu eröffnen. Dabei verblüffen die Autoren mit genialen Hinweisen wie "Nicht unterschätzen sollten Sie die Bedeutung von textlichen Produktbeschreibungen" oder "Wenn Sie Brötchen verkaufen, müssen Sie nicht zwangsläufig auch Bäcker sein."
Und dann legen die beiden richtig los. Jede, aber auch wirklich jede Unzulänglichkeit von Shop to Date, wird verbal in den Himmel gehoben, als sei die Software das Nonplusultra schlechthin. Und wenn doch irgendwo mal etwas nicht von Shop to Date erledigt wird, dann, ja dann "haben wir da mal was vorbereitet", denn zufällig gibt es bei Data Becker ja dieses Buch und dieses ergänzende Softwarepaket aus der to Date Reihe. Den Werbekasten für das Data Becker Buch "Digitale Fotografie" finden Sie fett und groß auf Seite 18. Wie jetzt - Sie wollen nicht? - na, dann bieten wir Ihnen das Buch auf Seite 96 doch noch mal etwas größer an. Und Produktvideos wollen Sie in Ihrem Webshop zeigen? Na, - da haben wir doch was! Gaaaanz zufällig hat Data Becker dafür video to Date, es "harmoniert perfekt mit shop to date". Aber damit es richtig gut wird, kaufen Sie doch bitte noch "Data Beckers große digitale Videoschule" (Seite 100). Und so liest sich das Buch in weiten Teilen wie ein Werbekatalog für Data Becker Zusatzprodukte. Und wenn man gerade dabei ist, kann man auch noch für seine eigenen Bücher werden. Zufällig, gaaaanz zufällig, sind die beiden Autoren auch verantwortlich für das Buch "Mehr Tipps für ein gutes Ranking". Den Werbekasten finden Sie auf Seite 380.
Bis Seite 60 geht es übrigens nicht um die Software - sondern um Ihre Existenzgründung. Sie haben richtig gelesen. Die Autoren belagern Sie mit Gewissensfragen wie "Sie sind bereit, eine hohe Verantwortung zu übernehmen?" und "Sie wollen mehr und länger arbeiten als andere?". Das klingt, als würde jemand dieses Buch gekauft haben, um sich anschließend zu überlegen "ach, ich könnte mich ja auch mal mit einem Webshop selbständig machen"...
Zum Kern des Buches: Die Software Shop to Date wird hier ordentlich beschrieben. Und dafür - NUR dafür! - gebe ich zwei Sterne. Zwar ist der Schreibstil beider Autoren trockener als Löschpapier, aber immerhin ist das Ganze strukturiert und klar verständlich. Jede Seite enthält im Durchschnitt ein bis zwei große Abbildungen (meistens Bildschirmfotos), klar, dass sich so 450 Seiten schnell füllen lassen. Und dennoch: Irgendwie macht das Buch keinen Spaß. Jeder, der so viel Geld für eine Webshop-Software ausgegeben hat, ist jetzt voller Euphorie und Tatendrang - und dann kommt man zu dem Punkt: Man braucht dieses Buch gar nicht! Denn shop to Date ist in vielen Punkten selbsterklärend, die Hilfe erläutert alle offenen Fragen. Und blutige PC-Anfänger starten ohnehin "eine Nummer kleiner".
Abschließend noch zwei Sätze zum Preis des Buches (zum Zeitpunkt dieser Kritik 69,95 ¤). Dieser Preis ist schlichtweg unverschämt. Der Software selbst liegt bereits eine 100-Seiten-Anleitung bei, aus der die Autoren vieles beinahe 1:1 übernommen haben. 70 Euro sind eindeutig zuviel! Denn spätestens jetzt bereuen Sie den Kauf richtig, weil das Buch in weiten Teilen schlichtweg überflüssig ist. Ich jedenfalls werde es jetzt zurückschicken. Genug geärgert.