Warum das Internet die einstmals so eisernen Regeln des (Versand-) Handels komplett auf den Kopf stellt, warum fehlender Mut zu Innovation (und damit auch Mut zu "Misserfolgen") die unternehmerische Existenz kosten kann und wie die wirschaftliche Nahrungsgrundlage der Dinosaurier der Handelsbranche zunehmend von kleinen, innovationsfreudigen Start-Ups bedroht wird (und wie man darauf reagieren könnte) - all das wird in dieser aktuellen Aufsatzsammlung sehr profund, weitgehend klar und unter Erzeugung vieler Aha-Effekte und Nennung von Beispielen dargelegt.
So manch ein "alteingesessener" Handelsmann, dessen Kopf noch in den Wolken der goldenen 70er und 80er Jahre steckt (und davon gibt es noch viele!!), wird nicht immer gut finden, was er da so liest. Und besonders die klassischen, in ihrer eigenen rückwärtsgewandten Weltanschauung verhafteten Einkaufsorganisationen großer Versandhändler werden so manche These dieses Werkes als pure Blasphemie ansehen ("Einkäufer bestimmen mit vermeintlicher Sortimentskompetenz immer noch das Sortiment, das sich nach wie vor an einer 'introvertierten' Rennerlogik orientiert (...)", klagt bspsw. Thorsten Boersma in seinem Beitrag an). Aber diese Deutlichkeit ist notwendig und gut so, und sie hilft vielleicht, beim Einen oder Anderen ein kleines Erdbeben auszulösen, das die Wände seines Erfahrungsgefängnisses zum Einsturz bringt und Platz für einen neuen Blick in die Zukunft schafft.
Was man dem Buch als Manko vorwerfen kann, ist das, was man bei - fast - allen deutschen Fachbüchern zu Innovationsthemen beobachtet: Das Ganze ist über weite Strecken schrecklich humorlos, unter Vermeidung ironischer Brechungen, ohne Mut zum Selbstzweifel an den eigenen Schlussfolgerungen und ohne Willen zur Pointe beschrieben. Wenn angelsächsische bzw. amerikanische Autoren wie Anderson (
The Long Tail: Nischenprodukte statt Massenmarkt Das Geschäft der Zukunft ), Kawasaki (
Reality Check: The Irreverent Guide to Outsmarting, Outmanaging, and Outmarketing Your Competition ) oder Jarvis (
Was würde Google tun?: Wie man von den Erfolgsstrategien des Internet-Giganten profitiert ) Bücher zu solchen Themen schreiben, dann werden die wichtigen, quasi-wissenschaftlichen Informationen immer mit einer ansteckenden, bildlichen und klaren Spannungsbögen folgenden Prosa gebaut - das Lesen dieser Autoren macht also immens Spaß, egal wie sehr man das Thema als solches betrachtet und auf welchen Komplexitätsgrad man sich einlassen will.
So fachlich versiert die Autoren in diesem vorliegenden (vielleicht "typisch deutschen"?) Buch sind, so elaboriert und steif liest es sich mitunter leider. Offenbar hat man als Zielgruppe einen bestimmten, Power-Point-gestählten und mit zu vielen Beratern befreundeten Manager-Typ im Blick, der viele Code-Wörter benutzt, um geheimes Wissen zu heucheln. Die wahre Zielgruppe dieser wirklich wichtigen Aufsätze sitzt aber dort, wo wirklich noch Innovation entstehen kann: In den Büros der neuen, jungen Wilden, die sich noch nicht von der politischen Korrektheit und Alibi-Innovativität gestandener Unternehmen haben einschüchtern lassen.
Ein so wichtiger (und guter!) Beitrag wie der von Haug (eVenture) und Hillebrand (Otto) über die Frage, wie man das eigene Unternehmen umkrempeln muss, damit Innovation nicht von interner Politik und Bürokratie erstickt wird, strotzt beispielsweise vor Elaboriertheit und schichtet ein weihrauchgeschwängertes Business-Kunstwort auf das andere, bis man die Wort-Mauer nicht mehr überblickt, die sich vor einem auftut (da stehen ernsthaft mit Heißluft gefüllte Satzgruppen wie: "interne Inkubation von Innovationsthemenfeldern oder Erforschung über Corporate Venture Capitals..."). Eigentlich ist es ja die Aufgabe eines guten Lektorats, hardcore-essayistische oder zu kodierte Aussagen auf den Kern abzuschleifen, aber hier wird wurde offenbar der Lektor durch einen Möchtegern-Adorno ersetzt. Und warum ausgerechnet der Wiedertäufer der Handelsrevolution und Provokant par excellence, Jochen Krisch (Exciting Commerce Blogger), in diesem Buch nicht vertreten ist, wundert ein wenig.
Trotzdem ist das Buch eine absolute Empfehlung und (für den Handel bzw. die Menschen, die darin arbeiten und etwas bewegen wollen) so wichtig und Anstoß gebend wie Andersons "Long Tail".