Krieg führen ohne zu töten und getötet zu werden, die Amerikaner nennen das "German Attitude", so heisst es in einem Streitgespräch zwischen deutschen Soldaten und Afghanen in der Mitte von "Wave and smile", Arne Jyschs Comic über den Einsatz der ISAF-Truppen in dem Land, in dem die USA die Anschläge vom 11. September 2001 rächen wollten, obwohl die Attentäter Ägypter waren, Osama aus Saudi Arabien stammte und letztlich in Pakistan gestellt wurde (der Comic geht darauf ein, dass die Einheimischen von der, vom Westen, künstlich gezogenen Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan nichts halten) - alles sehr kompliziert. Und dazwischen deutsche Soldaten, durch das NATO-Bündnis in einen Krieg gedrängt, den die Mehrheit des Volkes nicht will und der auch lange Jahre gar nicht als Krieg bezeichnet wurde. Jysch bemüht sich um einen sachlichen Ton, zeigt den Konflikt aus verschiedenen Sichtwinkeln und verwöhnt die Leser mit sehr stimmungsvollen Aquarell-Zeichnungen, von denen das Cover bereits einen guten Eindruck vermittelt.
Bedauerlicherweise ist das Interview mit Jysch, das es in der Vorschau von Wave and Smile am Gratis Comic Tag 2012 gab, in diesem Buch nicht enthalten, ebenso wenig wie weiteres Bonus-Material, was diese ansonsten sehr ansprechend aufgemachte Edition noch weiter aufgewertet hätte. Neben einer Landkarte im Buchdeckel gibt es nur noch Danksagungen und Quellenangaben.
Der 38-jährige deutsche Autor aus Berlin war nicht selbst vor Ort, ist kein ehemaliger Soldat. Er hat sich an der Realität orientiert, sie aber ausgeschmückt, glücklicherweise nicht zu sehr Richtung Action-Reißer. Drastische, schockierende Gewaltszenen sind im Buch nicht zu sehen. Es gibt Schusswechsel und einige opulente Kriegsszenen mit Hubschraubern und Jets, im Vordergrund stehen aber eindeutig die Dialoge. Was sollen die Deutschen in Afghanistan? Kann der Krieg gewonnen werden? Manche dieser Gespräche erinnern an "Apocalypse Now Redux", nämlich an die Szene, in der die Franzosen die Amerikaner daran erinnern, das fremde Mächte bereits in der Vergangenheit kläglich scheiterten.
Zu Beginn des Buches werden einige Abkürzungen erläutert, aber dann wird der Leser auch gleich ins kalte Wasser geworfen und mit Militär-Jargon überhäuft, Fussnoten wären hier hilfreicher gewesen. Eine sehr schöne Idee: "arabische" Dialoge werden als deutscher Text in der Optik arabischer Schrift wiedergegeben, was erst beim zweiten Blick deutlich wird. Somit kann die Illusion aufrechterhalten, dass der Leser die Einheimischen nicht versteht, gleichzeitig aber mit etwas Mühe verstehen kann, was der andere sagt. Ob jeder Leser damit glücklich ist, dass mehrere englische Dialoge nicht ins Deutsche übersetzt werden? Mich hat es nicht gestört, trägt es doch gut dazu bei authentischer zu wirken und zu verdeutlichen wie global dieser Krieg ist, Deutschland als nur eines von vielen Ländern in einem verwirrenden Krisengebiet.
Die Geschichte spielt 2009 in Kunduz. Die Einheit von Hauptmann Chris und Hauptfeldwebel Marco wird von der Fotoreporterin Anni besucht. Die engagierte Journalistin darf an mehreren Einsätzen der Soldaten teilnehmen. Ein dramatisches Ereignis sorgt dafür, dass Chris zurück nach Deutschland fliegt, wo ihn kein herzliches Willkommen erwartet. Die Rückkehr nach Afghanistan zeigt dann weitere Facetten des seit Jahren vor sich hin dümpeln zu scheinenden Krieges.
Gerade der letzte Teil des Buches erscheint etwas arg konstruiert. Überhaupt fiel es mir schwer eine Verbindung zu den Figuren aufzubauen, alles wirkt etwas steif, hölzern und zu gehetzt, vielleicht hätte der Comic mehr Seiten vertragen können, um mehr Tiefe aufzubauen. Besonders spannend fand ich die Lektüre nicht, allerdings auch zu keiner Zeit langweilig, der Comic lässt sich in einem Rutsch durchlesen. Graphic Novels sind nicht selten inhaltlich anspruchsvoller, dafür aber sehr oft zeichnerisch deutlich schwächer als etwa Superheldencomics. Wave and Smile vereint sehr schöne Zeichnungen und eine ansprechende Story, die noch dazu Menschen interessieren dürfte, die sonst keine Bildergeschichten lesen.
Neben den hervorragenden Zeichnungen und meiner Begeisterung für erwachsene Themen im Medium Comic haben mir die kleinen, stillen Momente besonders gut gefallen. Es ist eine interessante Beobachtung, dass es im deutschen Camp sogar Straßenlaternen gibt, aber erst im Einsatz festgestellt wurde, das es klüger ist diese nicht anzuschließen, da sie nur eine unnötige Zielscheibe bieten. Paradox erscheint was die einheimischen Kämpfer in diesem Comic über den Bundeswehr-Einsatz zu sagen haben: einerseits verachten sie den Krieg der USA, andererseits erkennen sie es als Stärke an zu intervenieren, während die zaghafte Mission der Deutschen als feige angesehen wird.
Was mir der Comic nicht vermitteln kann ist die Schwärmerei von Hauptmann Chris für Afghanistan. Aber hier zeigen sich Parallelen zum Film "The hurt locker", den Jysch als ein Vorbild für seinen Comic benannt hat, die Soldaten kehren so verstört und entfremdet von der Front heim, dass sie am liebsten gleich wieder zurück zu ihren Kameraden wollen, statt ein freudloses Leben in ihrer Heimat wiederaufzunehmen, noch dazu wenn dort keine reizvollen Perspektiven zu warten scheinen.
Deutschland und Afghanistan sind zwei grundverschiedene Länder, das vermittelt dieser Comic sehr eindrucksvoll. Als Einstieg für den Schulunterricht optimal? Ich denke schon und vielleicht hätte etwas weniger Konsenz dieser Geschichte gut getan.
Ein ganz großer Wurf wie der Film "The hurt locker" oder so eine wichtige politische Graphic Novel wie "Waltz with Bashir" ist "Wave and smile" meiner Meinung nach nicht geworden. Die ganz hervorragenden Zeichnungen und viele interessante Ansätze lassen mich aber auf weitere Comics von Arne Jysch hoffen, der Anfang ist gemacht und er ist sehr vielversprechend. Deutsche Comics, ernste Themen, Comics für Erwachsene - warum gibt's davon nicht deutlich mehr? Bitte diesem Buch unbedingt eine Chance geben!
200 Seiten, Hardcover, Farbe, Autor & Zeichner: Arne Jysch, Carlsen Comics 2012