In einer Rahmenhandlung des Romans, verhandelt die Autorin geschickt die Motive des Protagonisten, in dem sie eine junge Erzählerin in gekannter Spielart in dessen Vergangenheit recherchieren lässt, in dem sie einen Zeitzeugen, einen alten Diplomaten der den Protagonisten noch kannte, einführt und diesen erzählen lässt. Damit überlässt sie das Resümee des moralischen Hinterfragens einem Zeitzeugen, der sicher glaubhaft die Erzählhoheit über eine Zeit ausfüllt, die die Autorin so vielleicht nicht so glaubhaft erzählen könnte. So sagt der alte Diplomat dann auch an einer Stelle belehrend zu der jungen Frau:
" Wenn sie vorhaben mir jetzt von Gut und Schlecht, von Moral und diesem ganzen Zeug zu erzählen, sage ich Ihnen besser vorab. Ihre Kategorien, meine Liebe, greifen ins Leere, denn Moral ist Nichts oder sagen wir so, es ist das Register von Etiketten, die sie und ihresgleichen auf ihnen fremde Erinnerungen kleben, die sie aus den Fabeln im Geschichtsbuch kennen, mit denen ein Haufen gelangweilter Schüler begreifbar gemacht wird, was sie, wäre man ehrlich, nicht begreifen können."
Er legt somit ausdrücklich den Finger auf das Wesentliche, in dem er die Schwierigkeit der gerechten Beurteilung aufzeigt, indem er zu bedenken gibt, wenn das Urteil gefällt ist, dann ist die Sache abgehakt. Wer und was ist zu beurteilen?
Im Zentrum des Romans steht der Diplomat Konrad Weber, der im nationalsozialistischen Regime unter Hitler Konsul in Mailand war und später die junge Bundesrepublik vertritt. Er ist, wie er an einer Stele ausdrücklich betont, ein Diplomat alter Schule. Er distanziert sich in gewisser Weise vom nationalsozialistischen Regime vor sich selbst, vor den Nationalsozialisten nicht so sehr, denn er ist durchaus darauf bedacht seinen Posten beizubehalten. Auch wenn es zunächst den Anschein hat, dass er vor der tatsächlichen Alltäglichkeit der Diktatur verschont bleibt, weil er sich gut darauf versteht sich unsichtbar zu machen, so gerät er doch zwischen die Fronten von Regimetreue und Ethos. Er gelangt in einige Verstrickungen, durch die er sich mehr recht als schlecht hindurchlaviert. Und durch dieses für die Karriere typische Durchlavieren wird zum einen deutlich, dass er sich eben doch nicht vorbehaltlos vom nationalsozialistischen Regime distanziert, zum anderen zeigt er dadurch aber auch sehr eindringlich, dass er kein Mensch ist der eine klare Haltung beziehen kann. Interessant wenn er sagt, die wahre Berufung eines Diplomaten ist es, im richtigen Moment nicht aufzufallen. So tritt er auch immer nur kurz in Erscheinung und so hält er sich dann auch historisch, ist und bleibt eine schwer greifbare Figur.
Wie kann man heute solch einen Charakter bewerten? Die vielen kleinen Handlungen, die sein Verhalten in dieser Zeit mosaikartig zusammensetzten sind durchaus normal, selten sind es große Handlungen, so schmuggelt er beispielsweise Schmuck, veruntreut Gelder, hilft Juden gegen entsprechende Bezahlung mit gefälschten Papieren zur Flucht. Es stellt sich die Frage, ob nicht viele kleine Kompromisse sich am Ende zu einem großen Verbrechen addieren könnten? Es kann sich durchlavieren, weil er eigentlich für kein System für das er arbeitet besonders wichtig ist. Er bewertet selbstkritisch und seine Karrierechancen und wie die durch andere eventuell verhindert werden. Wenn ihm jemand vor die Nase gesetzt wird, fragt er sich ganz stoisch, was das für ihn bedeutet. Was er nicht sieht sind seine Mitmenschen, denn er hat fast autistische Züge. Darin, in dieser Ausklammerung, ist auch in gewisser Weise eine Schutzmöglichkeit zu sehen. Weber versteht es jedenfalls diesen Schutzmechanismus gekonnt hoch zu fahren.
Nach dem Krieg kehrt er nach Deutschland zurück, um dort mit dem Auftreten eines Widerstandskämpfers seinen Platz in der neuen Bundesrepublik einzufordern, wobei die Zeit des Krieges mit der in der jungen Republik von der Autorin geschickt gespiegelt wird.
Die Metapher des Schachspiels zieht sich durch den ganzen Roman, denn dieser Konrad Weber ist eigentlich eine Schachfigur, ein Bauer auf den es letztlich nicht ankommt oder ein Läufer als der er sich gerne selbst sieht, wenn er zwischen einzelnen Zügen der anderen getäuscht wird, aber immer getrieben davon die Spuren der Vergangenheit zu löschen. Mit Sicherheit ist er nicht der König im Spiel, an dessen Seite zu stehen ihm vollauf genügt.
Die Spannung wird durchgehend in dem Roman hoch gehalten, existenziellen Fragen werden in allen Erzählsträngen aufgeworfen, ohne jedoch die Erzählhoheit der betroffenen Generation anmaßend zu unterminieren. Und wenn Konrad Weber gegen Ende resümierend von sich selbst sagt, dass ein mustergültiger Lebenslauf letztendlich alles ist was von seiner Geschichte bleibt, dann irrt er, denn das dem nicht so ist verdanken wir den tiefgehenden Recherchen von Nora Bossong. Sie zeichnen diesen eindrucksvollen Roman aus.