In "Washington Square" geht es um die Familie des wohlhabenden Arztes Dr. Sloper um etwas 1850 in New Yorkl. Er wohnt, verwitwet, mit seiner Tochter Chaterine und seiner ledigen Schwester Mrs. Penniman. Sie wohnen gemeinsam in einem großen Haus. Catherine ist eigentlich nicht sonderlich attraktiv oder interessant, bekommt aber schließlich doch einen Verehrer, nämlich Mr. Townsend - ein eher mittelloser Mann mit unsteter Vergangenheit, der bei seiner Schwester wohnt. Catherine ist von ihm angetan (und die Tante Mrs. Penniman ebenfalls und versucht die Beziehung zu fördern), der Vater aber vermutet, dass Towsend nur auf das Vermögen von Catherine aus ist (das Geld, das von ihm kommt und jenes, das sie von ihrer Mutter geerbt hat). Das Buch beschreibt wie sich die Figuren über ihre Gefühle, Hoffnungen und Mutmassungen auseinandersetzen und wie es schließlich mit der Beziehung zwischen Catherin und Towsnend ausgeht (wer das nicht frühzeitig wissen will, sollte tunlichst die in dieser Hinsicht völlig schwachsinnige Kurzzuammenfassung auf der Eingangsseite dieser dtv-Ausgabe nicht lesen).
Das Buch hat mich zunächst sehr gepackt und berührt. James schildert sehr eindringlich und präzise das Milieu der Figuren und wie sie von dessen Wohlstand zum Teil profitieren, welche Fesseln ihnen aber auch dadurch auferlegt werden. Die Sprache ist sehr schön und mit einer ganzen Reihe von sehr witzigen, ironischen Bemerkungben durchzogen (wenngleich ich der Neuübersetzung von 1998 vorwerfen würde, dass sie ab und an zu sehr einer gewollt altertümlichen Sprache frönt und an der ein oder anderen Stelle würde ich mit dem Übersetzer auch über die grammatische Richtigkeit streiten). Speziell der Figuren des Vaters, der Schwester sind sehr eindringlich geschildert. Catherin und der Verehrer wurden mit in ihren Gefühlen und Motiven etwas weniger plastisch. Da sie aber nun mal den Kern der Liebesgeschichte bilden, verliert das Buch im Laufe der Handlung m.E. etwas. Man leidet und lebt mehr mit Vater und Schwester als mit den beiden Liebenden, die ein bisschen blass bleiben (was z.T. beabsichtigt ist, weil es eben zum beschriebenen Milieu gehört). Sprachlich ist die sehr verzierte, verspielte Sprache oft schön, auf Dauer aber auch mal einen Tick zu verspielt.
Fazit: Eine nicht ganz hochklassige, aber sehr gelungene Charakterstudie, die mit einigen interessanten psychologischen Überlegungen und Beobachtungen aufwarten kann ohne in letzter Konsequenz zu packen und zu überzeugen. Sprachlich sehr schön mit einem leichten Hand zur übertriebenen Verspieltheit.