Nach vielen Jahren endlich wieder neues, selbstkomponiertes Material von K.D. Lang. Erstmals hatte sie die Hoheit über den gesamten Produktionsprozeß von der Idee übers Konzept bis zu den Arrangements - ein Luxus, den aktuell vor allem das zu Warner gehörende Label Nonesuch Records seinen Künstlern zubilligt. Rund sechs Jahre lang schrieb sie an den Songs, teils parallel zur Arbeit am Vorgängeralbum. Was "Watershed" mit diesem gemein hat, ist abermals der geographische Bezug: Führte "Hymns Of The 49th Parallel" einen Breitengrad, eben die kanadische Südgrenze im Titel, verweist "Watershed" auf Langs Heimatlandstrich unweit der Continental Divide, wo sich entscheidet, wohin die Flüsse fließen: zum pazifischen, atlantischen oder arktischen Ozean. Anders ausgedrückt: durch die USA oder Kanada.
Im Arrangement treten einmal mehr die Drums zugunsten von Steel Guitar, Piano, Banjo sowie aufwendiger, aber nicht penetranter Geigenteppiche zurück, was im Zusammenspiel mit Country- und Blues-Anleihen einen unaufgeregten Gesamteindruck bewirkt. Keiner der elf Song ein Up-Tempo, ist der spritzigste noch "Coming home", den ein fröhliches Banjo trägt und worin Langs Alt den Text eine Kaskade hinabtreibt - bis ganz nach unten. Fast alles sind Liebeslieder, aber mit überwiegend lakonischen Texten, die sie ebenso lakonisch singt, angenehm undramatisch, in sanftem Timbre, mit feiner Ironie und latenter Erotik wie in "Sunday": "Six days a week waiting, I spend waiting to be spending Sunday afternoon naked in your room."
Für MTV ist so was ungeeignet, wo seinerzeit selbst ihre leichte Invincible Summer-Videoauskopplung Summerfling" kaum auftauchte. An diesen Songs ist nichts Spektakuläres, als solides Handwerk entfalten sie ihre Wirkung erst an einem Sonntagnachmittag im Bett oder auf einer Holzhaus-Terrasse in the middle of nowhere. Sie sind nichts zum hören, sondern zum zuhören. Vielleicht schafft's ja der erste Track "I dream of spring" in den Äther, ein heiterer Song, dem K.D. Lang live allerdings mehr Vibrato als in der Studioversion zumutet. Ihr zweiter und des Rezensenten absoluter Favorit ist der bluesartig daherkommende "Jealous Dog", geschrieben nach eigener Aussage eines Morgens, als sie nichts besseres zu tun hatte. Die Nacht davor kann man sich lebhaft vorstellen: Ihre Stimmbänder klingen wie heftig von Whisky und Qualm gebeizt. - Gar nicht übel für eine Nichtraucherin.
(Volltext in der Zeitschrift Gigi, 1/08, hier eingestellt vom Autor)