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Was war los in Hannover 1950-2000 [Broschiert]

Thilo Girndt


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Kurzbeschreibung

2001
Es gibt zwei Möglichkeiten, sich über Hannover zu äußern. Die erste ist: "Hannover ist langweilig." Das sagen Auswärtige und andere Ignoranten. Hannoveraner, egal ob Publizisten, Fremdenverkehrsmanager oder Messemuttis, bevorzugen die zweite Variante: "Hannover ist langweilig, aber...!" Zunächst bekrittelt der Bewohner dieser Stadt die offensichtlichen Schwächen und entschuldigt mehrmals sein Hannoveranertum mit Zufällen und höherer Gewalt. Dann langsam kommt er auf die Vorzüge zu sprechen und endet in der Regel mit dem Satz: "So schlecht ist Hannover gar nicht."

Genau das redete ich mir auch ein, als ich 1997 in die Stadt zog, durch Zufall natürlich. Die alten und neuen Hannoveraner erwiesen sich jedoch schnell als angenehm im Umgang, das Leben als entspannt und durchaus vielfältig. Das leidige Geschwätz um "Provinz oder Metropole" muss den Anwohner nicht weiter kümmern, wenn er nicht gerade im Urlaub gegenüber Berlinern oder Hamburgern seinen Wohnort verteidigen muss. Da ich gerade aus Bonn kam - jahrelang als mickriges Bundesdorf und Kölner Vorort verschrien - war das allerdings eine leichte Aufgabe für mich. Das sollte sich ändern, als der Sutton Verlag bei mir anfragte, ob ich nicht ein Buch über Hannover schreiben wolle.

Geschmeichelt sagte ich zu und musste mich fortan quasi von Berufs wegen mit den Befindlichkeiten Hannovers beschäftigen. Plötzlich war mir der latente Selbsthass und Kleinheitswahn der Eingeborenen und Zugezogenen allgegenwärtig. Selten, dass ich auf einen stolzen Hannoveraner traf. Ich selbst beobachtete mich bei Fragen wie "Glauben Sie denn wirklich, dass man über Straßenkunst das Image dieser Stadt verbessern kann, Herr Oberbürgermeister?" oder "Wird Ihnen in Ihrer täglichen Arbeit die viel zitierte Mittelmäßigkeit der Bewohner dieser Stadt bewusst?"

Leider ist nichts langweiliger, als über die Langweiligkeit beziehungsweise Nicht-Langweiligkeit von Hannover zu schwadronieren, für Hannoveraner allemal. Doch jedes Superlativ und sogar jede spannende Geschichte über die Stadt gerät zur Rechtfertigung, da die Sache mit der Langeweile bei allem mitschwingt. Wollte ich meiner Umgebung abends beim Bier mitteilen, dass Hannover einst eine Kinometropole und Sportstadt war, dass hier die ersten Jugendkrawalle und die einzige erfolgreiche Revolution der deutschen Nachkriegsgeschichte stattgefunden haben, erntete ich kein "Das ist ja interessant!", sondern vielmehr ein "Das hätte ich ja nicht gedacht!"

"Hannover überrascht" ist folgerichtig der gerade aktuelle Werbeslogan für die Stadt. Keine andere Großstadt wäre wohl auf die Idee gekommen, von vornherein ihr Image so einzuschätzen, dass alles Positive überraschen muss. Hannover schon. Im übrigen ist "Image" ein Ausdruck, der in oder auch für Hannover erfunden worden ist. Als man den Begriff anderswo noch gar nicht kannte, machte man hier schon groß angelegte Studien darüber und stellte Deutschlands ersten "Imagepfleger" an. Geholfen hat das alles nicht so recht, wie man jüngst bei der EXPO sehen konnte. Trotz Weltausstellung wird sich die Welt auch zukünftig über Hannover lustig machen und die - ha ha - Leinemetropole ihren Ruf als fade Messestadt behalten.

"Bleibt der Ruf auch ruiniert, in Hannover lebt's sich unbeschwert", möchte man da ganz in der Tradition des großen Hannoveraners Wilhelm Busch dichten. Sollen die Harald Schmidts dieser Welt doch kalauern: "Hannover, das ist die Autobahnabfahrt zwischen Göttingen und Walsrode. Die Stadt liegt nicht am Arsch der Welt, aber man kann ihn von dort aus ziemlich gut sehen." Sich scheinbar selbst verleugnend lacht der Hannoveraner sogar ein bisschen mit und weiß doch in seinem Herzen, was er an seiner Stadt hat. Mögen die Anderen ruhig spotten. Manche behaupten gar, die Bewohner von Hannover pflegen das schlechte Renommee ihrer Stadt ganz beharrlich, damit niemand merkt, wie prima es hier eigentlich ist.

Nun Schluss damit! Doch man sieht sofort: Keine Chance für einen, der über Hannover schreiben will und eigentlich kein Wort über die Provinzialität der Stadt verlieren wollte. Schon im Vorwort gescheitert. Trotzdem möchte ich in den nächsten fünf Kapiteln Geschichte und Geschichten von Hannover erzählen, von den wilden oder biederen Fünfzigern bis zu den biederen oder wilden Neunzigern. Geschichten über Menschen, die in dieser Stadt wohnen und Dinge tun, die sie vielleicht nur hier tun können. Geschichten über Ereignisse, die hier passiert sind und vielleicht nur hier passieren konnten: Von der Messemutti über die Heavy Metal-Musikerin zur Markthallenverkäuferin, vom Halbstarken über den Stadtplaner bis hin zum Rugbyspieler. Von "Grün ist die Heide" bis zur EXPO, vom Roten Punkt zu den Chaostagen.

Man mag sich fragen, was ein Hannover-Greenhorn überhaupt fundiert über die letzten fünfzig Jahre dieser Stadt schreiben kann. Sicher nicht wie ein Anekdoten aus dem Ärmel schüttelnder Romancier, der locker flockig durch die Historie schreitet. Vielmehr habe ich Hannoveraner gesucht und gefunden und mir von ihnen ihre Geschichten erzählen lassen. Manche habe ich mit anderen Menschen zusammen gebracht und über hannoversche Phänomene diskutieren lassen. Dabei war mir wichtig, dass alle auch ausführlich selbst zu Wort kommen in diesem Buch.

Natürlich bleibt die Auswahl der Menschen und Ereignisse exemplarisch. Vielleicht hätte ich etwas über die Helden von Hannover 96, die Bahlsen-Brüder oder die Top-Mediziner der MHH schreiben sollen. Vielleicht wäre das Schützenfest ein Muss gewesen. Oder doch die Reincarnation Parade oder das kleine Fest im Großen Garten. Die Vielfalt des Außergewöhnlichen oder des zumindest Bemerkenswerten in der jüngeren Geschichte Hannovers ist so groß, dass man auswählen muss. Vielleicht haben die Image-Strategen der Stadt also doch recht: Hannover überrascht!


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