Irgendwie hatte ich ja schon fast Angst, die geilste Band unserer Zeit würde auseinander fallen, als nach Martin López auch noch Peter Lindgren nach 16 Jahren Bandzugehörigkeit Opeth verließ. Als ich das erfuhr, brach für mich - um es pathetisch auszudrücken - fast schon eine Welt zusammen.
Würden sich die Schweden mit dem Einstieg von Fredrik Akesson, der - so sagt auch Mikael Akerfeldt selbst - in der Vergangenheit zu sehr im Metal verwurzelt war - nur noch auf stumpfsinnigen Death Metal limitieren?
Gott sei Dank nicht, denn Mikael Akerfeldt wäre nicht Mikael Akerfeldt, wenn er uns nicht alle immer wieder aufs Neue überraschen würde.
"Watershed" jedenfalls ist eine erneute Weiterentwicklung; das Album hat so gut wie gar nichts mit "Ghost Reveries" zu tun, genauso wenig aber mit den Scheiben davor. Das Keyboard spielt eine noch größere Rolle als auf dem Vorgänger, trägt durchaus auch zu einigen psychedelischen Momenten bei, die aber dennoch eher eine untergeordnete Rolle im Gegensatz zu "Ghost Reveries" spielen.
Ob "Watershed" tatsächlich härter ist als "Ghost Reveries", ist schwer zu sagen; es ist in jedem Falle vollkommen anders. Unterm Strich gibt es nur drei Titel, bei denen Growls verwendet wurden, aber wenn man sich die Gewitter, die bei Stücken wie "Heir Apparent", "The Lotus Eater" oder Teilen von "Hessian Peel" abgehen, anhört, kann man der Band jedenfalls nicht vorwerfen, nicht weiterhin eine ganze Reihe von Passagen vorzuweisen, bei denen es voll auf die zwölf geht. Dass man hierbei technisch auf allerhöchstem Niveau bleibt, braucht wohl nicht extra erwähnt zu werden.
Es gibt unzählige tolle Einfälle - zum Beispiel Blastbeats (zum ersten Mal bei Opeth eingesetzt) mit klarem Gesang kombiniert (bei "The Lotus Eater") - und viele Details offenbaren sich wie meistens bei Opeth erst nach mehreren Durchläufen.
Mag sein, dass die Scheibe schwerer verdaulich ist als "Ghost Reveries", aber allein schon diese ganzen Soundwälle, die es erst einmal zu verarbeiten gilt, beeindrucken schon nach dem ersten Durchgang. Allein ein Wahnsinns-Epos wie "Hessian Peel": So viele Stilrichtungen vereint in einem einzigen Track - andere Bands brauchen dafür mehrere Alben. Bei diesem Stück verwirren die unzähligen vereinten Elemente möglicherweise zunächst etwas, aber wenn man die Struktur erst einmal begriffen hat, lässt es einen nicht mehr los.
Dem gegenüber stehen ruhige Nummern wie die Akustikballade "Coil", bei der die junge Nathalie Lorichs ihr Talent unter Beweis stellt (für Opeth ein äußerst ungewöhnlicher Opener), und das wundervolle "Burden", mit Mellotron unterlegt und herrlichen Solo-Gitarren. Am Ende des Stücks haben die Jungs außerdem noch einen kleinen Gag am Start, den ich selbstverständlich nicht verraten werde...
Auch das von Akesson mitkomponierte, teils recht doomige "Porcelain Heart" (ein erneut himmlischer Akustikpart in der Mitte) und das beklemmend-depressive "Hex Omega" überzeugen auf ganzer Linie.
Es gibt wieder einmal keinen Ausfall und wie gesagt eine klare Weiterentwicklung. Noch proggiger, noch sperriger ist "Watershed" bestimmt geworden, begeistert mich aber von A-Z. Mikael Akerfeldt ist einfach ein Genie und jedes der Bandmitglieder einer der besten Musiker seines Fachs: Per Wibergs Keyboardstimmen sind mit Sorgfalt und Bedacht ausgewählt, Martin Axenroth beweist, dass er ein mehr als würdiger Nachfolger von Martin López ist, die Arrangements sind unheimlich durchdacht und detailliert und auch die Produktion sehe ich als eindeutig stärker an als die von "Ghost Reveries". Ich kann mich nur mit Respekt verneigen!