Zunächst muß ich vorausschicken, daß ich kein studierter oder studierender Theologe bin, sondern zur Gruppe der interessierten Laien gehöre. Insofern kann ich natürlich keine wissenschaftlich fundierte Bewertung von Kees Buch abgeben.
Um mit dem Fazit zu beginnen: von Howard Kees Buch "Was wissen wir über Jesus" bin ich insgesamt enttäuscht. Als Leser (und Käufer) hatte ich erwartet, daß mir der Autor eine plastische Schilderung Palästinas zur Zeitenwende präsentiert, mit allden politischen, religiösen und philosophischen Bewegungen, der ökonomischen wie politischen Bedingungen der Besatzungszeit, in die er dann die Person Jesus lokalisiert, in welchen Beziehungen der historische Jesus eingebettet ist, und vielleicht noch (quasi als Zuckerchen) wie aus dem historischen Jesus der biblische wird, wie sich aus der jüdischen Sekte eine Weltkirche entspannt. Vielleicht werden ein-zwei Fragen geklärt, die sich dem Laien bei der Lektüre des Neuen Testaments stellt, vielleicht auch zwei-drei andere Fragen aufgeworfen.
So meine, vielleicht naive, Vorstellung über den Inhalt des Buches. Howard Kee hatte leider eine etwas andere Vorstellung von seinem Buch. Über das Palästina der Zeit erfährt der Leser größtenteils nur etwas in den Nebensätzen. Die Programmatik und Identität gerade der Sadduzäer und Pharisäer wird wohl einfach vorausgesetzt, die Essener werden etwas ausführlicher besprochen, aber doch auch nur, um sie von Jesus abzugrenzen. Die Person Jesu selbst wird ausschließlich anhand der Quellen dargestellt. Dies wäre an sich auch völlig in Ordnung, wenn Kee dabei etwas quellenkritischer vorgegangen wäre. Leider werden die Bücher des Neuen Testaments von ihm aber sehr gleichförmig behandelt. Zwar verwendet er viel Mühe darauf, Markusevangelium und Logienquelle von den anderen Evangelien abzugrenzen, bei den Briefen stellt er aber die Authentizität nicht in Frage - und im übrigen ist alles was drinnen steht (quasi per Definition / göttlicher Offenbarung) historisch auch als wahr zu erachten.
Letztlich ist das Büchlein keine Darstellung des historischen, sondern eben des biblischen Jesus (dies auch nur in einer Synthese des gesamten NT, ohne dessen historische Entwicklung, Stichwort Judenchristen - Heidenchristen, zu beachten). Von der Lesbarkeit macht es nicht den Eindruck, für ein breiteres Publikum geschrieben zu sein, sondern erinnert eher an eine Zusammenfassung für Theologiestudenten des ersten Semesters.
Howard Kee war von 1977 bis 1988 Professor für Neues Testament an der Universität Boston, einer Hochschule, die, soweit ich eruieren konnte, der Methodistischen Kirche zumindest nahesteht. Vielleicht, und hier lehne ich mich als Nichtwissenschaftler nun sehr weit aus dem Fenster, ist das Buch eine Reflexion einer sehr viel unkritischeren (und ahistorischen) Jesus-Rezeption in den Staaten. Zumindest habe ich den Eindruck, ein (ernstzunehmender) deutscher Wissenschaftler hätte ein Buch dieses Titels in dieser Form nicht geschrieben.
Weitaus hilfreicher sind Gerd Theißens "Das Neue Testament" und Jürgen Roloffs "Jesus", beide bei Beck Wissen erschienen. Hier kann man sich weitaus umfassender, besser, aktueller und auch lesbarer über den Forschungsstand unterrichten.