Doris Dörrie schickt ihre Leser mit ihren Geschichten "Was wollen sie von mir" auf eine Reise. Es ist die Reise zu den Worten, die nicht in den Geschichten stehen, die sich der Leser dazudenken muss. Denn in ihren Geschichten gibt es Brüche, willkürliche Sprünge, die vom Leser mitgemacht werden müssen, ob er will oder nicht.
Am intensivsten empfand ich die Geschichte "Lügen". Eine Dozentin für Fotografie versucht ihren Studenten die Wirkung von Licht und Schatten zu erklären, und wie man mit Licht Gesichter vorteilhaft wirken lassen kann. Bei einem Student, dessen verschrobenes Gesicht ihr auffällt, und der sich als Übungsobjekt freiwillig zur Verfügung stellt, gelingt ihr dies jedoch nicht.
Die Geschichten enden immer mit einem kleinen Knall. Ähnlich der Bewegung, wenn eine Türe zufällt, und man die Bewegung aus dem Augenwinkel heraus wahrnimmt, jedoch keinen Ton des Zuschlagens hört. Dies irritiert. Und so sind auch die Geschichten in dem Buch "Was wollen sie von mir" irritierend. Sie holen den Leser aus dem Alltag und werfen ihn irgendwie verändert dorthin zurück, erweitern sein Blickfeld, seinen Gedankenhorizont.
Das Buch eignet sich gut zum Lesen in öffentlichen Verkehrsmitteln, der U-Bahn, der Straßenbahn, dem Zug, wenn man auf dem Weg zur Arbeit oder Schule ist. Man beginnt, seine Umgebung vollkommen neu zu betrachten. Und vielleicht denkt man sich dabei ähnliche Geschichten aus, wie sie Doris Dörrie serviert. Aus dem Alltag, mit gewollten Brüchen in der Handlung, und irgendwo schlägt eine Türe zu. Das ist es, was die Autorin vom Leser will. Er ist selbst ein Teil der Handlung, weil er die Geschichten interpretieren soll. Starke Literatur.