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Viel schlimmer: Konwitschny übt Werkkritik mit seiner Inszenierung, und das am "deutschen Heiligtum", dem Freischütz! Er legt den Finger in die Wunden des dramatisch unschlüssigen und passagenweise banalen Textbuches. Beispiele gibt es viele:
1. Der Text des Jägerchores, der sonst im Blech und großen Chor untergeht, wird vor der Schlußszene von einem Sprecher (Samiel) vorgelesen und der Lächerlichkeit preisgegeben.
2. Die Figur des Eremiten, des "Deus' ex machina", der das Werk ohne dramatische Notwendigkeit zum Happy End führt, wird von der Bühne in das Publikum verlegt, mithin "in eine andere Welt". Das personifizierte Wunschdenken des Zuschauers manipuliert das eigentlich unglücklich endende Stück hin zu einem glücklichen Ende der allgemeinen Versöhnung.
Das sind nur die prägnantesten Beispiele, Belegstellen finden sich wie Sand am Meer. Doch der Regisseur kritisiert nicht nur, er interpretiert auch: Die Allgegenwart des Teufels in Gestalt von Samiel wird uns in jeder Szene in Erinnerung gerufen. Das Bratschensolo in der 1. Szene des 3. Aktes wird "vom Teufel persönlich" auf der Bühne gespielt. Bei aller Überfrachtung der Handlung mit pantomimischen Details und "kleinen Gags" wirkt die Regiearbeit dabei sehr durchdacht, die Personenregie glaubwürdig, das handwerkliche Element fehlt also keineswegs. Der weitgehende Verzicht auf Bauten und Kulissen stellt den Freischütz dabei schonungslos als das dar, was er eigentlich ist: Ein Volksstück zur Unterhaltung.
Ingo Metzmacher hat das Orchester der Hamburgischen Staatsoper hervorragend im Griff, es spielt schwungvoll und dynamisch. In einigen Passagen greift er zu eher langsamen Tempi, was diesem Werk eigentlich nicht so gut tut, aber das ist letztendlich Geschmackssache. Besonders die Wolfsschluchtszene habe ich selten mit soviel dramatischer Kraft gehört wie hier.
Die Sängerbesetzung ist erstklassig. Albert Dohmen gibt einen glaubwürdigen wie dämonischen Caspar, dem nur das letzte Quentchen Kraft fehlt. Die beiden Solistinnen Sabine Ritterbusch und Charlotte Margiono überzeugen weniger optisch, haben aber die sehr schwierigen Partien, die (bei Sopranistinnen gefürchtet) immer wieder zwischen dramatischen Passagen und schwierigen Koloraturen changieren, hervorragend im Griff. Jorma Silvasti ist ein idealer Weber-Tenor, der nicht den Fehler macht, die Partie zu schwer anzulegen; einzig die schlechte Aussprache bei den gesprochenen Dialogen könnte man ihm ankreiden.
Bei der Technik der DVD gibt es auch nur positives zu vermelden: Ein anamorphes 16:9-Bild und glasklareren Stereoklang.
Fazit: Wer die DVD kauft, sollte sich darüber im Klaren sein, was ihn erwartet, eine Überdosis modernes Regietheater und einige Szenen, wo der eher konservative Opernfreund sich vor den Kopf gestoßen fühlt. Dies ist keine DVD zum Kennenlernen der Oper, auch nicht zum schnellen Genuß, sondern hier ist man gezwungen, sich mit dem Stück und der Inszenierung auseinanderzusetzen. Leider wird der Zuschauer damit ziemlich allein gelassen, das Booklet verheißt keinerlei Aufklärung. Das Buch von Frank Kämpfer über Konwitschnys Regieideen ist übrigens sehr hilfreich dabei. Spätestens dann bin ich sicher, daß die DVD den Zuschauer in ihren Bann ziehen wird...
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