Weit im Osten (Way Down East). USA, 1920
Mit: Lillian Gish, Richard Bathelmess, Lowell Sherman u. A. Regie: David Wark Griffith
Genre: Drama > Stummfilm > Stummfilmdrama
Diese Lillian Gish! Jedes Foto von ihr ein Erlebnis, in das man sich stundenlang vertiefen kann. Als Schauspielerin eine der Größten und Faszinierendsten. Und das schon seit der Stummfilmzeit, vor allem aus dieser Zeit. Sie wurde 100 Jahre alt (1893-1993). Selbst in späteren Jahren vollbrachte sie wunderbare, schauspielerische Leistungen (Duell in der Sonne mit Oscarnominierung, Die Nacht des Jägers, The Unforgiven und Wale im August ihr letzter Film)
In dem mehr als zwei Stunden langen Film Way Down East erbringt die 27-Jährige eine reife und glaubwürdige Leistung mit vielseitiger, mimischer Ausdruckskraft. In ihrem Gesicht spiegelt sich anfangs die sprudelnde, reine Lebensfreude wieder, welche jedoch bald durch die skrupellose Ausnützung eines üblen Mannes zerbrochen wird. Als Vertreter der oberen Klasse inszeniert er eine Scheinhochzeit, schläft mit ihr und lässt sie sofort danach fallen. Für ihn war sie nur eine Beute von vielen, die es zu verspeisen galt. Sie aber ist gebrandmarkt für ihr ganzes Leben - persönlich und gesellschaftlich.
Griffith schafft es in stilistischer Perfektion die Tragödie zu emotionalisieren und dem Zuschauer einfühlsam zu präsentieren. Die Darstellung der verwöhnten, dekadenten und hochmütigen Oberklasse ist phänomenal. Und die unverdorbene Lillian bricht in diese verdorbene Welt ein. Das ist Ergriffenheit und Kampf pur. Und Lillian siegt - sie überragt das oberflächliche Gehabe der feinen Damen aufgrund ihrer Originalität und ihres authentischen Profils.
Die Performance der reichen Oberklasse wird vorgeführt als ein Reigen verschwenderischer Üppigkeit an Damenmode und Styling.
Zu der realitätsenthobenen High Society, entwirft der Regisseur einen verklärten, erlösenden Gegensatz: es ist die Welt des bodenständigen Farmers des selben Landes, dessen ursprüngliche Weltanschauung die Tragödie von Lillian Gish auffängt und zum Segen wandelt.
Griffith schafft es aus der realitätsnahen Leidensgeschichte ein Märchen mit Happy End zu zaubern und streut in die bösen Werke der verkommenen Menschen Visionen der Rettung. Bei der inszenierten Hochzeit fällt der Ehering zu Boden und just in dem Moment träumt der junge Farmer von dem gefallenen Ring. Ein Hinweis auf die letztgültige Bestimmung des Ringes, der einmal die untrennbaren Bande zwischen dem Jüngling und Gish symbolisieren wird. Griffith gelingt hiermit die Andeutung von einem erlösenden Sinn, der sogar im Moment tiefster Bosheit und Kränkung seinen Triumpf vorankündet. Das ist Religion.
Auffällig ist die meisterliche Methode Griffiths, die emotionalen Reaktionen der Hauptdarstellerin mittels der direkten Ausrichtung des Gesichtes auf die Kamera zu vollführen und intensivieren. Der Effekt ist überragend, der Trick jedoch unauffällig. Das ist echte Filmkunst. Dabei wird die vielseitige Gesichtsmimik von Lillian Gish zu einem Erlebnis der Emotionen, die den Zuschauer parteiisch anteilnehmen lassen an ihrem Schicksal.
Um das depressive Thema zu relativieren, lockert der Regisseur die Handlung auf mit erfrischendem Slapstick der schrulligen Charaktere auf dem Lande rund um den braven, feschen Farmer. Diese schönen, feinen Außenszenen des Landlebens sind eine angenehme Bereicherung des Dramas.
Die Szenen auf den treibenden Eisschollen um die Errettung der verzweifelten Frau, sind ein Wahnsinn - eine filmische Dramatik ohnegleichen.
Der glückliche Ausgang am Schluß verdient.
Ein wunderbarer Film höchster Qualität und Frohbotschaft.