Es ist nicht einfach, einen Text zu schreiben, der diesem Buch gerecht wird. Vielleicht versuche ich es so:
Etwa 600 v. Chr. wurde diese Welt durch die geniale Leistung eines einzelnen Mannes plötzlich deutlich einfacher und für die Menschen klarer, verständlicher. Der persische Philosoph Zoroaster kam auf die Idee, das diese Welt durch die Existenz von Gut und Böse erklärbar sei, die zwei Pole bilden würden, nach denen man das Handeln von Menschen und andere Ereignisse einordnen könne. Das war tatsächlich neu. Aber es erklärte einige der Probleme, die ein Mann wie Hiob in der Bibel mit Gott hatte, oder auch ähnliche Fragen, die zum Beispiel die Pestgebete Mur¨ilis bei den Hethitern schon früher formulierten. Dank Zoroaster aber war es jetzt klar: Moralisches Handeln ist etwas Gutes und führt zu einem glücklichen und gottgefälligen Leben. Das Böse dagegen, das muss man bekämpfen.
Dieser Dualismus von Gut und Böse hat sich dann sehr schnell in der Welt durchgesetzt. Nicht zuletzt auch in den modernen Religionen. Viele Menschen, die sich als gute Christen oder Moslems verstehen, wissen extrem präzise, was gut ist und was böse. Aber selbst amerikanische Präsidenten scheinen immer wieder genau entdecken zu können, wo das Reich des Bösen liegt und schicken ihre Bomber und Soldaten dorthin, um gegen es zu kämpfen. Nach wie vor ist die Stärke dieser Weltsicht ihre Einfachheit. Sie erschließt sich schnell und sie lässt sich einfach verkaufen. Heute wie vor 2.600 Jahren.
Die Literaturgattung, die das Prinzip des permanenten Kampfes zwischen Gut und Böse wohl am besten abbildet, ist die Welt der Superheldencomics. Selbst Superman macht vielleicht mal einen Fehler. Aber er ist immer gut, und seine Gegner meistens eindeutig böse. Batmans Motivation zur Verbrecherjagd mögen wir heute als behandlungsbedürftig einstufen. Aber dennoch jagt er Verbrecher. Die Welt der Superhelden ist eine Welt des moralischen Rigorismus. Das macht sie für Leser attraktiv. Und selbst wenn uns die Geschichten aus den 50er Jahren und früher inzwischen als spießig und etwas hausbacken vorkommen, auch die coolen Sin City Storys von Frank Miller bauen auf der moralischen Eindeutigkeit des Handelns der Protagonisten auf.
Nur bei den Watchmen, da ist alles plötzlich wieder komplizierter.
Moore, der Schöpfer der Welt der Watchmen, ergänzt zu der eindimensionalen Sicht von Gut und Böse eine weitere Achse. Symbolisiert wird diese durch das Alter seiner Helden. Die Superhelden, um die es in Watchmen geht, sind längst im Ruhestand, auf die eine oder andere Weise. Aber es ist nicht das Lebensalter oder die Existenz als Rentier, was hier die Grenzen zwischen Gut und Böse plötzlich sekundär erscheinen lässt. Es ist Erfahrung. Es ist Erkenntnis. Es ist das Zusammenwirken von Biographien, die sich nicht mehr in einfache Muster einordnen lassen. Gut und Böse verschwimmt in einer Welt, die nicht in sich ruht, sondern von allem immer mehr will.
Dieses Buch lebt nicht von seiner Handlung. Einen Mord gibt es und einen drohenden Atomkrieg. Beides hat einen Zusammenhang, eine komplexen, schwierig zu verstehende Verbindung. Der Leser verfolgt diese Verbindung, in dem er die Biographien der Protagonisten erfährt, über Quantenphysik, Philosophie und Politik des 20. Jahrhunderts liest, und ganz neben bei auch noch eine Piratengeschichte als Parabell menschlichen Scheiterns mitbekommt, die sonst kaum etwas mit der Handlung zu tun hat. Die Stärke des Buches ist, dass nichts davon sich wie blanke Theorie liest. Immer fühlt man mit, mit den Protagonisten, selbst wenn sie natürlich wie in jedem Superheldencomic Existenzen sind, die dem Leser so fremd sind, wie eine Romanfigur es einem nur sein kann. Am Ende begegnen sich die Helden in Rente wieder, vielleicht als Feinde, vielleicht als Freunde. Und der Leser ist emotional komplett bei Ihnen.
Neben dem großartigem Handwerk des Erzählers ist aber auch das Handwerk des Zeichners hier der Grund, warum man mit diesem Buch etwas Einmaliges in den Händen hält. Gerade diese Ausgabe, mit dem großen Format und den dicken Seiten, ist einfach ein Genuss. Sie ist so schwer, dass man sie beim Lesen kaum in den Händen halten kann. Ein solider Tisch hilft beim Lesen. Sitzt man aber erstmal vor dem Buch, will man kaum noch aufstehen. Neben der Geschichte enthält der Band dann auch einige zusätzliche Informationen über die Entstehung dieses Werkes. Spannend für mich waren vor allem die Verweise auf die Vorbilder der Superhelden in Watchmen in anderen DC Comics, über die man dann auch außerhalb von Watchmen noch mehr erfahren kann.
Zusammen mit "The Dark Knight" hat dieses Werk das Genre verändert. Und da Comics - oder besser Graphic Novells - heute nicht zuletzt dank Hollywood ein wesentlicher Bestandteil unserer Kultur sind, gibt das wohl auch ein wenig für unsere Welt als ganzes.
Und deshalb ist es wirklich nicht einfach, über dieses Buch einen Text zu schreiben.