Mit We Are Rising" weicht Ryan Lott durch graziöse Akribie die Grenzen zwischen U- und E-Musik auf. Oder: Wie erschafft man ein einzigartiges Kunst-Popalbum in 28 Tagen. Ryan Lott arbeitete an seinem Debütalbum "At War With Walls And Mazes" drei Jahre lang, ließ Ideen reifen, haderte mit einzelnen Skizzen, fügte hier etwas hinzu, löschte dort wieder eine Tonspur. Für seine zweite Studioplatte als Son Lux hatte der Amerikaner exakt 1067 Tage weniger Zeit. Der Hörfunksender NPR forderte ihn im Zuge der so genannten RPM Challenge heraus, im Februar ein komplettes Album zu entwerfen, aufzunehmen und fertig zu stellen. Was vorher in mühsamer Kleinstarbeit geschah, sollte nun in 28 Tagen vonstatten gehen. Unter Berücksichtigung des engen Zeitfensters und massiven Drucks ist das Ergebnis beinahe beschämend grandios – bei Son Lux mutiert der einengende Zwang zum inspirierenden Stimulus. Mit seiner Fähigkeit zur mehrdimensionalen Imagination und Manipulation weiß Lott seine Visitenkarte nicht nur beim Hip- und Trip-Hop zu hinterlassen, Ausflüge in klassische Arrangements und in kalte Dubstep-Bunker stehen ebenfalls auf dem Plan. Schlicht: eine moderne Symphonie. Son Lux – "We Are Rising" (Album-Stream) Während er im Alltag Musik für TV-Werbungen schreibt, entwirft der studierte Komponist auf "We Are Rising" ein reichhaltiges Sammelsurium aus umsichtigen Beats, triumphierenden Violin-Sektionen und ätherischen Gesängen. Mit zahlreichen Freunden wie DM Stith (Sufjan Stevens), Peter Silberman (The Antlers) oder Sarah Worden (My Brightest Diamond) schickt uns Lott durch die 35 Minuten lange, konzeptuell ausbalancierte und überraschende Platte. Nach dem ersten Hineinhören fällt die Kinnlade bereits merklich herunter, später wird aus der Faszination eine überschwängliche Freude, die letztlich in die Erkenntnis mündet, dass wir es hier mit einem begnadeten Tonschöpfer zu tun haben. Die Eröffnung "Flickers" beginnt mit einem Tête-à-tête aus Holz- und Blechblasinstrumenten, bevor Piano und Bass die ersten Worte vorbereiten: "I can see the flickers / over me the lanterns raised / lift me up / lift me over it". Auch wenn sein Timbre kein großes Spektrum aufzuweisen vermag, so hält seine zarte und allseits klare Stimme die konträren Elemente zusammen. Ob gespenstische Zerbrechlichkeit, rätselhaftes Chaos oder neo-psychedelischen Irritationen – das Beeindruckende an der LP ist sicherlich der sich gegenseitig bandagierende Fluss. "Rising" stellt sein elektronisches Faible besonders eindrucksvoll unter Beweis: sein stoischer Gesang fordert hier Synthesizer-Wände und scheppernde Perkussivität heraus, um letztlich in Pizzicato-Streichern, Flöten, Klarinetten und prasselnden Becken aufzugehen. Ob es "All The Right Things" ist, wo ein areophoner Beat beeindruckendes Stirnrunzeln hervorruft, oder die frenetische Geigen-Intermezzi beim ohnehin famos-meditativen Mantra-Track "Let Go" – gleich eine Vielzahl an Überraschungen warten auf ihren Einsatz. Insgesamt halten sich elektronische und akustische Elemente ungefähr die Waage, wobei die klassischen Arrangements das i-Tüpfelchen markieren. Seit Sufjan Stevens' "The Age Of Adz" hat es kein Künstler derart beeindruckend geschafft, digitale und orchestrale Texturen in eine vergleichsweise operettenartige Form zu gießen. "We Are Rising" – Making-Of des Artworks "Leave the riches / take the bones / I’m ready to be robbed / I’m ready for your thieving hand" intoniert Lott einmal, getragen von einem gespenstigen Männerchor. Der Adressat ist nicht immer bekannt oder gar existent, vielmehr wird ein durch Empathie gestricktes Band dargereicht. Von Barmherzigkeit ("All The Right Things") über Liebe ("Flowers") bis hin zur Auferstehung ("Rebuild") begleiten uns große Themen bei der Abenteuerreise durch Fantasie und Wirklichkeit. Dass "We Are Rising" dennoch ohne Dramatik, Wehleidigkeit oder gar Selbstbeweihräucherung auskommt, macht das Album zu einem mit Ehrfurcht zu genießenden Großod. Aufgrund der kompositorischen Schnelligkeit wäre es unsachlich, diese Platte mit den Höhepunkten des Jahres zu vergleichen. Dass es sich jedoch trotzdem mit ihnen messen kann, steht für dieses kleine Meisterwerk.
Kurzbeschreibung
Eile mit Weile: zweites Album des US-Pop-Elektronikers.
Will man ein Album in einem Monat aufnehmen, sollte man sich nicht unbedingt den Februar dafür aussuchen. Es sei denn, man heißt Ryan Lott und liebt das Ungewöhnliche. Der Mann hinter Son Lux brauchte für sein 2008er-Debüt immerhin drei Jahre, doch der Wettbewerb des Internetportals RPM, ein Album in nur 28 Tagen aufzunehmen, weckte Lotts Ehrgeiz für seinen Zweitling. Hört man das Ergebnis, ist von Eile allerdings kaum was zu spüren. Der ausgebildete Pianist inszeniert seinen Sound ähnlich wie Sufjan Stevens mit Chören und ineinander verwobenen Stimmlinien und einer unüberhörbaren Vorliebe für tolle, vielfältige Bläser- und Streicherarrangements. Mittels moderner Elektronic und ungewöhnlichen Songs schafft Lott ein transzendentes, erhabenes und immer wieder überraschendes Album, das wie ein Stern hinter einer Wolke aufblitzt. Eingespielt wurde es mit Gästen wie etwa Shara Worden (My Brightest Diamond), dem yMusic Sextet, DM Stith und Jace Everett.